Das Rhein-Main-Gebiet und eine Nazi-Terrorzelle in der Bundeswehr

Alle sind überrascht und erschüttert: Nazis in der Bundeswehr? Gibt es das wirklich, fragt sich die demokratische Öffentlichkeit halb alarmiert und halb empört.

Erstaunlich wäre allenfalls, wenn es sie  nicht gäbe. Denn schließlich ist die Bundeswehr eine Gründung ehemaliger Offiziere der Nazi-Wehrmacht und seither Ort kontinuierlicher „Traditionspflege“ bis hin zum jährlichen Selbstbeweihräuchern ehemaliger Militäreinheiten von Kriegsverbrechern wie zum Beispiel der „Edelweiß-Division“ und ihrer Nachfolge-Einheit in der Bundeswehr, stationiert in Mittenwald.

Inzwischen ist die Rede von drei Bundeswehrangehörigen, die Teil einer faschistischen Terrorzelle gewesen seien. Die drei Festgenommenen stammen aus dem Rhein-Main-Gebiet.

Fragt man sich, aus welchem Umfeld sie stammen können, dann fällt antifaschistischen Aktiven sofort die Gruppe „Nationale Sozialisten Rhein-Main“ ein, die seit Jahren in der selben Gegend aktiv waren und sind. Eine Sammlung von Informationen auf dem Stand von 2011 findet sich hier (Swing Nr. 170). Noch im vergangenen Jahr, 2016, wurden zwei Neofaschisten in Frankfurt wegen Vergewaltigung verurteilt, die unter anderem bei den NSRM aktiv waren. Unvergessen sind die Polizeieinsätze im Nazi-Schwerpunktort Bergen-Enkheim 2011, mit dem eine von den NSRM mitveranstaltete Nazi-Demonstration in diesem Teil von Frankfurt gegen antifaschistische DemonstrantInnen erzwungen wurde. Weniger erfolgreich war der polizeilich-wohlwollend begleitete Versuch der NSRM, beim Ostermarsch-Auftakt in Bruchköbel 2012 und 2013 präsent zu sein. 2012 und 2013 machten ferner die beiden aus dem NSRM-Umfeld stammenden AktivistInnen Nina Miez und Maximilian Reich im Rhein-Main-Gebiet Schlagzeilen, neben Eike Grunewald bekannte Gesichter der NSRM. Das faschistische „Freie Netz Hessen“, ebenfalls mit den NSRM verbandelt, hatte 2012 und 2013 versucht, sich an den Blockupy-Protesten zu beteiligen, erhielt aber antifaschistische Platzverweise. 2015 war das FN  im Zusammenhang der FRAGIDA-Aktionen an der Hauptwache aufgetaucht.

2011 war bekannt geworden, daß sich mit Benedikt Bandura ein Aktivist der NSRM als Auszubildender bei der Stadtverwaltung Offenbach betätigte. Nachdem er geoutet worden war, flog er (Swing 170, siehe oben). Befreundet war er unter anderem mit Patrick Fischer, einem bekannten Nazi, der längere Zeit unbehelligt als Journalist tätig sein konnte.

Eine „Nazi-Szenegröße“ (Störungsmelder) bei der „Morgenpost“ in Chemnitz – warum dann nicht auch zB. als Offizier der Bundeswehr?

Es gibt reichlich Grundlagen für Nazi-Netzwerke im Rhein-Main-Gebiet. Sie sind seit langem gut bekannt. Jede Überraschung über Nazi-Terroristen in der Bundeswehr, die aus der hiesigen Region stammen, ist Heuchelei – besonders dann, wenn sie aus der Exekutive kommt. Man weiß dort in Wahrheit sehr genau Bescheid.

Es liegt kein öffentlich bekannter Beleg für eine unmittelbare Verbindung der NSRM und des FN Hessen mit der Terrorzelle um den aus Offenbach stammenden Bundeswehr-Offizier Franco A. vor. Wer die zahlenmäßig überschaubare Gruppe und die engen Binnenbeziehungen der neofaschistischen Szene in der Region kennt, wird dennoch mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß sie existierten und existieren. Alles andere wäre die eigentliche Überraschung.

Daß allerdings das derzeit öffentlich verhandelte Trio das Ende der Bundeswehr- Fahnenstange in der Frage neofaschistischer Terroraktionsgruppen in der deutschen Armee sein sollte ist ebenso unwahrscheinlich wie die öffentlich und behördlich so sorgsam gepflegte Legende von den drei ganz allein agierenden Terroristen Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe, dem sogenannten „Trio“ des NSU. Auch über deren Aufdeckung waren 2011 alle ganz erschüttert und überrascht.

Außer den migrantischen Gruppen, aus deren Reihen die Opfer kamen. Und natürlich den offiziellen und inoffiziellen MitarbeiterInnen des VS, die, wie Andreas Temme, ganz in der Nähe waren, wenn es krachte.

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