Nizza – München: Terror als Spiegelereignis

[Der folgenden Text entstand wenige Stunden nach Bekanntwerden des Anschlags von München am Morgen des 23.7. Inzwischen hat die Polizei von München bekanntgegeben, daß der Täter ein Bewunderer des „islamkritischen“ Massenmörders Anders Breivik gewesen sein soll. Die Verortung seiner Handlungsweise im Klima des herrschenden Irrationalismus wird dadurch noch offensichtlicher. Vgl. dazu den bereits Jahre vor dem Aufkommen von PEGIDA und AfD verfassten Versuch, die Ideologie der sogenannten „Islamkritik“ und ihr Gewaltpotential zu beschreiben: „Die Relgion der Islamkritik„. Seit Herbst 2014 haben HOGESA, Bachmanns PEGIDA, Michael Stürzenberger, Michael Mannheimer, Ester Seitz und die AfD sich nach Kräften bemüht zu beweisen, daß sie den durch Elfriede Springer, Thilo Sarrazin usw. gesteckten Zielen gerecht werden wollen. Wie das erste Halbjahr 2015 in Frankfurt gezeigt hat: immer mithilfe genau der Polizei, die nun für ihr „besonnenes Verhalten“ in München gefeiert wird. Biedermann und die Brandstifter … – im Grunde ein weitere Spiegelebene, die die Herrschenden und ihre Repressionsorgane hier eingezogen haben.]

München Nizza: Terror als Spiegelereignis

In Nizza hat ein französischer Attentäter aus tunesischer Familie am 14. Juli viele den Jahrestag der Revolution feiernden Menschen mit einem LKW ermordet. Er war vermutlich psychisch gestört, sozial deklassiert, familiär erledigt und verschuldet.
Gestern, am 22.7. hat ein Attentäter in einem Münchner Einkaufszentrum nach bisherigem Informationsstand neun Menschen erschossen und kam schließlich selber ums Leben. Nach der Titelseite von „Berlins größter Zeitung“ am heutigen 23.7. soll sich bei der Flucht des / der Attentäter/s folgender (kursiv gesetzter) Dialog abgespielt haben:

Mindestens neun Tote, viele Verletzte in München. Und das schrie ein Attentäter, während die Polizei nach ihm suchte:

Anwohner: Du Arschloch, du Hund, du Penner, du bist ein Wichser, du bist ein Arschloch.“

Täter: „Jetzt muß ich ’ne Waffe kaufen, um …“

Anwohner: „Weißt du was, dir gehört der Schädel engeschlagen .. Ey, der hat ’ne Schußwaffe, der Wichser!“

Täter: „Scheiß-Türken, ey…“

Anwohner: Scheiß-Kanacken … Ey, der hat ’ne Schußwaffe … der hat seine Waffe geladen. Holt die Bullen, ey!“

Täter: „Ich bin Deutscher.“

Anwohner: „Du bist ein Wichser, bist du, ein Wichser!“

Täter: „Ich bin im Hartz-IV-Viertel geboren worden.“

Anwohner: „Ja, und was baust du für einen Scheiß?“

Täter: „Ich war in stationärer Behandlung.“

Anwohner: Ja, Behandlung, du gehörst in die Psychiatrie, du Arschloch.“

Täter: „Ich hab nichts getan. Nein, deswegen sag ich, ich hab nichts getan.“

Anwohner: „Das ist die Strafe.“

Täter: „Halten Sie die Schnauze, Mann.“

(BZ – BERLINS GRÖSSTE ZEITUNG, 90 cent, Sonnabend, 23. Juli 2016, Redaktionsschluss: 0.03 Uhr. Titelseite)

In der Psychologie kennt man die Analyse sogenannter Verbatims, also in direkter Rede aufgezeichneter Dialoge, als wichtige Hinweise für die Beurteilung der Situation der Dialogpartner. Dank BZ liegt ein solches Verbatim hier vor.

Sein kürzester und klarster Satz lautet: „Ich bin Deutscher“. Er könnte als Überschrift über dem ganzen Text stehen, bringt er doch in Knappheit und Klarheit vor, was dazu zu sagen ist.

Die Terror-Ereignisse von Nizza und München verweisen in eine neue Dimension dessen, was bislang unter „Terror“ gemeint wurde. Sie sind in mehrfacher Hinsicht Spiegelereignisse.

Sie ahmen erstens in der Vorgehensweise einen djihadistischen Terror nach, zu dessen Umfeld sie nicht gehören. Ein Täter, der sich als „Deutscher“ vorstellt und einen „Gesprächspartner“ mit dem Ruf „Scheiss-Türken, ey!“ bedenkt, ist kein Djihadist, was auch immer sein ethnischer Hintergrund sei. Ähnliches trifft wohl auf den Täter von Nizza zu.

Zweitens besteht selbst der genuine djihadistische Terror zu wesentlichen Teilen aus Spiegelereignissen. Daß islamistische Partisanengruppen und ihre politischen Ziele ursprünglich im Interesse zuerst des westlichen Kolonialismus, später imperialistischer Staaten des Westens und seiner Geheimdienste entstanden, ist bekannt. Man kann ansonsten sehr gut zB. bei Marc Thörner in seinen beiden Büchern „Die arabische Revolution und ihre Feinde“ und „Der Afghanistan-Code“ nachlesen, wie es bereits im 19. Jahrhundert zu einem Bündnis reaktionärer Gruppen der unterworfenen Kolonialvölker mit ihren französischen und englischen Besatzern kam, die ein gemeinsames Interesse einte: keinesfalls die vom Westen für universell erklärten Menschen- und Freiheitsrechte auch wirklich universell realisieren zu wollen – zB. für junge marokkanische Muslime, die sonst an der Sorbonne hätten Jura, Philosophie, Mathematik studieren können. So war das nie gemeint gewesen, und darin stimmten Unterdrücker und Teile der Unterdrückten überein. Die aus diesem reaktionären Bündnis hervorgehenden Aufstandsbekämpfungskonzepte der auch weiterhin dauerhaft zu unterscheidenden „Kulturen“ / „Kulturkreise“ wurden militärisch-politischer Standard und sind es, wie Thörner am Beispiel Afghanistan nachweist, bis heute. Sie sind anschlussfähig an den faschistischen Ethnopluralismus, wie er heute in der AfD zB. mehrheitliche Position zu sein scheint.
Wer ein Übriges tun will, kann bei dem Islamwissenschaftler und Arabisten Thomas Bauer in seiner Untersuchung „Die Kultur der Ambiguität“ nachlesen, wie der Islam vor dieser schicksalhaften Begegnung im 19. Jahrhundert einmal aussah: vielgestaltig, antifundamentalistisch, tolerant. Ja, es gab auch damals salafiyya und wahabiyya. Aber sie waren minoritäre, sektenhafte Erscheinungen. Zu einem Phänomen mit realer Bedeutung wurden sie erst nach der Begegnung mit dem Westen in Gestalt des Kolonialismus, später und bis heute: des Imperialismus.
Eben daraus folgt: auch der genuin djihadistische Terror ist nichts anderes als ein Spiegelbild, das Bild „des Westens“ in der Augen der von ihm Unterdrückten.

Nizza und München: verzerrte Spiegelbilder von verzerrten Spiegelbildern von sehr realen Herrschaftsverhältnissen.

Auch auf einer dritten Ebene ist der in dieser Form anscheinend neue Terror von Nizza und München ein Spiegelbild – eine Facette im Spiegelbild der deutschen Gesellschaft. „Ich bin Deutscher“. Genau: ein Mensch, der bereits, wie er kurz vor seinem Tod schreit, im „Hartz-IV-Viertel geboren“ wurde, versteht sich offensichtlich nicht zuerst (wenn überhaupt) als Moslem, sondern gibt seine soziale Herkunft, Grund seines lebenslangen Elends, mit dem Namen eines ehemaligen VW-Personalchefs und Namensgeber der Schröder-Fischer-Agenda-Politik an. Da komme ich her, deswegen sterbe ich jetzt so.

Selbstverständlich ist das zutiefst irrational, ebenso zerstörerisch wie selbstzerstörerisch. Aber auch genau darin ist es zutiefst spiegelbildlich. Georg Lukács hat in seiner Untersuchung über „Die Zerstörung der Vernunft“ bereits 1954 diese Art von Irrationalität auf ihrer Alltags- wie auf ihrer Theorie-Ebene als adäquate Bewußtseinsform der imperalistischen Gesellschaft beschrieben, das heißt eben: als ihren Spiegel. Thomas Metscher und Werner Seppmann haben in einer Reihe von Studien diesen theoretischen faden weitergeführt. Gerade erschien die Studie von Erich Hahn, Thomas Metscher und Werner Seppmann, Kritik des gesellschaftlichen Bewußtseins. Über Marxismus und Ideologie als Band der LAIKAtheorie-Reihe: ein sehr lesenswerter Ansatz, um auch Vorgänge wie den Münchner Terroranschlag als gesellschaftliches Ereignis begreifen zu können.

Frauke Petry und die AfD werden die Steilflanken, die aus den Tiefen der imperialistischen Gesellschaft und des ihr entstammenden Irrsinns dankbar in Tore gegen „die Merkel-Diktatur“ zu verwandeln suchen. Ihre Anhänger twittern bereits höhnisch: #dashatmitdemislamnichtszutun.

Wenn sie wüßten, wie recht sie haben.

Aber auch das ist Spiegel des Irrsinns: diese Partie wird nicht von der AfD, sondern von Merkel, Gabriel, de Maizière oder deren NachfolgerInnen gewonnen werden. So, wie es derzeit aussieht, wird das Ergebnis einer gegen den angeblich allgegenwärtig drohenden djihadistischen Terror erstarkten AfD einfach nur weitere Jahre GroKo, weitere Auslandseinsätze der Bundeswehr, mehr Überwachung, weitere Stärkung der Geheimdienste, weitere Einschränkungen der bürgerlich demokratischen Grundrechte bis hin zu weiteren Schritten einer kalten Faschisierung der deutschen Gesellschaft und ihres Staats sein. „Ich bin Deutscher“.

Das werden bleierne Zeiten. Wir können, wir müssen sie nutzen, um den Irrsinn des Imperialismus endgültig zu beenden. Denn sonst beendet er das Leben selbst.

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