Die Morddrohung. Wie ein FAZ-Ritter mal in den Krieg ziehen wollte

„Ein Kind, das heute verhungert,
wird ermordet“
(Jean Ziegler)

Der FAZ-Blogger „Don Alphonso„, nach Selbstvorstellung „Deus ex machina – eine Kunstfigur, die seinem Verfasser nicht unähnlich ist„, bezichtigt die Anti-Nazi-Koordination Frankfurt (ANK) einer „Morddrohung„, weil auf dem Twitter-Kanal dieser antifaschistischen Initiative aus Frankfurt ein Tweet weitergeleitet worden war, der zunächst auf meinem privaten Twitterkanal stand. Da dieser Tweet aus unerfindlichen Gründen inzwischen in den Weiten des Webs verschollen zu sein scheint, sei er hier um der Klärung des Sachverhalts willen wiederholt:

„Feminismus ist was für Unterprivilegierte.“ – „Adel ist was für die Laterne“. Ca ira, Bachmannpreis, ca ira, von Rönne.

Bevor nun auch vor meiner Haustür die Abgesandten des K41, der Staatsschutzabteilung aus dem Frankfurter Polizeipräsidium oder gar die Mordkommission stehen, lege ich hiermit ein umfassendes Geständnis ab und bitte um ein mildes Urteil. Zum Sachverhalt:

Die Jury des nach Ingeborg Bachmann benannten Literaturpreises hat die WELT-Autorin Ronja Larissa von Rönne zur diesjährigen Konkurrenz um den Preis nominiert. Dem applaudierten unter anderem der „Ring nationaler Frauen“ (RNF) der NPD sowie die neu-rechte Junge Freiheit. Hierauf reagierte die feministische Journalistin der ARD und Internetaktivistin Anna-Mareike Krause mit dem Tweet: „Diese Autorin wird Ihnen empfohlen von dem Jury-Vorsitzenden des Bachmannpreises und dem Ring Nationaler Frauen.“ (Belege und screenshots zu RNF, JF und Krause beim Don).
So weit, so verständlich. von Rönne hatte nicht nur ihren Ekel gegenüber feministischen Positionen geäußert, sie hatte ihn in Gänze als „etwas für Unterprivilegierte“ gebrandmarkt. Das ist Klassenkampf von Oben im Sinne jenes berühmten Diktums eines der reichten Männer der Welt: „Es herrscht Klassenkampf – und meine Klasse gewinnt!“

Was das an realen Morddrohungen bedeutet, hat unter anderem Jean Ziegler verdeutlicht. Als ehemaliger Sonderberichterstatter der UN für das Menschenrecht auf Nahrung hat er 2012 nachgewiesen: heute sterben pro Tag etwa 57.000 Menschen weltweit am Hunger. Zugleich produzieren die Nahrungsmittelproduzenten global etwa das Doppelte der Menge, die erforderlich wäre, um alle Menschen zu ernähren. Der gleichzeitigen Unterkonsumtion und Überproduktion von Nahrung fallen mithin pro Tag fast genau doppelt so viele Menschen zum Opfer, wie ein rechnerisch durchschnittlicher von den 2069 Tagen des Zweiten Weltkriegs mit seinen insgesamt etwa 60 Millionen militärischen und zivilen Todesopfern auf allen Seiten, nämlich 29.000.

Dieser unhaltbare und mörderische Zustand ist nicht das Ergebnis einer Naturkatastrophe, sondern eines nicht zuletzt militärisch machtabgesicherten Interesses derjenigen winzigen  Minderheit von nicht-unterprivilegierten Menschen, die mit der Produktion von Nahrungsmitteln Profite erwirtschaften wollen oder zu müssen glauben. Er ist das Ergebnis der kapitalistischen Marktwirtschaft, in deren Namen allein schon auf dem Feld der Nahrungsmittelproduktion und -versorgung ein stummer Krieg der Reichen gegen die Armen der Erde geführt wird. Er hat bislang noch keinen 8. Mai 1945 erlebt.

Auf diesem keinem fühlenden und denkenden Menschen erträglichen Hintergrund äußert sich die Bachmannpreisträgern in spe von Rönne zur Weltlage unter anderem zu der Frage, wie es einzuordnen sei, daß in den USA und Großbritannien Malbücher für Erwachsene gegenwärtig die Bestsellerlisten anführten. Man sollte das gelesen haben, um sich ausmalen zu können, wie sehr wohl Frau von Rönne nicht nur die feministischen Aspekte, sondern alle denkbaren „der Unterprivilegierten“ gleichgültig bleiben.

Diese Haltung ist nicht neu. Als unmittelbar vor der Großen Revolution le peuple von Paris, zu deutsch bezeichnenderweise „der Pöbel“ und immer abwertend verballhornt,  vor dem Schloß von Versailles wütend Brot forderte, soll Marie Antoinette, die Gattin Ludwigs XVI., bemerkt haben: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!“ Erich Kästner hat das in „Pünktchen und Anton“ schon für Kinder reflektiert: selbst wenn, so schrieb er dem Sinn nach, der künftig Geköpften einfach nicht bekannt gewesen sein solle, dass das revoltierende Volk weder Brot noch Kuchen habe, sei das eine so große Dummheit gewesen, daß sie das eben den Kopf gekostet habe.

Vielleicht war es ja auch Zynismus.

Etwa 50 Millionen an Überlebenden der globalen Hungerkatastrope, die das gegenwärtig leider noch herrschende globale ancien regime des Kapitalismus zu verantworten hat, sind weltweit auf der Flucht. 2% von ihnen erreichen Europa. Ewa 25.000 von ihnen ertranken auf dem Mittelmeer auf dem Weg aus dem Elend. Diejenigen von ihnen, die es schaffen nach Deutschland zu kommen, müssen in Zeiten von PEGIDA damit rechnen, daß sie hier das Dach über dem Kopf angezündet bekommen. Das ist die Lage, zu der Ronja von Rönne Origamifalten und Malbücherausmalen empfiehlt.

Dem entspricht durchaus die Lage, in der 1789 le peuple in Paris das Ca irá anstimmte (Edith Piaf, französisch / Dieter Süverkrüp und Oktoberklub, deutsch). Heute muß man das FAZ-Journalisten erklären, denn die Geistesarbeiter_innen der Bourgeoisie tun alles, um die revolutionäre Vergangenheit der Klasse, in deren Auftrag sie schreiben, zu vergessen oder vergessen zu machen. Zumal, wenn sie sich wahlweise als „Deus ex machina“ oder wie im Kinderlied als „Don Alphonso“ vorkommen.

Wer das Zitat eines Revolutionslieds der Zeit, in der Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit wenigstens als formale Prinzipien im erbitterten Kampf der „Unterprivilegierten“ um des Überlebens willen politisch durchgesetzt werden mußten (von égalité réelle, wie sie der an dieser Forderung ums Leben gekommene radikale Jakobiner Jacques Roux schon damals forderte, war in der bürgerlichen Revolution nie die Rede – das kommt erst später) angesichts des Zynismus der hoffnungsvollen Preisträgerin allen Ernstes als „Morddrohung der Antifa“ bezeichnet, leidet an einer Maßstabsverzerrung. Siehe ganz oben.

Sollte aber Ronja von Rönne Bachmannpreisträgerin werden, würde dies in eine Zeitgeistlage passen, in der auch schon der traditionalistisch-katholische Reaktionär Martin Mosebach Träger des Büchnerpreises wurde. Die FAZ würde das sicher begrüßen. Schon ihr ehemaliger Feuilleton-Chef Lorenz Jäger stand ja zweitweise der Neuen Rechten sehr nah. Für all das können Büchner und Bachmann so wenig, wie sich Heinrich Böll dagegen wehren kann, Namensgeber einer Parteistiftung sein zu müssen, deren kriegstrommelnder Bellizismus zB. in der Ukrainekrise sich von niemandem überbieten läßt.

In der Tat: der Irrationalismus ist eine dem imperialistischen Zeitgeist adäquate Bewußtseinsform (Thomas Metscher).

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