Weihnachten: ein Blick von Unten

„Asyl-Chaos in Bethlehem – Flüchtlinge hausen auf Steuerkosten in Luxusherberge der Asylindustrie“ lautet die Überschrift eines derzeit im Internet kursierenden satirischen Weihnachtskrippenbildes.

Da sind sie alle versammelt: Maria und Josef als „Scheinasylantin“ und „Asylbetrüger“, die Weisen aus dem Morgenland als „Gutmenschen“ und „Drogendealer“, die Hirten als „Berufsdemonstranten“ und das Kind in der Krippe als „Ankerkind“.

Da hat jemand die Weihnachtsgeschichte genau gelesen und, natürlich satirisch, in unsere Zeit gestellt.

Wenn wir in den Evangelien des Neuen Testaments nachschauen, wie es um die Geburt Jesu und ihre Umstände bestellt war (Matthäus, Kapitel 1 und 2; Lukas, Kapitel 1 und 2 – Markus und Johannes verzichten auf eine Geburtserzählung) dann lesen wir dort nichts von Besinnlichkeit und Rückzug.

Sondern: schon im Stammbaum Jesu (Matthäus 1) finden wir außer seiner Mutter Mirjam drei weitere Frauen mit anrüchigem Ruf:
Tamar, die Schwiegertochter Judas und mehrfache Witwe, die ihr verweigertes Recht gegen ihre eigene Großfamilie nur mit dem Trick, sich als Prostituierte schwängern zu lassen, durchsetzen konnte (1. Mose 38) ;
die Hure Rahab aus Jericho, keine Jüdin (Josua 2) ;
die Moabiterin Ruth, die ihren Verwandten Boas nur unter Einsatz von Verführungskünsten dazu brachte, sie, die Witwe zu heiraten (und so zur Großmutter des Königs David wurde, vgl. das Buch Ruth).
Und schließlich Maria, vor der Hochzeit geschwängert – von wem, das wurde bald eine Glaubensfrage.

Deine Mutter…“ – das in dem uns heute wohlbekannten Unterton im Fall Jesu zu sagen, war nicht ganz ohne Grund.

Was seine Mutter aber sang, siehe unten, das klingt bis heute.

Beruht diese Ansammlung moralisch fragwürdiger Vorfahren Jesu, wie fromme Menschen glauben mögen, auf historischer Realität, dann ist dieser biblische Befund mindestens erstaunlich.

Ist er aber sogar (wie sicher anzunehmen ist) das Ergebnis bewußter literarischer Fiktion aus der Jesusbewegung zwei bis drei Generationen nach ihm, dann ist das um so aussagekräftiger. Schon die auf diese Weise überlieferte Vorgeschichte Jesu sprengt dann nach ihrem Willen die Moralvorstellungen der Zeit. Jesus, der später, noch radikaler, Seßhaftigkeit, Berufstätigkeit und Familienleben den Rücken kehrte und dasselbe von seinen Nachfolger_innen verlangte (Matthäus 8,22; 19,29), hatte schon in seinem Stammbaum Vorläufer für diese Art des Lebens.

Der künftige universale Friedenskönig: er kommt in der Familie eines Bauarbeiters aus Galiläa auf die Welt, wer auch immer nun der Vater sei. Allerdings nicht zu Hause in Nazareth, das wird er erst Jahre später kennenlernen.

Um seine Steuerlisten upzudaten und das Haushaltsdefizit des Imperiums in Richtung einer „schwarzen Null“ zu bringen, hat der ferne Weltkaiser Augustus in Rom befohlen, daß sich alle Familienoberhäupter des Reichs im Ort ihrer Sippenherkunft registrieren lassen (und bei der Gelegenheit die fälligen Steuern bezahlen).

Für die noch nicht so recht in legaler Form existierenden Familie Josefs ist das beschwerlicherweise Bethlehem, zwei bis drei Tagesreisen zu Fuß entfernt. Dort ist aufgrund des kaiserlichen Edikts und des Menschenauftriebs, den er veranlaßt hat, wegen Überfüllung alles geschlossen, „kein Raum in der Herberge“.

In einem seiner drei wundervollen Weihnachtsbilder aus den 1566/67 Jahren, „Die Volkszählung in Bethlehem“, schildert Pieter Brueghel d.Ä. diese Situation: Zahlen beim Eintrag in der Steuerliste, dichtes Gedränge vor der zur Behörde umfunktionierten flandrischen Gastwirtschaft. Auf den ersten Blick nicht erkennbar, eingeordnet in diese zwar außergewöhnliche, aber doch vom Alltag geprägte Situation: Josef mit der Säge über dem Rücken und dem Drillbohrer im Gürtel, den Strick des Esels in der Hand, auf dem Maria sitzt, der Ochse ist auch dabei. Spielende Kinder und geschäftige Menschen ringsumher. Inmitten des Orts ein verfallener Stall, über dessen Tür ein Kreuz zu sehen ist, ein bewußter Anachronismus.

Brueghel war nicht naiv. Er wußte natürlich, daß es in Palästina zur Zeit Jesu nicht aussah wie in einem verschneiten niederländischen Dorf. Sein Bild ist ein Vorgang bewußter, aktualisierender Aneignung einer scheinbar alten Geschichte für seine Gegenwart, ein Akt der Entmythologisierung des inhaltlichen Kerns der Weihnachtsgeschichte.

Das unverheiratete Paar mit seinem Kind in einer Übergangsunterkunft bekommt nach den Evangelien des Matthäus und des Lukas unerwarteten Besuch. Einerseits von „den Hirten auf dem Feld“, also denen, die, weil sie für eigene Tiere zu arm waren, die Tiere wohlhabenderer Mitbürger beaufsichtigten, Menschen am Rand des Existenzminimums. Der als Weltfriedensgarant universal gefeierte Kaiser „divus Augustus“, gottgleicher Schöpfer der „pax romana“, befiehlt Maßnahmen zur Sicherung seines Steueraufkommens – seine ihm völlig unbekannten sozialen Antipoden aber, die Hirten, erfahren am Rand der Durchführung des kaiserlichen Befehls als erste und nach Lukas in dieser Nacht einzige, dass der Frieden von unten kommt, aus dem Stall und nicht aus dem Palast, aus der Welt der Arbeit und nicht aus der Sphäre der politischen, religiösen und kulturellen Experten, Macher und Machthaber.

Seine Mutter hatte im Vorgefühl der Geburtsnacht ihres Sohnes schon vorher gesungen: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen, die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lukas 2, 52f). Ähnlich singen wir deshalb im AdventsliedO Heiland, aus der Erden spring!

Das Weihnachtsevangelium nach Lukas ist der Bericht einer universalen Umwälzung. Hier wird das Unterste zuoberst gekehrt. Gott kommt auf die Erde, wird wie wir: in der mythologischen Sprache der Zeit ist das nichts weniger als eine fundamental umwälzende, eine revolutionäre Aussage, nach der es kein sakrales Oben und kein zu duldendes Unten mehr geben kann in der Welt.

Das paßt den Oberen natürlich nicht, und das hat Konsequenzen.

Der zweite Besuch, berichtet bei Matthäus, stammt von „Magiern aus dem Osten“ (Mt 2, 1-12; erst spätere fromme Spekulation machte aus ihnen die „heiligen drei Könige“, von denen im Bibeltext nichts zu finden ist). Sie suchen den „neugeborenen König der Juden“, von den sie in einer bis dahin nie gesehenen Erscheinung am Sternenhimmel zu wissen glauben.
Wo suchen sie, die weltgewandten Experten, Wissenschaftler von internationalem Niveau, ihn zuerst? Natürlich im Palast der Hauptstadt Jerusalem, bei König Herodes. Dort, in den Zentren der Macht, werden Könige geboren.
Und damit setzen sie unwissentlich ein regelrechtes Massaker in Gang. Denn Herodes, aufgeschreckt von der Information, es gäbe da wohl einen rivalisierenden Thronprätendenten, benutzt die Weisen, um diesem auf die Spur zu kommen. Das schlägt fehl. Denn die Weisen erkennen, wenn auch zu spät, im neugeborenen Zimmermannssohn im Stall von Bethlehem, am unteren Rand allen Geschehens, den künftigen König gegen alle Könige.

Am unteren Rand allen Geschehens: so hat es Brueghel in einem anderen Gemälde zur Weihnacht dargestellt: in „Die Anbetung der Könige im Schnee“ muß man den Stall und die später so genannte „heilige Familie“ erst suchen, bevor man sie findet – am Rand. Das ist der Ort Gottes, und von ihm aus gesehen, vom Rand und von unten, erkennen wir unsere Welt aus seiner Perspektive.

Daß die Weisen aus Morgenland ihren Teil des deals mit Herodes nicht erfüllen, sondern entsprechend einer göttlichen Traumanweisung von Bethlehem verschwinden, ohne noch einmal im Palast in Jerusalem zu erscheinen, löst den „Kindermord von Bethlehem“ aus, wie ihn Brueghel in einem dritten Gemälde in seine Zeit versetzt, die Zeit des Aufstands der protestantischen niederländischen Provinzen gegen die katholische spanische Oberhoheit in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Alle unter dreijährigen Kinder in Bethlehem werden auf Befehl des Herodes im Interesse der inneren Sicherheit, der Aufrechterhaltung der Ordnung abgeschlachtet. Ein „Anti-Terror-Einsatz“, würde Herodes heute verlautbaren lassen.
Brueghel kannte solche Szenen aus eigenem Erleben: spanische Reiter in schwarzen Rüstungen und wallonische Jäger in roten Jacken plündern in seinem Bild ein niederländisches Dorf und töten dabei trotz flehentlicher Bitten der Eltern alle Kinder, die ihnen über den Weg laufen, schlagen alles kurz und klein.

Ohne Rücksicht auf alle frommen Gefühle, mit leidenschaftlichem Willen zur direkten Projektion seines durchaus sachgemäßen Verständnisses des biblischen Texts auf den eigenen Alltag versetzt Brueghel das blutige Geschehen von Matthäus 2,16-18 in die eigene Zeit und nimmt damit zu dem, was in ihr geschieht, eindeutig Stellung: der in Spanien residierende König, Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches“ – das ist der Herodes von heute!

Die „heilige Familie“ ist abwesend auf diesem Bild. Das ist seine Pointe. Das Bethlehem des Kindermords zeigt eine wirklich gottverlassene Welt. Das Kind konnte rechtzeitig gerettet werden, seine Eltern mit ihm fliehen – nach Ägypten, ausgerechnet, in das Land der Sklaverei, das allen Juden seit dem Exodus verhaßt war – auch hier die Umkehrung alles Überkommenen, Überlieferten.
Dort lebte es mit sein Eltern jahrelang im politischen Asyl – wie soll man das denn sonst nennen (vgl. Matthäus 2, 19 – 23)?

Die Geburtsgeschichten Jesu im Neuen Testament – apokryphe und koranische Parallelen stehen ihnen nuancierend und jeweils andere Schwerpunkte setzend zur Seite – stellen bei Matthäus und Lukas so etwas wie eine Ouvertüre ihrer jeweiligen Evangelien dar. Sie berichten, daß die Gruppen, deren je spezifisches Bekenntnis zu Jesus sie bewahren, seine Geburt als Beginn einer kosmischen Umwälzung verstanden, in der selbst das, was wir „Gott“ nennen, nicht blieb, was es bis dahin war und für viele noch heute ist: „Gott“ als Bezeichnung eines fernen, alles wissenden, beherrschenden, kontrollierenden, unangreifbaren, unwandelbaren, unserem Alltag und der Zeit enthobenen Wesens.

Damit ist seit Weihnachten Schluß. Der himmlische Thron eines Weltenherrschers ist seit Weihnachten leer und demzufolge auch danach nie mehr das, was sich interessierte Interpreten bis heute gerne unter einem allerobersten Garanten der Macht der Oberen vorstellen.

Betrachtet man die beiden Evangelien, ist klar: wer Gott als solchen obersten Machtgaranten sieht, verwechselt ihn mit Augustus, also mit dem Inbegriff politischer und staatlicher Macht damals.

Sachlich zu Recht hat Breughel das deshalb ganz anders dargestellt. Greifbar wird Gott an Weihnachten und seither am Rand, dort, wo Menschen zu Objekten höheren Orts getroffener Entscheidungen gemacht werden.

Gott, wie wir ihn von Weihnachten her kennen, steht im Mutterleib von Maria Schlange bei der Eintragung ins kaiserliche Steuerregister, kommt in einer Übergangsunterkunft auf die Welt, wird von den Ärmsten der Gesellschaft und von ganz Fremden zuerst erkannt und begrüßt. Allein schon das Gerücht von seiner Existenz führt zu einem Massaker seitens der Herrschenden – mit einem Gott als Garanten ihrer Macht hätten sie kein Problem gehabt und haben es bis heute nicht. Und Gott in Christus, wie wir ihn aus der Weihnachtsgeschichte kennen, entkommt dem Amoklauf der Mächtigen nur knapp, wird politischer Flüchtling im allen anständigen Menschen verhaßten Nachbarland.

Wenn wir uns heute die Aufgabe stellten, mit dieser Geschichte so umzugehen, sie so für unsere Zeit als Bild, Text, Klang zum Ausdruck zu bringen, wie das Pieter Breughel in seinen drei Weihnachtsbildern für seine Zeit gemacht hat, wenn wir also Breughel nicht nur passiv bewundern und bestaunen, sondern praktisch selber das machen wollen, was er tat – wie müßte das dann aussehen?

Wer ist der Augustus, der Herodes, hier und heute, wer wären die Hirten, die Weisen?
Wie sähe Bethlehem aus, wo läge Gottes Asylort Ägypten?

Wie auch immer das im Einzelnen wäre – eins steht schon im Neuen Testament, diesmal im Evangelium des Johannes: „Niemand hat Gott je gesehen – der Einziggeborene, der im Mutterschoß des Vaters ist, der hat ihn uns gezeigt.“ (1,18).

Was wir von Gott wissen können, sagt Johannes, das sehen wir an Jesus. Nicht mehr und nicht weniger. Was wir aber am Vorgang der Geburt Jesu von Nazareth sehen, das trägt die deutlichen Züge radikaler Herrschaftskritik. Gott, so kann man das zusammenfassen, der Gott der Weihnachtsgeschichte, ist uns erkennbar als angreifbares neugeborenes Kind auf der Flucht, ein Kind, für das es in seiner Welt keinen Platz gibt und erst nach Jahren seines Lebens an einem Zuhause ankommt.

Das stellt uns vor die Frage, wo wir Gottes Geburt in Jesus im Leben unserer Welt, unserer Gesellschaft, in unseren Orten und Gemeinden, in unserer Schule feiern wollen.

Im Versuch eines Gesprächs mit amtlich sogenannten „unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen“ an unserer Schule über die Bilder Breughels ist mir neu klar geworden, wie frisch und alltagscharf die Weihnachtsgeschichte heute ist. Als einer von ihnen, ein junger Flüchtling aus Eritrea, die Szene mit der Eintragung ins kaiserliche Steuerregister sah, kam es wie selbstverständlich: „Visum!“

Das stellt mich aus der Perspektive der grundsätzlichen Kritik an Augustus und Herodes – später kommt noch Pontius Pilatus dazu – auch vor die Frage, wie ich es mit den Herrschenden unserer Zeit halte.

Stimme ich in ihr Lied mit ein, in das neu anschwellende Kriegsgeheul, das tödliche Gehechel nach immer noch mehr Profit, sogenannter Sicherheit und Macht?

Heule ich mit den Wölfen das Fraßlied von der patriotischen Verteidigung des Abendlands gegen die angebliche „Islamisierung“?

Murmele ich etwas Unentschiedenes?

Halte ich mich stumm raus und ermögliche damit Krieg, Unterdrückung, Ausbeutung und Rassismus ohne meinen Widerspruch?

Oder singe ich mit Maria: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen, die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen“ – und tue, auch im Vertrauen auf dieses Lied, was daraus folgt?

Wie auch immer: ich beantworte, wissentlich oder unwissentlich, gewollt oder ungewollt, diese Frage in jedem Moment, so oder so.

Ich finde es gut, daß wir jedes Jahr wenigstens einmal ausdrücklich wieder daran erinnert werden, vor welchen Alternativen wir täglich und stündlich stehen.

Mir und uns allen wünsche ich für die Weihnachtsbotschaft hörende Ohren und empfindsame Herzen, für das kommende Jahr offene Augen für den Blick auf die Welt von Unten, Mut, Verstand, Klarheit, Solidarität und die Kraft zur umfassenden Liebe auf der Spur des Kindes von Bethlehem.

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Eine Antwort zu Weihnachten: ein Blick von Unten

  1. dieter stork schreibt:

    Ich habe diese Frohe Botschaft an meine Familienmitglieder versandt.
    Distel

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