Medienglaubwürdigkeit

In der ZEIT macht sich der Autor Götz Hamann Gedanken über die Frage: wie kommt es nur, daß die LeserInnen von Medien wie der ZEIT nicht alles glauben, was man da so hinschreibt?

Vielleicht, um selber zu illustrieren, wie es dazu kommt, äußert er sich, ähnlich wie die Witwe Bolte („wofür sie besonders schwärmt …“) noch einmal zur Frage jener angeblichen Morddrohung, deren ich mich schuldig gemacht haben soll.

Das sieht am 26.6. in der ZEIT folgendermaßen aus:

Es kommt sogar vor, dass einer Journalistin mit dem Tod gedroht wird. Nachdem Ronja von Rönne in der Welt einen Essay über den organisierten Feminismus geschrieben hatte, richtete der Frankfurter Pfarrer Hans-Christoph Stoodt die Worte an sie: „Adel ist was für die Laterne. Ça ira, von Rönne.“ Der Theologe spielte damit auf ein französisches Revolutionslied an, das von dem Wunsch handelt, der Adel möge verrecken, sei es am Baum, sei es auf dem Schafott. Beim Cybermobbing, so der Medienwissenschaftler Burkhardt, gehe es dem Angreifer stets darum, den Betroffenen „durch öffentliche Isolation symbolisch zu töten“.

Keine Ahnung, wie der zu Rate gezogene Medienwissenschaftler über die Qualität des Artikels von Götz Hamann in der ZEIT denkt.

Denn mein tweet lautete eigentlich:

„Feminismus ist was für Unterprivilegierte“ – „Adel ist was für die Laterne“. Ca ira, Bachmannpreis, ca ira, von Rönne.

Daraus macht Hamann kurzerhand:

„Adel ist was für die Laterne. Ça ira, von Rönne.“

Damit wird aus einem fiktiven Dialog etwas ganz anderes – manche würden es vielleicht einen Mordaufruf nennen. 

Wohlgemerkt: das tut Hamann. Nicht ich. Einschließlich der von ihm kommentierend verwendeten Wortwahl „verrecken„.

Vielleicht hat er das Ganze auch irgendwo so abgeschrieben – aus der WELT, der FAZ oder Telepolis. Offenbar hat er es nicht nachrecherchiert. Das ist schlampige Arbeit. (Dazu gehört nebenbei: das Lied Ca ira, eine in Frankreich bis heute bekannte Revolutionshymne, handelt nicht von Bäumen oder der Guilloutine, sondern eben von Laternen. Das hat Erich Mühsam untergründig im Lied vom Revoluzzer der Novemberrevolution aufgegriffen und noch Edith Piaf hinreißend gesungen. Aber die deutsche Bourgeoisie hatte ja im Unterschied zur französischen immer ein Problem damit, keine eigene Revolution gewonnen zu haben. Merkt man bis heute.)

Ich gehe nicht davon aus, daß Hamann oder die ZEIT ihren Fehler richtigstellen werden.
Darum veröffentliche ich den Vorgang hier.

Solch journalistisches Fehlverhalten gehört zu den Quellen einer Glaubwürdigkeitskrise, die nicht zufällig besonders in der Zeit der Ukrainekrise im Frühjahr 2014 sich explosionsartig ausbreitete. Es ist amüsant zu sehen, wie die ZEIT, die in den kleineren und größeren Desinformationskampagnen dieser Phase bekanntlich eine besondere Rolle spielte (man erinnere sich an „Neues aus der Anstalt“ zu Josef Joffes vielen Jobs…), noch im Nachgang gerne versuchen würde, ihre Glaubwürdigkeitsprobleme zum Problem einer irgendwie inkompetenten oder gar verrohten LeserInnenschaft zu machen. Der hier dokumentierte Vorgang ist ein kleines Detail in diesem Bemühen.

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