Khalid I. in Dresden ermordet

Khalid I.

Es folgen zwei Texte zum Tod des eritreischen Flüchtlings Khalid I. in Dresden, der kurz nach dem Ende des letzten PEGIDA-Marsches durch Dresden in dieser Stadt tot aufgefunden wurde.
Quelle: junge Welt, 15. Januar 2015

Flüchtling erstochen
Autorin: Susan Bonath

In Dresden ist ein Flüchtling ermordet worden. Anwohner hatten am Dienstag morgen die Leiche des 20jährigen Khalid I. aus Eritrea im Hof eines Mehrfamilienhauses im Stadtteil Leubnitz-Neuostra gefunden. Jetzt ermittelt die Mordkommission, wie die Polizeidirektion Dresden am Mittwoch nachmittag einräumte. Der Dresdner Polizeichef Dieter Kroll bestätigte am Mittwoch schließlich gegenüber der Dresdner Morgenpost: »Nach jetzigem Befund legen wir uns darauf fest, dass ein Messerstich ursächlich für die Verletzung verantwortlich ist. Wir schließen aus, dass es sich um einen Unfall handelt. Es ist ein Tötungsdelikt. Von vorsätzlichem Handeln ist auszugehen.« Zeugen zufolge hatte der Tote Verletzungen an Hals und Schulter. Eine Obduktion der Leiche soll weitere Aufschlüsse liefern. Ergebnisse würden am Mittwoch abend vorliegen, sagte ein Polizeisprecher auf jW-Nachfrage. Zunächst hatten sich die Beamten abwiegelnd geäußert. Eine offizielle Pressemitteilung zu dem Fall hatte die Direktion nicht herausgegeben. Laut MDR sprach die Polizei am Dienstag abend noch davon, dass es keinen Hinweis auf »Fremdeinwirkung« gebe.

Nach einem Bericht der Sächsischen Zeitung (SZ) hatte das Todesopfer Khalid I. am Montag abend seine Unterkunft in der Innenstadt verlassen und war nicht zurückgekehrt. Freunde und Mitbewohner des jungen Mannes erklärten gegenüber dem Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverband (SDS) Dresden, den Toten »blutüberströmt« vorgefunden zu haben. Sie gehen deshalb von einer gewaltsamen Tötung aus, wie der Verband am Mittwoch informierte. Der 20jährige hatte sich demnach gegen 20 Uhr auf den Weg zum Einkaufen begeben. Sein Mobiltelefon habe er zu Hause gelassen. Das Bündnis »Dresden für alle« hielt am Mittwoch nachmittag eine Trauerkundgebung auf dem Jorge-Gomondai-Platz ab, der nach einem 1991 in Dresden ermordeten Mosambikaner benannt wurde.

Etwa zu der Stunde, als das Opfer seine Unterkunft verließ, ging die Pegida-Demonstration im Zentrum der Stadt zu Ende. Laut Polizei hatten sich diesmal mehr als 25.000 Menschen den selbsterklärten »Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes« angeschlossen. Aus Angst vor diesen Aufzügen verließen die Asylsuchenden montags ihre Unterkünfte kaum noch, informierte der SDS. »Regelmäßig werden sie von Teilnehmern beschimpft und bedroht.« Derzeit stünden sie unter Schock und fürchteten sich vor weiterer Gewalt.

In den vergangenen Wochen kam es während der Pegida-Märsche immer wieder zu Straftaten. Ende Dezember griff eine Gruppe Demonstranten ausländisch aussehende Jugendliche in einem Dresdner Einkaufszentrum an. Mehrere Personen wurden verletzt. In dieser Woche berichtete die Polizei von Verstößen gegen das Versammlungsgesetz, Tragen verfassungsfeindlicher Kennzeichen, Beleidigungen und Körperverletzungen im Umfeld der Pegida-Kundgebung.

Vor vier Tagen berichtete Spiegel online, die Dresdner Organisatoren von Pegida hätten im Internet schon vor dem ersten Marsch im Oktober rassistisch gehetzt, Hitlerzitate verbreitet. Ein Organisator sei einstmals in der FDP gewesen, ein zweiter CDU-Stadtrat in Meißen. Während einer Onlineübertragung des Pegida-Marsches letzten Montag durch die Organisatoren liefen immer wieder neofaschistische Parolen, gespickt mit Hakenkreuzen oder »Heil Hitler«-Rufen, über den zugleich aktiven Chat.

Auch ein Hoteleigentümer fühlt sich in Dresden nicht mehr sicher. In seinem Haus im Stadtteil Laubegast wollte er 94 Flüchtlinge unterbringen. Am Dienstag zog er sein Angebot an die Stadt kurzfristig zurück, wie Dresdens Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) informierte. Ihm sei auf Facebook mit Gewalt gedroht worden, Unbekannte hätten sein Gebäude mit fremdenfeindlichen Parolen beschmiert.

 

Nationale Grundstimmung
Von Arnold Schölzel

Wenn die blutüberströmte Leiche eines Afrikaners in Dresden gefunden wird, schreibt die Polizei in einer Pressemitteilung von »bislang keinen Anhaltspunkten auf Fremdeinwirkung«. Erst auf Nachfrage, wie ein 20jähriger plötzlich blutend umfallen könne, antwortet der Polizeipräsident, die Mordkommission ermittele. Die dritte Stufe der Polizei»arbeit« wird fast zwei Tage nach der Tat erreicht. Da erklärt der Präsident, es handele sich um ein vorsätzliches Tötungsverbrechen.

So geht es zu bei Ämtern in Dresden, in der Landeshauptstadt des »Sachsensumpfs«. So fix sie dort sind beim Klauen von Hunderttausenden Handydaten, wenn es um Protest gegen Neonaziaufmärsche geht, so akribisch sie dort sind, wenn sie in den Strafverfahren gegen Antifaschisten Beweismaterial unterdrücken, manipulieren oder vernichten, soviel Geduld und Rachsucht sie dort haben, wenn sie z. B. einen demonstrierenden Bodo Ramelow jahrelang verfolgen, so lahm, unfähig und Ermittlungen sabotierend sind sie, wenn sie Morduntersuchungen gegen drei sich in Zwickau tummelnde Neonazis aufnehmen könnten, die ihr Label »NSU« munter in der braunen Mord- und Totschlagszene, sprich: in V-Leute-Kameradschaften, verbreiten, wenn ein Mob Ausländer durch die Kleinstadt Mügeln hetzt oder eine Neofaschistenbande, die die Stadt Limbach-Oberfrohna terrorisiert, ausgeräuchert werden soll.

Nach fast 25 Jahren, nach denen anstelle der sächsischen Rechtsaußen-CDU auch ein Hut Landtagswahlen gewinnen könnte, wenn seine christlich-germanische Herkunft gesichert wäre, stimmen 15 Prozent der Wähler für AfD und NPD. Im Freistaat wurde mit tatkräftiger westlicher Beamten- und Politikerhilfe ein politisches Biotop geschaffen, in das sich die deutschnational gesinnte Justiz und Polizei organisch integrieren. Es bedarf nicht der kleinkriminellen und wildgewordenen Mittelständler, die Pegida aufgezogen haben, denn in Behörden, Hochschulen und akademischen Kreisen hat sich ein Filz von Förderern und geistigen Brandstiftern festgesetzt, der das Geschäft der Montagslatscher leiser und mit besseren Manieren besorgt. Der Irrationalismus ist derselbe.

Die Tat sei »in einer Stadt mit offen rassistischer Grundstimmung geschehen«, stellte das Bündnis »Dresden Nazifrei« am Mittwoch fest, bevor es vom Sichdurchringen der Polizei zum Mordverdacht erfuhr. Die Initiative rief zu einer Mahnwache auf. Das ist ehrenwert, nur: Wer sich die Phrasen der deutschen Staatsspitze am Dienstag in Berlin beim Gedenken an die Opfer der Pariser Attentate angehört hat, weiß, dass die rassistische Grundstimmung von diesen Kriegführern ausgeht. Am Brandenburger Tor wurde sie besser kaschiert als in Dresden üblich. Oder was soll es heißen, wenn der präsidiale Feldprediger ruft: »Euer Hass ist unser Ansporn.« Wozu sich ein Gauck angespornt fühlt, hat er oft genug gesagt: mehr militärische »Verantwortung«, mehr Tote, im Ausland.

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