„Vielleicht“ – die Welt im Zeichen des Jona

Die erste Jahreshälfte 2019 wird möglicherweise in die Geschichtsbücher eingehen als die Zeit eines Erwachens vieler Menschen. Eines Erwachens, das für viele mit Schrecken, insgesamt aber mit einem neuen Optimismus verbunden sein mag.
Seit Jahrzehnten wissen und warnen Wissenschaftler*innen in weltweitem Konsens: ein „Weiter So“ des weitgehend kohlenstoffbasierten kapitalistischen  Energie- und Wirtschaftssystems sind tödliche Illusion. Jahrzehntelang schoben große Teile von Industrie, Politik, Medien und öffentlichem Bewußtsein der Gesellschaft die Realität einer mit naturgesetzlicher Konsequenz heraufziehenden Klimakatastrophe erst locker lächelnd und dann zunehmend genervt beiseite.
Heute ist klar: das geht nicht mehr. Wir stehen vor einem riesigen gesellschaftlichen Umbruch, den wir entweder aktiv und demokratisch selber gestalten, oder der uns von den Gesetzen der Physik und Biologie gnadenlos aufgezwungen werden wird. Um es im Sinn eines bekannten Wortes Jesu zu sagen (Markus 2,27): wir, Teil der Schöpfung Gottes, sind nicht für das Überleben eines hoffnungslos  veralteten Wirtschafts-, Industrie-, Mobilitäts- und Energiesystems da. Es muß umgekehrt sein. Wir brauchen ein schöpfungsgerechtes Wirtschaften, eine entsprechende Politik. Das ist die Alternative, vor der wir stehen.
Schauen wir in die Bibel! Zwar ist die Lage der Menschheit heute unvergleichlich ernst. Aber schon in biblischen Zeiten gab es analoge Situationen. „Geh nach Ninive und sage dieser Stadt: ihre Bosheit ist bis vor mich heraufgedrungen. Wenn ihre Bewohner nicht umkehren – in vierzig Tagen wird diese Stadt vernichtet!“ Das ist der Auftrag Gottes an den Propheten Jona.
Wir erinnern uns: der Prophet will nicht. Er flieht mit einem Schiff in die entgegengesetzte Richtung. Ein Sturm zwingt die Matrosen, den unwilligen Propheten zu opfern. Sie werfen ihn über Bord und sind gerettet. So auch Jona – aber im Bauch eines Fisches. Gleichsam wiedergeboren macht er sich, vom Fisch an Land gespuckt, dann doch auf den Weg. Und siehe da – er hat Erfolg! Ninive, eine Metropole des Mittleren Ostens, das Mainhattan der Zeit, kehrt um. Groß und Klein, Arm und Reich, Mensch und Tier halten inne. Sie unterbrechen ihren Alltag und ihren way of life. Sie gehen in sich. Sie hören mit ihrem bisherigen Lebensstil auf. Und da zeigt sich: selbst Gott kann, denn er will sich ändern. Es tut ihm leid um Ninive, die Menschen und Tiere. Er nimmt seinen Vernichtungsbeschluss zurück. Die Stadt überlebt.
Prophetinnen und Propheten gibt es auch heute: Menschen, die keine Angst haben, eine klare Zeitansage zu machen, und die, ob sie es wissen oder wollen oder auch nicht, das tun, was uns hilft, noch rechtzeitig umzukehren. Inzwischen sind es Hunderttausende sehr junge Leute, die weltweit jeden Freitag auf die Straße gehen und uns fröhlich oder auch zornig ins Ohr schreien: „Kehrt um! Sonst geht es uns allen schlecht!“. Jona zeigt: man muß sich nicht zum Propheten berufen fühlen. Ganz im Gegenteil. Prophetinnen und Propheten heute, die uns ins Gewissen reden, sind Menschen wie Greta Thunberg, Rezo, die Aktiven von „Fridays for Future“ weltweit. Ob sie sich als prophetisch beauftragt verstehen wollen weiß ich nicht. Entscheidend ist: was sie tun, kann vielleicht gerade noch rechtzeitig sein, um die Umkehr der Welt in einer bislang ungekannten Krise zu bewirken.

Vielleicht, wer weiß? Diese beiden Frageausdrücke stehen für mein Verständnis im Mittelpunkt des Propheten Jona. Es ist erst der Kapitän des Fluchtschiffs, auf dem der unwillige Prophet sich seinem Auftrag entziehen will: „vielleicht überleben wir, wenn wir herausfinden, was hinter dieser Katastrophe steckt!“ (Jona 1,6). Dann ist es der König Ninives, der sie ausspricht: wenn wir jetzt umkehren – vielleicht überleben wir dann (Jona 3,9).

Vielleicht, wer weiß! Die Wissenschaftler von „Science for Future“, die Aktivist*innen von „Fridays for Future“ oder „Ende Gelände“ sind keine Schwarzmaler und Spaßverderber. Im Gegenteil. Sie stellen klar: wir haben noch eine Chance. Ein Zeitfenster von einigen Jahren. Wir müssen es nutzen, um alles zu verändern, damit wir weiter glücklich sein und leben können. Nutzen wir den Spielraum, den uns die Worte „Vielleicht“ und „Wer weiß“ geben – im Vertrauen darauf, daß wir Menschen Gott zu schade sind, um gnadenlos uns selbst vernichten zu sollen – und mit uns die Schöpfung.

Jesus hielt viel von Jona. Als man von ihm ein Wunder forderte, um seine Macht vorzuführen, verweigerte er sich diesen Anforderungen eines damaligen Showbusiness. „Dieser Generation“, sagte er, „wird kein anderes Zeichen gegeben werden, als das Zeichen des Jona!“ (Lukas 11, 16. 29 – 35).

Das hat er auch uns gesagt. Also sperren wir die Augen und Ohren auf, hören wir hin, werden wir aktiv, um unseren Spielraum zu nutzen, den Spielraum des Vielleicht und Wer weiß – als Christinnen und Christen, als Kirchengemeinde in Griesheim und als Kirche Jesu in dieser Welt. Die Schöpfung wartet auf unser handeln. Und wir können uns auf die Reue Gottes verlassen – seine Reue, die ihn packt, uns zu vernichten. Wir haben eine große Chance!

(Artkiel im Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Frankfurt-Griesheim, Sommer 2019)

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