Für Julia Drunina

drunina Am 21. November 1991 nahm sich Julia Wladimirowna Drunina, geboren 1924, in der Nähe von Moskau das Leben. In der Bundesrepublik ist die sowjetische Dichterin und Veteranin des 2. Weltkriegs kaum bekannt.
Ihre Gedichte sind von wunderbarer Leichtigkeit und Einfachheit, Dichte und Tiefe. Die Liebe zu ihrem langjährigen Lebensgefährten Alexej Kapler, mit dem sie 1960 bis zu seinem Tod 1979 lebte, die Erfahrungen des Kriegs, kurze, genaue Beobachtungen von Alltagssituationen, verdichtet und in ihrem Wesen begriffen – das sind zentrale Inhalte ihrer Poesie.

Nicht aus der Kindheit – aus dem Krieg stamm ich“ ist der Titel eines ihrer Gedichte. Der Beginn dieses Krieges, in dem sie als Sanitäterin zweimal verwundet wurde, markierte einen Einschnitt, der bis zum Lebensende blieb:

 

Auf dem Bahnhof

Auf dem Bahnhof klickt der Uhrenzeiger,
Und der der Krieg tritt in die Stunde drei.
Wenn es stimmt, dass Starke niemals weinen,
Sind wir wohl nicht stark in mancherlei.

Meine Kindheit stirbt in dieser Stunde
In dem schweren Ton der Bahnhofsuhr.
Und die Trennung läßt schon im Bekunden
Unsrer ersten Liebe ihre Spur.

Die Allgegenwart von Trennung und Tod ist seitdem ein bleibendes Thema für die sowjetische Frau und Dichterin. Sie erlebt mitten darin Liebe und Glück, sie kämpft für die Gesellschaft, an die sie glaubt, für ihr Land. In dieser Zeit entstanden ihre wichtigsten Themen: das Leben und seine Gefährdung, Einsamkeit und Liebe und, manchmal ausdrücklich, immer in der Form ihrer Dichtung Thema und Mittel: die Reduktion auf das Wesentliche.

 

Alter Mantel

Verachtung fühlte ich nach den Gefahren
Des Kriegs für jedes Kleid nach neuester Norm.
Wie einen Nerz trug ich in jenen Jahren
Den Mantel meiner schlichten Uniform.

Bestimmt hat niemand mich darum beneidet,
Als alles, abgenutzt, den Glanz verlor.
Und doch, so elegant und reich gekeidet
Kam ich mir später niemals wieder vor.

1924 geboren, war Julia Drunina ein Kind des Sozialismus, was in fast jedem ihrer Texte verborgen oder offen zu fassen ist. Aufzugeben, an der Möglichkeit des richtigen Lebens zu zweifeln, nicht mehr zu kämpfen – das kam ihr, solange es ihre Liebe und die Gesellschaft gab, der sie entstammte und für die sie lebte, kämpfte, schrieb, nicht in den Sinn.

Misserfolge

Will nicht vor mir und keinem sonst verbergen
Was mich im Zweifel durch das Leben trug,
Es sind die Mißerfolge, die mich stärken,
und davon gibt es, Gott sei Dank, genug.

Wenn einer schwer verletzt liegt in den Flammen,
Wenn Trauer in den Augen trübt das Licht,
Beiß ich die Zähne, bis es schmerzt, zusammen
Und meine Hände sinken lass ich nicht.

Ähnlich endet das Gedicht „Toast“ :

… mein erster und mein letzter Toast auf die
die selbstlos aufstehn, ohne Garantie.

Julia Drunina war weit davon entfernt, den Krieg zu glorifizieren: „Wer sagt, ein Krieg wär heil zu überstehen, Weiß nichts vom Krieg und seinem Todesgrauen“ . Sie durchlebte, überlebte ihn, um für den Frieden zu kämpfen. Allerdings erlebte sie auch,wie sie trotz allen Grauens die Klarheit und Eindeutigkeit des Lebens im Kampf schätzen zu lernen, die sie später vermisste:

Gestern und Heute

Wie wirr die Zeit des Krieges auch erscheint,
’s war dennoch eines klar in jenen Tagen:
Der ist ein Freund – und der ein blutger Feind
Und jenen Feind galt es, im Kampf zu schlagen.

Wie hundertmal verworrner ist es heut
In einer friedlichen und klaren Zeit,
Wo Niedertracht als Edelmut erscheint,
Und sich als Freund verstellt der ärgste Feind.

Aber der Krieg war für sie auch der Ort, an dem sie trotz aller Unwahrscheinlichkeit Liebe wie einen „ungebetnen Gast“ fand und wieder verlor, Leben bewahren lernte, um Liebe und Leben kämpfte.

Ungebetner Gast

Die Liebe fand zu mir im Schützengraben
Hat mich als ungebetner Gast umgirrt.
Ich wußte nicht, daß sich das Glück erhaben
Selbst in die Schlacht von Stalingrad verirrt.

Mein morgendliches, seltsames Beginnen!
Die Windeseile meiner Jugendzeit…
Und wieder brennt der Sommer wie von Sinnen,
Und wieder fliegen Splitter daumenbreit,

Wie Stalingrader Splitter vor die Füße.
Ich bin mit meinem Schicksal nun allein.
Die Wisla nenn ich Wolga – es sind Flüsse.
Nur du wirst immer einzigartig sein.

Ihre große Liebe nach dem Krieg lebte und teilte sie mit dem Regisseur Alexej Kapler.
Wer die in deutscher Sprache vorliegenden Gedichte Druninas liest, spürt, wie besonders sie war. Das Einandergehören in allen Höhen und Tiefen ist in ihnen ablesbar, ebenso auch, wie sehr diese Liebe und das Dichten miteinander lebten, in der Verliebtheit wie in Einsamkeit, die aufriß, wenn sich die Liebenden nicht verstanden, in der Trennung voneinander und in der Rückkehr zueinander, im Alltag der Gewohnheit und der Gefahr von „Stumpfheit wie ein Block aus Eis“ , in Begehren und Lust: in der unbesiegbaren Kraft der Liebe.

Liebe

Du liegst zur Nacht hellwach in mattem Licht
Und führst Gespräche mit geschloßnem Mund.
Du sagst: So eine Schönheit ist er nicht.
Das Herz erwidert einzig: Ja, na und?

Du findest keinen Schlaf weil du nicht weißt,
Was richtig ist, was falsch und fühlst dich wund.
Du sagst: er ist vielleicht kein großer Geist.
Dein Herz erwidert einzig: Ja, na und?

Und dann erfasst dich so ein Heidenschreck.
Die Wände stürzen! Es gibt kein Versteck.
Du sagst dem Herz: Du gehst daran zugrund!
Das Herz erwidert einzig: Ja, na und?

In der Liebe zwischen Drunina und Kapler kam mit dem Schreiben und dem Leben als Künstlerin / Künstler das Lebensthema der Poetin zusammen: von einander getrennt sein und sich doch lieben – bis in die letzte Konsequenz beider Seiten dieser Situation. Es kann nicht anders sein, als daß Julia Drunina das auch aus ihrer Erfahrung des Krieges in das Leben danach hinein mitgenommen hat. Es führte bei ihr zu besonderer Klarsicht: „Ist ein Herz durch die Hölle gegangen, Sieht es schärfer als sonst irgendwann… “ fasste sie diese grundlegende Erfahrung zusammen. Sie erwartete von ihrem Gefährten, daß er das intuitiv verstand:

Seismograph

Wo ich bin erstrahlt der Berg in blau.
Wo du bist, liegt Grau auf den Alleen.
Geht es dir wie mir und fühlst du auch
Alles sich im Kopf unhaltsam drehen?

Nein, ich schicke dir kein Telegramm.
Schön ist hier die Landschaft, unbenommen.
Liebe ist ein treuer Seismograph –
Du wirst, ohne daß ich rufe, kommen.

Währenddessen las er, in ihrer Abwesenheit, ihre neuen Gedichte:

Du warst gerade gegangen, und ich,
anstatt zu arbeiten, öffnete deinen Gedichtband
und begann, deine Gedichte zu lesen.
So, als ob ich sie nicht kennen würde,
als ob ich sie zum ersten mal läse. –
Ich weinte. – So lernte ich dich kennen,
die, die sie geschrieben hat –
Unglaubliche, Ehrliche, Einzigartige.

Am liebsten wäre ich jetzt zu dir geeilt
und hätte dir davon erzählt.
Aber du bist nicht da, doch wenn du wiederkommst –
wird es mir gelingen, Dir zu erklären
wie ich mich erneut in Dich verliebt habe.
Und Du, wirst Du in der Stimmung sein es zu verstehen?

Ich verbeuge mich vor dir, meine Geliebte,
für alles, für alles.
Und vor allem für die Gedichte,
die ich gelesen habe, und in deren Licht
ich mir vollkommener vorkam.
Dein namenloser Mensch und Bewunderer.
Ich bete dich an!

(Alexej Kapler)

Was heute in der Welt des Kapitalismus und Imperialismus allenfalls verzerrt und inkonsequent, letzten Endes gar nicht erkämpft werden kann – Gleichheit aller, auch der Männer und Frauen, war für Drunina erlebte Ausgangssituation ihres Lebens und ihrer Liebe, auch sie nicht zuletzt vermittelt durch den Krieg um das Überleben des Sozialismus:


„Du bist ein Mädchen!“ hörte ich sie sagen
Doch fügte ich mich längst dem eignen Pfad
Und ging, dem Aufruf folgend, in den Tagen
Zur Front, wie ein gewöhnlicher Soldat.

Das Vaterland hat so den Zwist entschieden,
Und jenen Tag löscht kein Vergessen aus,
Ich ging zur Front für meiner Heimat Frieden
Gemeinsam mit den Jungs aus meinem Haus.

In jenem Sommer an des Krieges Flanken
War meine Schwäche plötzlich aus der Welt.
Ich muß dir, Vaterland, auf ewig danken,
Der Kampf hat mich den Söhnen gleichgestellt.

Wissenschaftler und Künstler haben, so sagte man in den sozialistischen Ländern, schon jetzt das Privileg, fast wie im Kommunismus zu leben. Drunina hätte das vielleicht von sich nicht gesagt, aber sie bestätigt in ihren Texten die besondere Verbindung von Arbeit und Bedürfnis in ihrer Dichtung, die ihr Glück und ihre Qual, ihre Arbeit ausmachte:

Das Glück

Ob es Samstag ist oder Sonntag
Ganz egal, und so soll es sein,
Immer lieb ich dich, meine Arbeit,
Wie ein übler Säufer den Wein.

Und schon ewig bin ich erlegen
Diesem lechzenden Phänomen.
Nein, kaum einer der Lebensklugen
Hat das Glück, die Qual zu verstehn.

In der Fähigkeit zu Liebe und Arbeit fielen bei Julia Drunina die ihrer Kunst günstigen gesellschaftlichen Verhältnisse des Sozialismus, ihre persönliche Fähigkeit der Poesie und zur Liebe zusammen – immer auch in Frage gestellt, gerade auch deshalb in der Lektüre ihrer Texte so so intensiv zu erleben.

In der Steppe

Es streichelt meine Schulter
Ein warmer, trockner Wind.
Ein ganz verwirrter Heuschreck
Setzt sich auf mich geschwind.

Ich wag nicht, mich zu rühren;
Stolz, daß er mir vertraut.
Die Steppe schimmert kupfern,
Wo sich ein Wasser staut.

Ein unscheinbares Bächlein,
Doch ist sein Wasser rein.
Was aufblitzt wie ein Funke,
Mag eine Zeile sein.

Die so oft in ihren Gedichten mitschwingende, Erkenntnis und Ausdruck schärfende, in ihrem Lebensweg wurzelnde Nähe von Einsamkeit und Tod schreckten sie nicht so, daß sie an Arbeit, Liebe, Leben verzweifelt wäre. Sie sah ihnen ins Auge, sie tröstete ihren Geliebten: „Mich bläst man nicht wie eine Kerze aus!“  ( „So lang ich lebe“ ), und in “ Ganz allmählich “ schildert sie die Erfahrung des Alterns im inneren Dialog mit Kapler:


Für uns beide gibt es kein Trauern,
Liebster Freund, schau mir ins Gesicht!
Bleibt vom Sommer uns kein Bedauern,
Schreckt der Schnee des Winters uns nicht.

Womit Julia Drunina nicht zurande kam, woran sie zugrunde ging, war, neben dem Tod Kaplers 1979, der Niedergang und das Ende ihres Landes, der Sowjetunion. Nur dieses Land hat eine Frau ihrer Art überhaupt möglich gemacht. Als es verschwand, fand sie sich nicht mehr zurecht. Menschen wie sie wurden für den geplanten und bewußt herbeigeführten Übergang zum Kapitalismus, für die Zerstörung der Sowjetunion und der KPdSU, für die Konterrevolution nicht gebraucht:

Veteran

Er sieht mich an, so alt wie die Epoche,
Als wäre er noch immer stark genug.
Der Sturm des Schicksals hat ihn stark gebogen,
Nicht so jedoch, daß er ihn in die Erde schlug.

Er sorgt sich, trotz des Alters, noch um alles.
Wir haben längst die Flamme kleingestellt.
Ihr Menschen eines ganz besondren Schlages,
Wie wird es ohne euch sein in der Welt?

Die Niedergangsjahre unter der Führung Gorbatschows, dessen Politik sie anfangs positiv gegenüberstand, empfand sie als Zerstörung all dessen, wofür sie gelebt hatte. Sie konnte, schreibt sie, „nur noch mit zerschrammtem Mund“ lächeln ( „Manchmal“ ). In den Augusttagen 1991 gehörte sie, Mitglied des Obersten Sowjets, zu den Verteidigerinnen des Parlamentsgebäudes in Moskau, des „Weißen Hauses“. Aber sie erkannte früh, daß politisch danach alles in eine für sie und ihre Lebensgeschichte völlig falsche Richtung lief.

Am 21. November desselben Jahres nahm sie sich das Leben. In einem Brief schrieb sie dazu: „In dieser zerfallenden Welt der Geschäftsmänner mit den eisernen Ellenbogen, ist es für ein so unvollkommenes Wesen wie mich nur möglich zu bleiben mit einem starken persönlichen Hintergrund. Darum wähle ich den Tod. Wie Rußland in den Abgrund stürzt, kann und will ich nicht sehen. Und dennoch quält der Gedanke, daß es sündhaft ist, Selbstmord zu begehen, obwohl ich nicht gläubig bin. Aber wenn es einen Gott gäbe, hätte er mich verstanden“ .

Urteilsstunde

Auf das Herz legt sich kalt und gelassen
In der Stunde des Urteils der Reif
Diese Mönchsaugen sind nicht zu fassen
Nie zuvor sah ich solch einen Streif.

Ich geh fort ohne Kraft. Aus der Ferne
Werd ich beten, wie ich’s einst erfahrn
Für euch Mutigere, hellste Sterne,
Die versuchen, mein Land zu bewahrn.

Doch ich fürchte, es wird euch mißlingen.
Mir bleibt nur, aus dem Leben zu gehn.
Und die Hölle wird Rußland verschlingen,
Doch das kann ich und will ich nicht sehn.

Julia Drunina fehlt. Ihr Fehlen schmerzt auch deshalb so sehr, weil es das Fehlen der ganzen „Epoche“ („Veteran“ , s.o.) wie in einem Brennglas zusammenfasst.

Es ist ausgeschlossen, daß das das Ende der Geschichte sein kann. Aber immer wieder ist es unfassbar, welch riesiger Schatz an Heroismus, Kraft, Kreativität, Klugheit, Mut, Tiefe, Liebe und Emotionen von den nichtswürdigen Kiefern des Kapitalismus zermalmt werden konnte und kann.

Es wird weiter gehen. Daß wir uns an Menschen wie Julia Drunina dabei erinnern können, macht Mut.

Don Quichotte

Wer sagt, daß Don Quichotte gestorben wär?
Ich bitte euch, das dürft ihr niemals glauben.
Nicht Tod, nicht Zeit kann ihm das Leben rauben.
Er ist schon wieder auf dem Weg, seht her!

Ein Haus ist sichrer als das Himmelszelt.
Und dennoch gibt es Ritter in der Welt.
Wer sagt, daß Don Quichotte gestorben wär?
Er ist schon wieder auf dem Weg, seht her!
Wer sagt, daß Don Quichotte gestorben wär?

 

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Julia Drunina, 1924 – 1991

 

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alle Zitate und Fotos aus:

Frank Viehweg, Wer sagt, daß Don Quichotte gestorben wär?
Gedichte nach Julia Drunina
Berlin, Nora-Lyrik, 2016

Александр Ганулич, „Любовь не измеряют стажем“
(https://story.ru/istorii-znamenitostej/muzhchina-zhenshchina/lyubov-ne-izmeryayut-stazhem/)
(Alexandr Ganulitch, Liebe mißt man nicht durch Erfahrung)

„Julia Wladimirowna Drunina“,
https://de.wikipedia.org/wiki/Julija_Wladimirowna_Drunina

Dichterin Yulia Drunina. Biographie, Realität. Gedichte über Liebe und Krieg, in: http://de.nextews.com/7b7820a7/

http://xn--n1abk0bi.xn--80afe9bwa.xn--p1ai/content/drunina-yuliya-vladimirovna
(Fotos und zwei Tondokumente mit der Stimme von Julia Drunina)

 

 

 

 

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