„Ich werde meine Prinzipien nicht aufgeben“ – zum Tod von Nina A. Andrejeva

Einleitung

Am 20. Juli 2020 starb Nina Alexandrovna Andrejeva.
Geboren am 12. Oktober 1938 in einer Leningrader Arbeiterfamilie wurde sie Chemikerin und Hochschullehrerin. Seit 1966 war sie Mitglied der KPdSU. Einen Parteiausschluss in den 1970er Jahren revidierte die Zentrale Kontrollkommission der KPdSU 1981.  Einer breiten Öffentlichkeit in der Sowjetunion wurde sie durch die hier in deutscher Übersetzung dokumentierte politische Veröffentlichung bekannt[1]. In diesem Text kritisierte sie den Verlauf der Entwicklung, die die KPdSU unter dem Vorzeichen von „Perestrojka“ und „Glasnost“ nahm. Das Echo ihrer Äußerung zu diesem Thema war scharf. Sie wurde bezichtigt, eine oppositionelle Plattform in der Partei aufzubauen. Ihre Versuche, das Ende der KPdSU und der UdSSR zu verhindern schlugen fehl. Ihr weitere politischer Weg führte sie später schließlich in die „Kommunistische Allunionspartei der Bolschewiki“ (VKPB)[2], zu deren Leitung sie gehörte.[3]

Beurteilt man allein den 1988 veröffentlichten Text, fällt auf, wie vorsichtig Andrejeva ihre Kritik formulierte – darauf bedacht, keinen klaren Bruch mit ihrer Partei und deren Führung zu riskieren. Dem dienen sogar zwei Zitate Gorbatschows in ihrem Text. Aus heutiger Sicht scheint das verwunderlich, kann doch inzwischen am expliziten Willen Gorbatschows kein Zweifel mehr bestehen, die UdSSR und die KPdSU nicht nur umzugestalten, sondern sie in einen bürgerlichen Staat und in eine sozialdemokratische Partei umzuformen. In diesem Sinn und allem, was daraus folgt, ist er bis heute tätig[4].

Bei Andrejeva fehlt 1988 noch jeder explizite Hinweis auf den modernen Revisionismus[5] und seine zerstörerische Wirkung nicht nur in der KPdSU, sondern weit darüber hinaus in der kommunistischen Bewegung der Welt. Ob die Positionen Andrejevas sich erst nach 1990 weiter radikalisierten oder ob sie bereits 1988 klar sah, worauf der Weg der KPdSU hinauslief, muss hier eine offene Frage bleiben. Klar ist allerdings, daß sie zu denen gehörte, die „ein Leben lang“ kämpfen, wie es Brecht einmal für die „unersetzlichen“ charakterisierte. Um es mit der Metaphorik aus dem oben verlinkten Gorbatschow-Werbevideo für Pizza zu sagen: Andrejeva solidarisierte sich bis zum Schluss mit der wie zum Hohn zu allerletzt in diesem Werbespot gezeigten Person und kämpfte mit ihr und jener Bevölkerungsmehrheit, die mit der Entwicklung im heutigen Russland und den Nachfolgestaaten der UdSSR nicht zufrieden sein können.

In diesem Sinn ist Andrejevas Text von 1988 ein wichtiger Mosaikstein für jenen Klärungsprozess der kommunistischen Bewegung, der gerade erst beginnt. Gegenwärtig ist er noch von Uneinigkeit und Zersplitterung gekennzeichnet, aber es gibt auch gegenläufige Tendenzen, die sich heute vor allem um die Positionen und die Arbeit der Kommunistischen Partei Griechenlands gruppieren. Wenn er Erfolg hat – Nina Andrejeva hat ihren wichtigen Beitrag dazu geleistet.

Eine deutsche Übersetzung des russischen Originals von „Ich werde meine Prinzipien nicht aufgeben“[6] wurde bereits einmal am 2./3. April 1988 in „Neues Deutschland“ veröffentlicht. Da der Text aber in dieser Form einer interessierten Öffentlichkeit schwer zugänglich ist, wurde er hier erneut übersetzt. Es existiert zudem ein französischer Artikel darüber in „Chantiers – Journal du Rassemblement Communiste“, Juli 2020[7], ein chilenisches Video mit einer Würdigung ihrer Person[8] sowie ein Nachruf ihrer Organisation (s.o.). Nicht erwähnt werden sollen hier ironisierende und feindselige Artikel, die nach ihrem Tod natürlich auch erschienen.

Die Übersetzung und deren redaktionelle Bearbeitung ist unsere gemeinsame Arbeit.
Photinia / Hans Christoph Stoodt


Nina Alexandrowna Andrejeva,
Ich werde meine Prinzipien nicht aufgeben
Советская Россия, 13. März 1988, S. 2

Ich habe mich nach langem Nachdenken entschlossen, diesen Brief zu schreiben.
Ich bin Chemikerin und Dozentin am Leningrader Technologischen Institut „Lensovjet“.
Wie viele andere bin ich Tutorin einer Studentengruppe. Heute, nach einer Zeit sozialer Apathie und intellektueller Abhängigkeit, werden die Schüler allmählich mit der Energie revolutionärer Veränderungen aufgeladen. Natürlich entstehen Diskussionen – über die Wege der Perestroika, ihre wirtschaftlichen und ideologischen Aspekte. Öffentlichkeitsarbeit, Offenheit, das Verschwinden von Zonen, die für Kritik verboten sind, die emotionale Intensität im Massenbewusstsein, insbesondere unter Jugendlichen, manifestieren sich häufig in der Formulierung solcher Probleme, die bis zu einem gewissen Grad auch von westlichen Radiostimmen oder auch von denen unserer Landsleute „vorgeschlagen“ werden, die nicht sattelfest sind in ihren Konzepten vom Wesen des Sozialismus. Und worüber kann man nicht alles reden! Über ein Mehrparteiensystem, über die Freiheit der religiösen Propaganda, über das Leben im Ausland, über das Recht auf eine breite Diskussion über sexuelle Probleme in der Presse, über die Notwendigkeit eines dezentralen Kulturmanagements, über die Abschaffung des Militärdienstes. Es gibt besonders viele Streitigkeiten unter Studenten über die Vergangenheit des Landes.

Natürlich müssen wir Lehrer die dringlichsten Fragen beantworten, was neben Ehrlichkeit, Wissen, Überzeugung, kultureller Einstellung, ernsthaftes Denken und ausgewogene Bewertungen erfordert. Darüber hinaus werden diese Eigenschaften für alle Pädagogen und nicht nur für Mitarbeiter der sozialwissenschaftlichen Fakultäten benötigt.

Unser Lieblingsort für Spaziergänge mit den Schülern ist der Park in Peterhof. Wir gehen die schneebedeckten Wege entlang, bewundern die berühmten Paläste, Statuen – und streiten uns. Darauf kann man wetten! Junge Seelen sind bestrebt, alle Schwierigkeiten zu verstehen und ihren Weg in die Zukunft zu bestimmen. Ich schaue auf meine heißen jungen Gesprächspartner und denke: wie wichtig ist es, ihnen zu helfen, die Wahrheit zu finden, ein korrektes Verständnis für die Probleme der Gesellschaft zu entwickeln, in der sie leben und die sie neu aufbauen müssen, und für sie das richtige Verständnis unserer langen und jüngeren Geschichte zu bestimmen.

Welche Ängste kommen da vor? Ein einfaches Beispiel: Man würde denken, über den Großen Vaterländischen Krieg und den Heroismus der daran Beteiligten sei genug geschrieben worden. Aber neulich fand in einem der Studentenwohnheime unseres „Technolozhki“ ein Treffen mit dem Helden der Sowjetunion, Oberst V.F. Moloseew statt. Unter anderen wurde ihm die Frage über politischen Repressalien in die Armee gestellt. Der Veteran antworte, er selbst habe solche Repressalien nie erlebt oder gesehen. Viele, die mit ihm zusammen in den Krieg gezogen sind und bis zu Ende daran teilnahmen, seien große Militärführer geworden.
Einige waren enttäuscht über diese Antwort. Das Thema von „Repressalien“ ist so etwas wie eine aufgeblähte Metapher im Bewusstsein eines Teils der Jugend geworden. Es verdeckt objektives Denken über die Vergangenheit.
Solche Beispiele sind keine Einzelfälle. Natürlich ist es sehr erfreulich, dass selbst die „Technikfreaks“ stark an theoretischen sozialwissenschaftlichen Problemen interessiert sind. Aber es sind zu viele Dinge aufgetaucht, die ich nicht akzeptieren kann und denen ich nicht zustimmen kann. Wortgeklingel über „Terrorismus“, „politische Unterwürfigkeit des Volkes“, „flügellose soziale Vegetation“, „unsere geistige Sklaverei“, „universelle Angst“, „die Dominanz der Machthaber“ … Oft sind diese Fäden in die Geschichte der Übergangszeit zum Sozialismus unseres Landes eingewoben. Daher sollte es nicht überraschen, dass beispielsweise bei einigen Studenten nihilistische Gefühle zunehmen, ideologische Verwirrung, eine Verschiebung der politischen Richtlinien und sogar ideologische Allesfresser auftreten. Manchmal hört man Aussagen, dass es Zeit ist, die Kommunisten vor Gericht zu stellen, die angeblich das Leben des Landes nach 1917 „entmenschlichten“.

Die Plenarsitzung des Zentralkomitees im Februar betonte erneut die dringende Notwendigkeit, dass „junge Menschen eine klassenorientierte Sicht der Welt lernen, ein Verständnis für die Beziehung zwischen universellen und Klasseninteressen, einschließlich eines Verständnis vom Klasseninhalt im Wesen der Veränderungen unseres Landes“. Diese Sicht von Geschichte und Moderne ist unvereinbar mit politischen Anekdoten, minderwertigem Klatsch und actiongeladenen Fantasien, denen man heute oft begegnen kann.

Ich habe sensationelle Artikel gelesen und wieder gelesen. Was können junge Menschen zum Beispiel, abgesehen von Desorientierung, Enthüllungen „über die Konterrevolution in der UdSSR um die Wende der 30er Jahre“, über Stalins „Schuld“ an der Machtübernahme des Faschismus und Hitlers in Deutschland geben? Oder eine öffentliche „Zählung“ der Anzahl der „Stalinisten“ in verschiedenen Generationen und sozialen Gruppen?

 

Wir sind Leningrader, und deshalb haben wir kürzlich einen guten Dokumentarfilm über S. M. Kirov mit besonderem Interesse gesehen. Aber der Text, der die Aufnahmen begleitete, weicht nicht nur von den Filmdokumenten ab, sondern gibt ihnen auch eine Art Mehrdeutigkeit. Zum Beispiel zeigt das Filmmaterial eine Explosion von Begeisterung, Fröhlichkeit, die Aufbruchsstimmung von Menschen, die den Sozialismus aufgebaut haben, und dazu einen gesprochenen Text, dessen Sprecher nur von Unterdrückung, Mangel an Informationen usw. spricht.

 

Wahrscheinlich war ich nicht die einzige, die von der Tatsache beeindruckt war, dass die Aufrufe der Parteiführer, die Aufmerksamkeit der „Whistleblower“ auf die Tatsachen realer Errungenschaften in verschiedenen Stadien des sozialistischen Aufbaus zu lenken, wie auf Befehl immer mehr „Enthüllungen“ hervorrufen.

Ein bemerkenswertes Phänomen in diesem leider kargen Feld ist das Theaterstück von M. Shatrov[9]. Am Eröffnungstag des XXVI. Parteitags besuchte ich zufällig sein Stück „Blaue Pferde auf rotem Gras“.[10] Ich erinnere mich an die nervöse Reaktion junger Menschen an der Stelle, als Lenins Sekretär versucht, seinen Kopf aus einer Teekanne zu begießen und ihn dabei mit dem unvollendeten Modell einer Tonskulptur verwechselt. Übrigens kamen einige der jungen Leute mit vorbereiteten Bannern, mit Inhalten, die unsere Vergangenheit und Gegenwart mit Dreck bewerfen sollten.
Als der Frieden von Brest geschlossen wird kniet Lenin auf Geheiß des Dramatikers und Regisseurs vor Trotzki – eine Art symbolische Verkörperung des Autorenkonzepts. Das setzt sich später im Stück Stück „Weiter … Weiter … Weiter![11]“ fortgesetzt. Natürlich ist das Stück keine historische Abhandlung. Aber in einem Kunstwerk wird die Wahrheit schließlich nur durch die Position des Autors bestimmt. Besonders wenn es um politisches Theater geht.

 

Die Position des Dramatikers Shatrov wurde in den in den Zeitungen „Pravda“ und „Sovetskaya Rossiya“ [1] veröffentlichten Rezensionen von Wissenschaftlern – Historikern – gründlich und vernünftig analysiert. Ich möchte dazu auch meine Meinung äußern. Insbesondere kann man nur zustimmen, dass Shatrov erheblich von den akzeptierten Prinzipien des sozialistischen Realismus abweicht. Er behandelt die wichtigste Periode in der Geschichte unseres Landes, aber er verabsolutiert den subjektiven Faktor der sozialen Entwicklung, ignoriert eindeutig die objektiven Gesetze der Geschichte, die sich in den Aktivitäten von Klassen und Massen äußern. Die Rolle der proletarischen Massen, der bolschewistischen Partei, wird hier auf einen Hintergrund reduziert, vor dem sich die Handlungen verantwortungsloser Politiker entfalten.

 

Die Rezensenten, die sich bei der Untersuchung spezifischer historischer Prozesse auf die marxistisch-leninistische Methodik stützten, zeigten überzeugend, dass Shatrow die Geschichte des Sozialismus in unserem Land verzerrt. Gegenstand seiner Ablehnung ist die Herrschaft der Diktatur des Proletariats, ohne dessen historischen Beitrag wir heute nichts wieder aufzubauen hätten. Ferner beschuldigt der Autor Stalin der Morde an Trotzki und Kirow, sowie, daß Stalin den kranken Lenin „blockiert“ habe. Aber ist es wirklich denkbar, solche tendenziösen Anschuldigungen gegen historische Persönlichkeiten zu erheben, ohne Beweise dazu vorlegen zu können?

Leider konnten die Rezensenten nicht nachweisen, dass der Dramatiker trotz aller Urheberrechtsansprüche kein Original ist. Es scheint mir jedoch, dass sein Stück , was seine Loik, seine Argumente und seine Motive angeht, B. Suvarichs Buch, 1935 in Paris veröffentlicht, sehr nahekommt. In seinem Stück legte Shatrov den Charakteren in den Mund, was die Gegner des Leninismus über den Verlauf der Revolution, Lenins Rolle darin, die Beziehung zwischen Mitgliedern des Zentralkomitees in verschiedenen Phasen des internen Parteikampfes behaupteten. Das ist die Essenz von Shatrovs „neuer Lesart“ von Lenin. Ich füge hinzu, dass der Autor von „Kinder des Arbat“, A. Rybakov, offen zugegeben hat, dass er bestimmte Themen aus Emigrantenpublikationen entlehnt hat.

 

Ich habe die Stücke noch nicht gelesen. Über „Weiter … Weiter … Weiter!“ (bislang unveröffentlicht), habe ich aber bereits die lobenden Kritiken in einigen Veröffentlichungen gelesen. Was bedeutet diese Eile? Später fand ich heraus, dass die Rezensionen in großer Hast erstellt wurden.

 

Kurz nach dem Februar-Plenum veröffentlichte die Prawda einen Offenen Brief „In einem neuen Kreis?“, unterzeichnet von acht führenden Repräsentanten unseres Theaters. Sie warnen vor möglichen Verzögerungen bei der Inszenierung des jüngsten Stücks von M. Shatrov. Diese Schlussfolgerung wird aus kritischen Bewertungen des Stücks gezogen, die in den Zeitungen erschienen. Aus irgendeinem Grund entfernen die Autoren des Briefes die Autoren der kritischen Rezensionen aus der Gruppe derer, „denen das Vaterland am Herzen liegt“. Wie verbindet sich dies mit ihrem Wunsch, „kraftvoll und leidenschaftlich“ die Probleme unserer alten und jüngeren Geschichte zu diskutieren? Stellt sich dabei heraus, dass nur sie ihre eigene Meinung haben dürfen? [2]

 

In den zahlreichen Diskussionen, die heute als Universitätslehrer zu buchstäblich allen sozialwissenschaftlichen Themen stattfinden, interessieren mich vor allem jene Themen, die sich direkt auf die ideologische und politische Bildung junger Menschen, ihre moralische Gesundheit und ihren sozialen Optimismus auswirken. Wenn ich mit Schülern spreche und mit ihnen über akute Probleme nachdenke, komme ich unwillkürlich zu dem Schluss, dass wir viele Verzerrungen und Einseitigkeiten angehäuft haben, die eindeutig korrigiert werden müssen. Ich möchte auf einige von ihnen eingehen.

 

Nehmen Sie die Frage nach dem Platz von J.W. Stalin in der Geschichte unseres Landes. Mit seinem Namen ist die ganze Besessenheit von kritischen Angriffen verbunden, die meiner Meinung nach weniger diese historische Persönlichkeit selbst, als vielmehr die gesamte hochkomplexe  Übergangszeit betrifft. Eine Ära, die mit der beispiellosen Leistung einer ganzen Generation von Sowjetmenschen verbunden ist, die heute allmählich aus der Sphäre aktiver Arbeit, politischer und sozialer Aktivitäten verschwinden. Industrialisierung, Kollektivierung und Kulturrevolution, die unser Land in die Reihe der großen Weltmächte gebracht haben, werden gewaltsam unter die Formel des „Personenkultes“ gepresst. Alles wird in Frage gestellt, bis hin zu dem Punkt, dass sie anfingen, auf „Reue“ der „Stalinisten“ zu bestehen (und jeder kann nach Belieben in deren Gruppe aufgenommen werden). Romane und Filme werden begeistert gelobt, in denen die Ära des Sturms geradezu gelyncht, als „Tragödie der Völker“ dargestellt wird. Manchmal funktionieren solche Versuche jedoch nicht, den historischen Nihilismus auf ein Podest zu heben. Ein Film, trotz beispielloser Werbung  und von den Kritikern geküsst, wird von der Mehrheit der Bevölkerung sehr kühl aufgenommen.
Ich füge sofort hinzu, dass weder ich noch meine Familienmitglieder etwas mit Stalin, seinen Weggefährten, seinen Vertrauten und führenden Gefolgsleuten zu tun haben. Mein Vater war Arbeiter im Hafen von Leningrad, meine Mutter war Schlosserin im Werk „Kirow“. Dort arbeitete auch mein älterer Bruder. Er, sein Vater und seine Schwester wurden in den Kämpfen mit den Nazis getötet. Einer der Verwandten wurde nach Repressionen später nach dem 20. Parteitag rehabilitiert. Gemeinsam mit allen Sowjetmenschen teile ich Wut und Empörung über die massiven Repressionen, die in den 30er und 40er Jahren unter Verantwortung der damaligen Partei- und Staatsführung stattfanden. Der gesunde Menschenverstand protestiert jedoch entschieden gegen die monochromatische Färbung widersprüchlicher Ereignisse, die sich inzwischen in einigen Presseorganen durchgesetzt hat.

 

Ich unterstütze den Aufruf der Partei, die Ehre und Würde der Pioniere des Sozialismus zu verteidigen. Ich denke, dass wir auf der Basis dieser Positionen von Klasse und Partei die historische Rolle aller Führer der Partei und des Landes, einschließlich Stalins, bewerten müssen. In diesem Fall ist es unmöglich, die Angelegenheit auf den Aspekt „Gericht“ zu reduzieren oder die Moralisierung von Personen fernab dieser stürmischen Zeit und von Personen, die damals leben und arbeiten mussten, zu abstrahieren. Sie arbeiten weithin so, dass es auch heute noch ein inspirierendes Beispiel für uns ist.

Für mich wie für viele Menschen spielen direkte Belege von Zeitgenossen, die ihm sowohl auf unserer Seite als auch auf der anderen Seite der Barrikade direkt begegneten, eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung Stalins. Letztere sind nicht uninteressant. Nehmen wir zum Beispiel Churchill, der 1919 stolz auf seinen persönlichen Beitrag zur Organisation der militärischen Intervention von 14 ausländischen Staaten gegen die junge Sowjetrepublik leistete und genau vierzig Jahre später gezwungen war, diese Worte zu verwenden, um Stalin, einen seiner gewaltigen politischen Gegner, so zu charakterisieren:

„Er war eine herausragende Persönlichkeit, geformt von unserer grausamen Zeit, der Zeit, in der sein Leben sich abspielte. Stalin war ein Mann von außerordentlicher Energie, Gelehrsamkeit und unbeugsamer Willenskraft, scharf, hart, gnadenlos im Verhandeln wie im Gespräch, dem man sich kaum widersetzen konnte. Ich selbst brachte das einmal im englischen Parlament zur Sprache. In seinen Werken ertönte eine gigantische Kraft. Diese Kraft Stalins ist so groß, dass er unter den Führern aller Zeiten und Völker einzigartig scheint. Sein Einfluss auf die Menschen ist unwiderstehlich. Als er in Jalta die Konferenz-Halle betrat, standen wir alle wie auf Befehl auf. Und seltsam – wir alle legten unsere Händen an die Hosennaht. Stalin besaß tiefe logische und treffsichere Weisheit, frei von jeglicher Panik. Er war ein unübertroffener Meister darin, in schwierigen Zeiten einen Ausweg aus der hoffnungslosesten Situation zu finden. Er war ein Mann, der seinen Feind durch die Hände seiner Feinde zerstörte. Uns, die er offen Imperialisten nannte, zwang er, gegen die Imperialisten zu kämpfen. Er hat Russland in den Zeiten des Pflugs übernommen und es mit Atomwaffen ausgerüstet hinterlassen.“

Keine Fehleinschätzung oder politische Konjunktur können eine solche Einschätzung der treuen Garde des britischen Empire „erklären“.

Die Hauptpunkte solcher Charakterisierungen finden sich in de Gaulles Memoiren, in den Memoiren und in der Korrespondenz anderer politischer Persönlichkeiten in Europa und Amerika, die sich mit Stalin als militärischem Verbündeten und Klassengegner befassten.

 

Signifikantes und wichtiges Material für Überlegungen zu diesem Thema sind aber auch inländische Dokumente, die ja allen zur Verfügung stehen. Nehmen Sie mindestens die zweibändige Korrespondenz des Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR mit den US-Präsidenten und Premierministern Großbritanniens während des Großen Vaterländischen Krieges von 1941-1945, die 1957 von „Politisdat“ veröffentlicht wurde. Diese Dokumente machen zu Recht stolz auf unseren Staat, seinen Platz und seine Rolle in einer turbulenten, sich verändernden Welt.
Ich erinnere mich auch an eine Sammlung von Berichten, Reden und Befehlen Stalins während des letzten Krieges, in dem heroische Generation der „Sieger über den Faschismus“ aufgewachsen ist. Sie sollte, durchaus unter Einbeziehung damals geheimer Dokumente wie der dramatischen Anordnung Nr. 227 erneut veröffentlicht werden, auf der ja einige Historiker bestehen [3]. Alle diese Dokumente sind unserer Jugend unbekannt. Besonders wichtig für die Förderung des historischen Bewusstseins sind die Erinnerungen der Kommandeure Shukow, Wassiljewski, Golowanow, Schtemenko und des Flugzeugkonstrukteurs Jakowlew, die den Oberbefehlshaber aus erster Hand kannten.

 

Unnötig zu erwähnen, dass diese Zeit sehr hart war. Es ist wahr, dass persönliche Bescheidenheit damals das Niveau der Askese erreichte. Ich schäme mich weiterhin nicht dafür, dass Millionen angehender sowjetische Millionäre damals immer wenig Lust hatten, in die Stille der unzähligen Büros und Handelsbasen zu schlüpfen. Darüber hinaus waren wir nicht so sachlich und pragmatisch und bereiteten junge Menschen nicht auf die Feinheiten der Verschwendung von ihren Eltern verdienter Privilegien vor, sondern auf Arbeit und Verteidigung, ohne dabei die geistige Welt der Jugend mit „Meisterwerken“ von außerhalb und dem einheimischen Handwerk der Massenkultur zu beschädigen.

Aus langen offenen Gesprächen mit jungen Gesprächspartnern ziehen wir die Schlussfolgerung, dass die Angriffe auf die Diktatur des Proletariats und die damals führenden Repräsentanten unseres Landes und auf den Staat nicht nur politische, ideologische und moralische Gründe haben, sondern auch ihre soziale Basis. Es gibt viele, die daran interessiert sind, den Umfang dieser Angriffe zu erweitern, und zwar nicht nur auf der anderen Seite unserer Grenzen. Zusammen mit den professionellen Antikommunisten im Westen, die vor langer Zeit den angeblich demokratischen Slogan des „Antistalinismus“ gewählt haben, leben und lebten die Nachkommen der von der Oktoberrevolution gestürzten Klassen, die keineswegs alle die materiellen und sozialen Verluste ihrer Vorfahren vergessen konnten. Dies sollte auch die geistigen Erben von Dan und Martov einschließen, andere aus dem Bereich der russischen Sozialdemokratie, geistige Anhänger Trotzkis oder Yagodas, die Nachkommen der vom Sozialismus besiegten NEP-Leute, Basmatchi und Kulaken.

 

Wie Sie wissen, wird jede historische Figur von spezifischen sozioökonomischen und ideologisch-politischen Bedingungen bestimmt, die einen entscheidenden Einfluss auf die subjektiv-objektive Auswahl von Menschen haben, die sich der Lösung bestimmter sozialer Probleme stellen. Nachdem ein solcher Funktionsträger an die Spitze der Geschichte getreten ist, muss er, um „über Wasser zu bleiben“, die Bedürfnisse der Ära und der führenden sozialen und politischen Strukturen befriedigen, sich in seine Aktivitäten an objektiven Gesetzen orientieren – oder unweigerlich untergehen.

 

Letztlich lassen sich zum Beispiel nur wenige Menschen heute von der Frage der persönlichen Qualitäten Peters des Großen ablenken – aber jeder erinnert sich daran, dass das Land während seiner Regierungszeit das Niveau einer großen europäischen Macht erreicht hat. Die Zeit hat das Ergebnis verdichtet, das jetzt in der Bewertung des Historischen liegt und die nie verwelkenden Blumen auf seinem Sarkophag in der Kathedrale der Peter-und-Pauls-Festung verkörpern den Respekt und die Dankbarkeit unserer Zeitgenossen, die zugleich weit von einer Zustimmung zur Autokratie entfernt sind.
Ich denke, egal wie widersprüchlich und komplex diese oder jene Figur der sowjetischen Geschichte sein mag, ihre wahre Rolle beim Aufbau und der Verteidigung des Sozialismus wird früher oder später ihre objektive und eindeutige Bewertung bestimmen. Eindeutig nicht im Sinne einer einseitigen, schöngefärbten oder eklektischen Zusammenfassung widersprüchlicher Phänomene, die es mit Vorbehalten ermöglicht, einen Subjektivismus zu erzeugen, „zu vergeben oder nicht zu vergeben“, „aus der Geschichte zu verbannen“ oder in ihr „einen Platz einzuräumen“. Eindeutig bedeutet vor allem eine konkret-historische, nicht-opportunistische Einschätzung, in der sich – nach dem historischen Ergebnis! – die Dialektik der Entsprechung der Tätigkeit eines Einzelnen zu den Grundgesetzen der Entwicklung der Gesellschaft manifestiert. In unserem Land waren diese Gesetze mit der Lösung der Frage „wer – wen?“ in nationalen und internationalen Aspekten verbunden. Wenn wir der marxistisch-leninistischen Methodik der historischen Forschung folgen, ist es laut M. S. Gorbatschow zunächst notwendig, klar zu zeigen, wie sie gelebt haben, wie sie gearbeitet haben, woran Millionen von Menschen geglaubt haben, wie Siege und Misserfolge, Entdeckungen und Fehler, hell und tragisch, die revolutionäre Begeisterung der Massen und die Verletzung der sozialistischen Legalität und manchmal Verbrechen zueinander im Verhältnis standen.

Kürzlich verwirrte mich eine Studentin mit der Offenbarung, der Klassenkampf sei ein ebenso veraltetes Konzept wie die Rolle des Proletariats als revolutionäres Subjekt. Gut, das war die Stimme einer einzelnen. Ein heftiger Streit wurde zum Beispiel durch die jüngste Behauptung eines angesehenen Mitglieds der Akademie der Wissenschaften ausgelöst, dass die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Staaten zweier verschiedener sozioökonomischer Systeme keinen Klasseninhalt aufwiesen. Ich gebe zu, dass dieses Akademiemitglied es nicht für notwendig hielt, zu erklären, warum er mehrere Jahrzehnte lang das genaue Gegenteil dessen schrieb – dass nämlich friedliches Zusammenleben nichts anderes als eine Form des Klassenkampfes auf internationaler Ebene ist. Es stellt sich heraus, dass der Philosoph dies jetzt aufgegeben hat. Nun, Ansichten ändern sich manchmal. Es scheint mir jedoch, dass die Pflicht eines führenden Philosophen ihn noch immer verpflichtet, zumindest denjenigen zu erklären, die bei ihm oder beim Lesen seiner Bücher studiert haben: ist es nicht auch heute so, dass die internationale Arbeiterklasse in der Form ihrer Staaten und ihrer politischen Organisationen gegen das Weltkapital kämpft?

Im Zentrum vieler aktueller Diskussionen steht meines Erachtens dieselbe Frage: Welche Klasse oder Schicht der Gesellschaft ist die führende und mobilisierende Kraft für die Perestroika? Dies wurde insbesondere in einem Interview mit dem Schriftsteller A. Prokhanov in unserer Stadtzeitung „Leningradsky Rabochy“ gesagt. Prokhanow geht davon aus, dass die Besonderheit des gegenwärtigen Zustands des öffentlichen Bewusstseins durch das Vorhandensein von zwei ideologischen Strömen oder, wie er sagt, „alternativen Türmen“ gekennzeichnet ist, die aus verschiedenen Richtungen versuchen, den „in Schlachten gebauten Sozialismus“ in unserem Land zu überwinden. Der Schriftsteller übertreibt die Bedeutung und Schwere der gegenseitigen Konfrontation zwischen diesen „Türmen“ und betont dennoch zu Recht, dass „sie nur darin einig sind, die sozialistischen Werte zu zerschlagen“. Aber beide sind, wie ihre Ideologen versichern, „für die Perestroika“.

Der erste und am weitesten verbreitete ideologische Strom, der sich länger schon im Zuge der Perestroika gezeigt hat, behauptet, ein Modell eines liberalen intellektuellen Sozialismus zu sein, angeblich der Sprecher des wahrsten und „reinsten“ Humanismus aller Klassen und Schichten. Ihre Anhänger stellen dem proletarischen Kollektivismus die „individuellen Wertes des Subjekts“ entgegen – mit modernistischen Bestrebungen im Bereich der Kultur, gottsuchenden Tendenzen, technokratischen Idolen, der Verkündigung der „demokratischen“ Reize des modernen Kapitalismus und der Gunst seiner realen wie phantasierten Errungenschaften. Ihre Vertreter behaupten, wir hätten den falschen Sozialismus aufgebaut, und erst heute habe es „zum ersten Mal in der Geschichte ein Bündnis zwischen politischer Führung und fortschrittlicher Intelligenz gegeben“. In einer Zeit, in der Millionen von Menschen auf unserem Planeten an Hunger, Epidemien und militärischen Abenteuern des Imperialismus sterben, fordern sie die Entwicklung eines „Gesetzbuchs zum Schutz der Tierrechte“, verleihen der Natur außergewöhnliche, ja übernatürliche Intelligenz und argumentieren, dass Intelligenz keine soziale, sondern eine biologische Qualität ist, genetisch von den Eltern auf die Kinder übertragen. Können Sie mir erklären, was das alles bedeutet?

Es sind die Befürworter des „liberalen Sozialismus“, die die Tendenz prägen, die Geschichte des Sozialismus zu verfälschen. Sie erzählen uns, dass in der Vergangenheit des Landes nur Fehler und Verbrechen real sind, während sie die größten Errungenschaften der Vergangenheit und Gegenwart vertuschen. Sie beanspruchen Vollständigkeit der historischen Wahrheit für sich und ersetzen das gesellschaftliche Kriterium der praktischen gesellschaftlichen Entwicklung durch akademische ethische Kategorien. Ich möchte wirklich verstehen, warum jeder führende Vorsitzende des Zentralkomitees der Partei und der Sowjetregierung nach seinem Ausscheiden aus seinem Amt kompromittiert und diskreditiert werden muss, warum gezeigt werden muss, welche schlimmsten und eingebildeten Fehler und Fehleinschätzungen bei der Lösung der schwierigsten Probleme der historischer Engpässe vorkamen. Woher haben wir eine solche Leidenschaft, die Autorität und Würde der Führer des ersten sozialistischen Landes der Welt so herabzuwürdigen?

Ein weiteres Merkmal „liberaler“ Ansichten ist eine explizite oder verschleierte kosmopolitische Tendenz, eine Art nationaler „Internationalismus“. Ich habe irgendwo gelesen, dass eine Delegation von Kaufleuten und Fabrikanten zu Trotzki „als Jude“ im Petrograder Sowjet gekommen seien und sich über die Unterdrückung durch die Roten Garde beschwerte. Er erklärte, er sei „kein Jude, sondern ein Internationalist“, was die Beschwerdeführer sehr verwirrte.

Trotzkis Konzept von „national“ bedeutete eine gewisse Abwertung und Einschränkung im Vergleich zu „international“. Und deshalb betonte er die „nationale Tradition“ des Oktobers, schrieb über das „Nationale an Lenin“, argumentierte, dass das russische Volk „kein kulturelles Erbe in sich trüge“ usw. Es ist uns fast schon irgendwie peinlich, klarzustellen, dass es das russische Proletariat war, gegen das sich die Trotzkisten aussprachen. Als „rückständig und unkultiviert“ führte es Lenin zufolge drei russische Revolutionen durch, und die slawischen Völker standen an der Spitze der Kämpfe der Menschheit gegen den Faschismus.

Was hier ausgeführt wurde, bedeutet natürlich keine Herabsetzung des historischen Beitrags anderer Nationen und Nationalitäten. Es soll nur der Vollständigkeit der historischen Wahrheit dienen. Wenn Studenten mich fragen, wie es geschehen konnte, dass Tausende von Dörfern außerhalb der Schwarzerde-Region und in Sibirien aufgegeben wurden, antworte ich, dass dies ein ebenso hoher  Preis wie für den Sieg und die Wiederherstellung der Volkswirtschaft nach dem Krieg war, zugleich aber ein unwiderruflicher Verlust zahlloser Denkmälern der russischen Nationalkultur. Und ich bin auch davon überzeugt, dass der Niedergang des historischen Bewusstseins zu einer pazifistischen Erosion der Verteidigungsbereitschaft und des patriotischen Bewusstseins führt sowie zu der Tendenz, die geringsten Manifestationen des russischen Nationalstolzes als Merkmal eines Großmacht-Chauvinismus zu beschreiben.

Eine andere Sache, die mich beunruhigt, ist folgende: einige Anhänger des militanten Kosmopolitismus sind inzwischen zum Lager offener Ablehnung des Sozialismus übergelaufen. Leider haben wir das erst richtig bemerkt, als seine Gefolgsleute mit ihren Aktivitäten vor dem Smolny oder unter den Mauern des Kremls anfingen, offensiv auf sich aufmerksam zu machen.
Darüber hinaus wird uns irgendwie allmählich beigebracht, in dem Phänomen eine Art fast harmlosen Wechsel des politischen Lagern, und nicht einen Klassen- und nationalen Verrat von Personen zu sehen, von denen die meisten mit unseren vom Volk erarbeiteten Mitteln an Universitäten studiert und ein Aufbaustudium absolviert haben. Im Allgemeinen neigen einige dazu, ihre offene Ablehnung des Sozialismus als Manifestation von „Demokratie“ und „Menschenrechten“ zu betrachten, deren Talente durch den „stagnierenden Sozialismus“ am Gedeihen gehindert werde. Dann allerdings, wenn in der „freien Welt“ das überkochende Genie nicht ganz so geschätzt wird, und sein Gewissen für die Geheimdienste des Westens sich als nicht so erforderlich erweisen, dann können sie ja zurückkommen.

Wie Sie wissen, haben K. Marx und F. Engels in Abhängigkeit von der spezifischen historischen Rolle ganze Nationen in einem bestimmten Stadium ihrer Geschichte als „konterrevolutionär“ bezeichnet – ich betone: nicht Klassen, sondern Nationen. Auf der Grundlage des Klassenansatzes zögerten sie nicht, einer Reihe von Nationen, darunter Russen, Polen sowie den Nationalitäten, zu denen sie selbst gehörten, scharfe Merkmale zu verleihen. Die Begründer der wissenschaftlich-proletarischen Weltanschauung scheinen uns daran zu erinnern, dass in der brüderlichen Gemeinschaft der sowjetischen Völker jede Nation und Nationalität „die Ehre ihrer Jugend bewahren“ und sich nicht zu nationalistischen und chauvinistischen Gefühlen provozieren lassen sollte. Der Nationalstolz und die nationale Würde eines jeden Volkes müssen organisch mit dem Internationalismus einer einzigen sozialistischen Gesellschaft verschmelzen.

Wenn die „Liberalen“ nach Westen ausgerichtet sind, versucht ein anderer „alternativer Turm“, um den Ausdruck von Prokhanow „Wächter und Traditionalisten“ zu verwenden, „den Sozialismus zu überwinden, indem man sich rückwärts bewegt“. Mit anderen Worten, um zu den gesellschaftlichen Formen des vorsozialistischen Russlands zurückzukehren. Vertreter dieses eigentümlichen „Bauernsozialismus“ sind fasziniert von diesem Bild. Ihrer Meinung nach gab es vor hundert Jahren einen Verlust an moralischen Werten, der sich im nebligen Dunst der Jahrhunderte durch die Bauerngemeinschaft angesammelt hatte. Diese „Traditionalisten“ haben zweifellos Verdienste daran, Korruption aufzudecken, Umweltprobleme fair zu lösen, den Alkoholismus zu bekämpfen, historische Denkmäler zu schützen, sich mit der Dominanz der Massenkultur auseinanderzusetzen, die zu Recht als Psychose des Konsums eingestuft wird.

Gleichzeitig mangelt es nach Ansicht der Ideologen des „Bauernsozialismus“ an Verständnis für die historische Bedeutung des Oktober für das Schicksal unseres Landes, an einer einseitigen Einschätzung der Kollektivierung als „schrecklicher Willkür gegenüber der Bauernschaft“, an unkritischen Ansichten über die religiöse und mystische russische Philosophie, sowie zu alten zaristischen Konzepten in der russischen Geschichtswissenschaft. Sie sind gekennzeichnet vom Unwillen, die postrevolutionäre Schichtung der Bauernschaft, die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse zu sehen.

Im Klassenkampf auf dem Land zum Beispiel ragen hier oft die „Dorf“-Kommissare hervor, die angeblich „die Mittelbauern in den Rücken geschossen“ haben. In dem riesigen Land, das von der Revolution geweckt wurde, gab es natürlich alle möglichen Kommissare. Aber derbestimmende Entwicklungsweg unseres Lebens wurde immer noch von den Kommissaren bestimmt, auf die geschossen wurde. Ihnen wurden die Sterne in den Rücken geschnitten, sie wurden lebendig verbrannt. Die angeblich „angreifende Klasse“ musste nicht nur mit dem Leben von Kommissaren, Sicherheitsbeamten, Dorfbolschewiki, Kommissaren bezahlen, sondern auch mit den ersten Traktorfahrern, Dorfkorrespondenten, Lehrerinnen, ländlichen Komsomol-Mitgliedern, dem Leben von Zehntausenden anderer unbekannter Kämpfer für den Sozialismus.

Die Schwierigkeiten bei der Bildung junger Menschen wird durch die Tatsache verschärft, dass informelle Organisationen und Vereinigungen nach dem Vorbild der „Liberalen“ und „Neoslawophilen“ gegründet werden. Es kommt vor, dass extremistische, provokative Elemente in ihrer Führung die Oberhand gewinnen. In jüngster Zeit wurde die Politisierung dieser Amateurorganisationen als weit von der Grundlage eines sozialistischen Pluralismus entfernt skizziert. Oft sprechen die Führer dieser Organisationen über die „Gewaltenteilung“ auf der Grundlage des „parlamentarischen Regimes“, der „freien Gewerkschaften“, der „autonomen Verlage“ usw.

All das lässt meines Erachtens nur den Schluss zu, dass es aktuell um eine Haupt- und Kardinalfrage des Landes geht – um die Frage der führenden Rolle der Partei, der Arbeiterklasse im sozialistischen Aufbau und darum, sie in der Perestroika anzuerkennen oder nicht anzuerkennen – natürlich mit allen sich daraus ergebenden theoretischen und praktischen Schlussfolgerungen für Politik, Wirtschaft und Ideologie.

Aus diesem Schlüsselproblem der sozio-historischen Perspektive leitet sich die Frage nach der Rolle der sozialistischen Ideologie in der geistigen Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft ab. Verschärft wird diese Frage übrigens bereits Ende 1917: K. Kautsky erklärte damals in einer seiner der Oktoberrevolution gewidmeten Broschüren, dass der Sozialismus sich durch eine eiserne Planung und Disziplin in der Wirtschaft – und Anarchie in Ideologie und geistigem Leben auszeichne. Dies rief den Jubel der Menschewiki, Sozialrevolutionäre und anderer kleinbürgerlicher Ideologen hervor, wurde jedoch von Lenin und seinen Mitarbeitern entschieden zurückgewiesen, die, wie sie damals sagten, die „Kommandohöhen“ der wissenschaftlich-proletarischen Ideologie konsequent verteidigten.
Erinnern wir uns: Als W.I. Lenin sich den Manipulationen des damals populären Soziologen Pitirim Sorokin bezüglich einer Statistik zu Ehescheidungen in der Petrograder Bevölkerung gegenübersah sowie den für die Religion Partei ergreifenden Schriften von Professor Wipper (beide sahen übrigens im Vergleich zu den jetzt in unserem Land veröffentlichten Schriften absolut unschuldig aus), erklärte er, das Erscheinen ihrer Veröffentlichungen aufgrund Unerfahrenheit der damaligen Verantwortlichen für die Medien bestehe darin, dass „die Arbeiterklasse in Russland es geschafft hat, die Macht zu erobern, aber sie hat noch nicht gelernt, wie man sie benutzt“.
Andererseits wies Wladimir Iljitsch darauf hin, dass diese Professoren und Schriftsteller, „nicht besser für die Bildung der Massen geeignet sind als berüchtigte Pädophile für die Rolle von Aufsehern in Bildungseinrichtungen für Jugendliche“, und daß sie vom revolutionären Proletariat „höflich hinauseskortiert“ werden sollten. Übrigens kehrten von den 164, die Ende 1922 gemäß einer Liste des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees ins Ausland deportiert wurden, viele später zurück und dienten ihrem Volk ehrlich, einschließlich Professor Wipper.

Es scheint, dass die Frage nach der Rolle und dem Ort der sozialistischen Ideologie heute eine sehr akute Form angenommen hat. Die Autoren opportunistischen Handwerks unter der Schirmherrschaft moralischer und geistiger „Säuberung“ verwischen die Grenzen und Kriterien der wissenschaftlichen Ideologie, manipulieren die Öffentlichkeit, implantieren einen Pluralismus außerhalb des Sozialismus, der die Umstrukturierung des öffentlichen Bewusstseins objektiv verlangsamt. Dies ist besonders schmerzhaft für junge Menschen, was wir, Universitätslehrer, Pädagogen an Schulen und alle, die sich mit Jugendproblemen befassen, deutlich spüren. Wie Michail Gorbatschow auf dem Februar-Plenum des Zentralkomitees der KPdSU sagte: „Wir müssen im geistigen Bereich handeln und uns hier an erster Stelle von unseren marxistisch-leninistischen Prinzipien leiten lassen – Prinzipien, Genossen, wir dürfen hier keine Kompromisse eingehen unter welchen Vorwänden auch immer“.

Wir bestehen auf diesen Prinzipien und wir werden das auch weiterhin tun. Diese Prinzipien wurden uns nicht geschenkt – wir haben sie leidvoll den scharfen Wendungen der Geschichte unseres Landes abgewonnen. [4]

Anmerkungen

[1] In einem Artikel „Was wollen wir im Spiegel der Revolution sehen?“ schreiben die Historiker Dr. V. Gorbunov und Dr. V. Zhuravlev, dass Mikhail Shatrovs Stück „Weiter … Weiter … Weiter!“, das Lenins Partei gewidmet ist, „die historische Rolle dieser Partei als führende Kraft der Revolution beim Aufbau des Sozialismus nicht zeigt … Es gibt einige führende Parteiführer, die Fehler machen, sich untereinander streiten, gegeneinander intrigieren, sich gegenseitig beschuldigen. Alle positiven Aktivitäten der Avantgarde der Werktätigen, die den welthistorischen Sieg der Oktoberrevolution und an den Fronten des Bürgerkriegs den Aufbau des Sozialismus sicherstellten und seine beispiellose Verteidigung im Großen Vaterländischen Krieg sowie die Wiederbelebung des Landes aus Schutt und Asche – all dies verliert der Autor aus den Augen.“ „Shatrow verfolgt beharrlich die Idee“, betonen die Rezensenten, „dass Stalin als dämonische Persönlichkeit es geschafft haben soll, den Naturgesetzen und Bedürfnissen des sozialistischen Aufbaus zu widerstehen, das Land von seiner historischen Linie abzuwenden, seine zu bewirken, wodurch die Stimme der Revolution unterdrückt oder unhörbar wurde … Es ist schwierig, einer solchen Auslegung der Grundgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung zuzustimmen „(„Sowjetrußland „, 28. Januar 1988).
In der Veröffentlichung „Nur die Wahrheit unterliegt nicht der Gerichtsbarkeit“ stellen die Historiker  G. Gerasimenko, O. Obichkin und B. Popov fest, dass im Drama von Michail Shatrow „der gesamte Aufbau des Sozialismus in unserem Land durch einen Sesselstreit in einem äußerst verwirrten historischen Kontext dargestellt wird, in dem es keine Feinde gibt oder Verbündete, weder richtig noch schuldig – es gibt nur einerseits die angeklagten Bolschewiki und andererseits ihre Richter:  weiße Generäle, Menschewiki und Sozialrevolutionäre. “ „Der Autor durchbricht absichtlich die Logik der Ereignisse, um so von heute aus einen Einblick in die Ereignisse von vor 70 Jahren zu erhalten, und bemerkt nicht, dass bei dieser Vermischung der Stoffe des Stücks eine ahistorische Anachronismen zum Durchbruch kamen, die sich deutlich in dem Versuch manifestieren, eine Einschätzung dessen zu geben, was heute in Lenins Namen geschieht.“ („Pravda“, 15. Februar 1988).

[2] Im Offenen Brief „In einem neuen Kreis?“ schrieben K. Lawrow, M. Uljanow, G. Tovstonogov, M. Zakharov, A. Goncharov, V. Rozov, A. Gelman und O. Efremov: „Unser Land hat tatsächlich unter Perestroika und Glasnost gelitten. Daher rühren alle Versuche, den Prozess umzukehren Egal wie hochtönend die Slogans sind, hinter denen sie sich verstecken, sie lösen Alarm aus. Das ist genau der Alarm, der durch die kritische Kampagne um M. Shatrovs neues Stück „Weiter … weiter … weiter!“ ausgelöst wird. Im Gegensatz zu einigen Historikern glauben wir daran – in einer literarischen Fiktion kann und muss Lenin nicht nur den modernen Sozialismus, sondern alles, was wir tun, bewerten“ (Pravda, 29. Februar 1988).
In einem Leitartikel, der die Diskussion zusammenfasste, hieß es dazu in der „Prawda“: „für die sorgfältige und respektvolle Haltung gegenüber der Arbeit der künstlerischen Intelligenz, aber auch für das Recht der sowjetischen Öffentlichkeit, ihre Meinung dazu öffentlich zu äußern „(ebd.)

[3] Im August 1988 wurde der Befehl des Volksverteidigungskommissars der UdSSR Nr. 227 vom 28. Juli 1942 in der sowjetischen Presse veröffentlicht. Insbesondere heißt es: „Der Feind wirft immer mehr Streitkräfte an die Front und rückt vorwärts ohne auf seine eigenen großen Verluste Rücksicht zu nehmen, er dringt tief in die Sowjetunion ein, erobert neue Gebiete, verwüstet und zerstört  unsere Städte und Dörfer, vergewaltigt, plündert und tötet die sowjetische Bevölkerung …
Kein Schritt zurück! Das muß unsere Haltung sein. Wir müssen hartnäckig bis zum letzten Blutstropfen jede Position, jeden Meter sowjetischen Territoriums verteidigen, an jedem Stück sowjetischem Land festhalten und es so weit wie möglich verteidigen. Unser Mutterland macht schwierige Tage durch. Wir müssen durchhalten und dadurch den Feind besiegen, egal was es braucht. Die Deutschen sind nicht so stark wie die Alarmisten denken. Sie kämpfen mit letzter Kraft. Ihrem Schlag jetzt standzuhalten, bedeutet, in den nächsten Monaten unseren Sieg zu sichern. “ Und ein solcher Sieg kam, wir wissen es, in Stalingrad.

[4] Der Artikel löste eine zwiespältige Reaktion in der Gesellschaft und in der KPdSU aus. Laut dem ehemaligen hochrangigen Beamten des Zentralkomitees der Partei V. Legostaev, der sich zu dieser Zeit in der Mongolei befand, „beschloss A. Jakovlev sofort, dem Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU ein Rücktrittsschreiben vorzulegen.“ J. K. Ligachov sagte am 15. März im Sekretariat des Zentralkomitees: „Am Sonntag hat „Sowjetisches Russland“ einen interessanten Artikel von Andreeva aus Leningrad veröffentlicht. Das Material ist kein Zufall. Ich bitte die Genossen Chefredakteure, auf ihn zu achten.“ Am 23. und 24. März behandelte das Politbüro auf Ersuchen von Gorbatschow Angelegenheiten des Staats und befasste sich auch mit Nina Andreeva.  Letztlich stellte der Generalsekretär sicher, dass jeder der Anwesenden auf die eine oder andere Weise Stellung nahm, distanzierte sich jedoch nicht von einem der Positionen des Artikels. … Ein Artikel von A. Jakovlev für die Prawda mit dem Titel „Die Prinzipien der Perestroika, das revolutionäre Denken und Handeln“ wurde am 5. April 1988 veröffentlicht („Den“, Nr. 16, August 1991, S. 3).

In diesem Artikel, der später als redaktionell bezeichnet wurde, wurden die Namen der kritisierten Andreeva oder der des sie kritisierenden Autors, des Sekretärs des ZK der KPdSU A. Jakowlew nicht genannt. „In diesem brillant ausgeführten, kritischen Dokument der KPdSU zur Ideologie wurde festgestellt, dass der Artikel „Ich werde meine Prinzipien nicht aufgeben“ ernsthafte Fragen auf eine Weise aufwirft, die nur als ideologische Plattform bezeichnet werden kann, als Manifestion von Anti-Perestroika-Kräften, die die Leser vielleicht zum ersten Mal in einer derart konzentrierten Form vor sich sahen.  Dieser „Brief an den Herausgeber“ ist keine Suche, keine Reflexion oder auch nur ein Ausdruck von Verwirrung, Verwirrung vor komplexen und akuten Fragen, die das Leben aufwirft, sondern die Ablehnung der Idee der Erneuerung, rigider Ausdruck einer ganz bestimmten Position, einer im Wesentlichen konservativen und dogmatischen Position. Tatsächlich durchdringen zwei Hauptthesen den gesamten Inhalt wie ein roter Faden: Warum all diese Perestroika und sind wir in den Fragen der Demokratisierung und der Glasnost zu weit gegangen? Der Artikel fordert uns auf, Änderungen und Anpassungen in den Fragen der Perestroika vorzunehmen, sonst müssen der Staatsapparat den Sozialismus retten.

Für ihr Konzept bittet die Autorin Churchill um Unterstützung. Beachten wir, dass die Laudatio, die sie in diesem Zusammenhang zu Stalin zitierte, überhaupt nicht von Churchill stammt. Der bekannte englische Trotzkist I. Deutscher sagte etwas Ähnliches. Aber auf jeden Fall ist die Frage klar: ist es sinnvoll, sich bei der Beurteilung der Führer und prominenten Persönlichkeiten unserer Partei und unseres Staates bürgerliche Quellen zu zitieren?“

In wahrhaft pluralistischer Art ersetzte dabei der Sekretär des ZK der KPdSU Churchill nicht nur verantwortungsloser Weise durch Deutscher, sondern verzerrte auch das einzige Zitat aus dem kritisierten Artikel von Andreeva, das er in seinem „Dokument des Zentralkomitees der KPdSU“ überhaupt heranzog.

 

[1] Der Text wurde bereits einmal 1988 im Neuen Deutschland in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Da er aber dort einer interessierten Öffentlichkeit nicht greifbar ist entschlossen wir uns zu dieser Form einer Neuveröffentlichung.

[2] http://www.vkpb.ru/

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Nina_Alexandrowna_Andrejewa

[4] https://www.youtube.com/watch?v=fgm14D1jHUw

[5] stellvertretend für den deutschen Sprachraum seien hier die Arbeiten Kurt Gossweilers sowie eine Reihe von Veröffentlichungen zum modernen Revisionismus in der weltweiten kommunistischen Bewegung genannt, die 2007 unter dem Titel „Niederlagenanalyse“ von „offen-siv – Zeitschrift für Sozialismus und Frieden“ herausgegeben wurden: https://offen-siv.net/Bucher/Niederlagenanalyse.pdf?id=78

[6] http://www.vkpb.ru/ideologiya-ekonomika-politika/60-ne-mogu-postupatsya-printsipami-nandreeva.html

[7] Bislang nur abrufbar unter http://www.vkpb.ru/735-posvyashchenie-sovetskomu-tovarishchu-nine-andreevoj-izdanie-zhurnala-rassemblement-communiste-frantsiya.html

[8] https://youtu.be/vGLJ4_m8wio

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Filippowitsch_Schatrow

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Blaue_Pferde_auf_rotem_Gras

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Weiter_%E2%80%A6_weiter_%E2%80%A6_weiter!

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