„Morddrohung“ – #lasttweet

[update: mir war bisher entgangen, dass Andreas Kemper bereits im April eine hervorragende Invektive an die Adresse von Rönnes gerichtet hatte. Das kann auch daran liegen, dass erstaunlicherweise in den Reaktionen auf meinen Tweet in Spiegel, TAZ, FAZ, SZ, WELT, FR von der auf dem Blog des „Freitag“ veröffentlichten Polemik niemand auf sie Bezug genommen hat. Erstaunlicherweise? Vielleicht nicht: https://www.freitag.de/autoren/andreas-kemper/warum-mich-der-adel-anekelt. Im Anschluss gab es eine Replik , die Kemper seinerseits beantwortete. Lesenswert.]

Ich schreibe diese wenigen Zeilen nach einer 90-minütigen Unterrichtsstunde an einer Frankfurter Berufsschule. Ich hatte das Privileg und Vergnügen, 15 Jugendliche einer Berufssfachschulklasse,  davon 2 Mädchen, Alter zwischen 15 und 17,  die meisten Muslime, zu unterrichten. Heute ging es um die ersten fünf Sätze aus Immanuel Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ Die herzerwärmende und tiefgehende Diskussion erscheint mir um Zehnerpotenzen realitätshaltiger und lebensgesättigter als die von mir mit ausgelöste Aufregung um jene angebliche „Morddrohung„, die aus meiner Tastatur stammen soll, wie der FAZ-Blogger „Don Alphonso“ zutiefst besorgt gesehen haben will.  Inzwischen haben sich zu meiner fantasierten Mordlust auch Spiegel, TAZ, Patrick Gensing, Welt, Telepolis, „Politically Incorrect„, der Deutschlandfunk und die SZ geäußert. Wahrscheinlich auch noch andere. Kristina Schröder macht sich’s leicht: sie retweetet einfach Don Alphonso. Wo bleibt Erika Steinbach?

Was ich der Sache nach zu diesen Aufwallungen zu sagen habe, habe ich auf diesem Blog gesagt. Angesichts zB. der alltäglichen Realitäten struktureller Gewalt, die nicht zuletzt auch von den Jouralist_innen der oben genannten Medien niemals so grundsätzlich in Frage gestellt wird, wie sie es verdiente, und die Jean Ziegler zu Recht für millionenfachen Mord ohne jede Folge hält, sich über einen solchen Tweet derartig in Rage zu schreiben – das ist in meinen Augen der eigentliche Skandal.

Wer aus dem Zitat von „Ca ira“ eine Morddrohung (nicht wenige aus der Twitterwelt schreiben jetzt schon blutdürstig: einen Mordaufruf) erkennt, den kann und will ich nicht daran hindern, würde aber dann dringend einen Besuch bei der Staatsanwaltschaft oder, frei nach Helmut Schmidt, den Gang zum Arzt empfehlen.
Oder man könnte den Stein des vielfachen Anstoßes, meinen Tweet, einfach als typischen Klospruch im Sinne Ronja von Rönnes lesen.

Am Besten dagegen gefällt mir jener Text von Andreas Rosenfelder, Ressortleiter bei der WELT, der zum hier inkriminierten Fall doch tatsächlich mit den Worten „Es hat eine Drohung gegen eine Kollegin gegeben“ beginnt.

Am Schluß desselben Textes schreibt derselbe Autor:

Ein Sprachspiel: Das heißt übrigens keineswegs, dass alles gar nicht so gemeint ist. Der Sinn von Rhetorik liegt darin, im Kopf des Lesers Gedanken entstehen zu lassen, die dieser vorher noch nicht hatte. „Wir brauchen keine Kulturverteidigung“, so las Rainald Goetz 1983 beim Ingeborg-Bachmann-Preis von einem mit Blut befleckten Manuskript ab: „Lieber geil angreifen, kühn totalitär roh kämpferisch und lustig, so muss geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt.“ Das gilt noch immer, immer wieder. Man kann Sachen mit Wörtern machen, verrückte Sachen. Obwohl es manche lieber sähen, wenn die Wörter gar nichts machten, sondern einfach so dastünden, richtig, wie es sich gehört.“

Eben.

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