Antifaschismus gestrichen

Zum auf den ersten Blick bizarren gemeinsamen, jedenfalls zeitgleichen Auftreten von „Antideutschen“, Ex-Antifas, ukrainischen FaschistInnen und den IslamhasserInnen von „Politically Incorrect“  anlässlich einer Demonstration „Gegen jeden Antisemitismus“ am 4. August in Frankfurt (Bericht) gibt es seit einigen Tagen eine Stellungnahme der Gruppe „kritik&praxis [f]“, die unter dem Namen Clara Felicia Meyer im „Neuen Deutschland“ veröffentlicht wurde: „Die Antideutschen. Rückblick und Kritik„. Ein Link zu diesem Artikel wurde unter dem Namen der sich als Mitglied von „kritik&praxis [f]] / Ex-antifa [f] bezeichnenden Autorin als Kommentar zum oben verlinkten Bericht zugesandt. Er ist also – auch –  eine Reaktion darauf. 

Deutlich fällt auf, wie sehr sich die Autorin bemüht, eine möglichst weite inhaltliche Distanz zwischen „antideutschen“ Positionen und der eigenen festzuschreiben.

Das erstaunt zunächst, denn jede/r weiß, daß es bei allen vorhandenen Unterschieden doch immer wichtige gemeinsame Grundannahmen zwischen antifa [f], campausantifa, Jugendantifa etc. und „Antideutschen“ gab (und sicher auch weiterhin gibt): noch im Sommer 2010 vermieden AktivistInnen der Aktionsgruppe Georg Büchner in zum Teil quälend langen Bündnisgesprächen mehrheitlich Formulierungen, die die Großbanken der BRD oder das Finanzkapital Deutschlands zu „Verursachern und Profiteuren“ der Euro-Krise erklärten, weil sie befürchteten, sonst von genau den genannten (und im Bündnis seinerzeit gar nicht anwesenden)  Gruppierungen der „verkürzten Kapitalismuskritik“ und des „strukturellen Antisemtismus“ geziehen zu werden, also mit Begrifflichkeiten belegt zu werden, die gleichsam „Leitfossilien“ antideutscher Ideologiekritik sind / waren;
noch im Januar 2013 erklärten VertreterInnen von antifa [f] und „turn*left“ in Diskussionen zum Aufruf zur gemeinsamen Blockade des Naziaufmarschs am 1. Mai diesen Jahres den imperialismustheoretischen Grundbegriff „Finanzkapital“ zum politischen no-go, weil er angeblich antisemitisch konnotiert sei. Selbst der Begriff „Faschismus“ war zunächst nicht konsensfähig und sollte durch den faschistischen Propagandabegriff „Nationalsozialismus“ ersetzt werden. Mögen dies alles auch nicht unbedingt zwingende Belege für die völlig „antideutsche“ Provenienz von antifa [f] und ihren PartnerInnen sein, so zeigt es doch ihre Nähe zu ihnen bis in die jüngste Vergangenheit.

Gemessen daran stellt die jetzt veröffentlichte deutliche Distanzierung der Nachfolgegruppe „kritik&praxis [f]“ von den allzu peinlichen, klar „antideutschen“ Protagonisten wie der „Gruppe Morgenthau“ einen politischen Bruch mit den schlimmsten Auswüchsen dieser Bekundungen dar.
Doch wird diese neue Klarstellung allein mit der – von vielen BeobachterInnen seit einem Jahrzehnt bereits kritisierten – politischen Rechtsentwicklung  „antideutscher“ Politik begründet und nicht aus ihren inhaltlichen Grundpositionen. Diese teilen nämlich auch „kritik&praxis“ zumindest streckenweise bis heute in der gemeinsamen „antinationalen“ Haltung, auf die Meyer ausdrücklich verweist.

Zum eigentlichen Problem der pro-israelischen Demonstration vom 4.8.2014 aber schweigt Meyer, und das kann einfach kein Zufall sein.
In der vergangenen knappen Woche wurde der oben verlinkte Bericht über diese Demonstration etwas über zweitausendmal gelesen und von einigen wenigen LeserInnen auch kommentiert. Niemand von den AnmelderInnen und politisch Verantwortlichen dieser Demonstration hat bislang zu der Tatsache Stellung genommen, daß mit Svitlana Golub und anderen AntisemitInnen des „Rechten Sektors“ der Ukraine die „Prozionistische Linke“ und „Gruppe Morgenthau“ gemeinsam demonstriert haben – und daß es sich bei der Frankfurter Gruppe des Rechten Sektors um AntisemitInnen handelt, ist ausreichend belegt durch die von Golub offen zu Schau gestellte  Euro-Maidan-Berlin2  Verehrung für den neuen ukrainischen Staatsheiligen  Stepan Bandera. Golub hatte schon vor der Demo am 4.8. auf Facebook und Twitter für die Demo geworben und angefragt, was man denn beitragen könne, damit endlich einmal 2000 Menschen daran teilnähmen – Hinweise darauf wurden von den OrganisatorInnen offensichtlich ignoriert und Golub auf der Demo solange geduldet, bis ihre Präsenz veröffentlicht wurde. Dann wurde sie endlich hinausgeworfen – die sie begleitenden ebenso aktiven Kameraden des rechten Sektors aber blieben.

Woran auch immer das lag: daß Meyer hierzu nicht Stellung nimmt, zeigt, daß sie den Vorfall entweder nicht kennen möchte oder aber ihn einfach nicht so wichtig findet.

Mit letzterem stünde sie nicht allein: das ist die mainstream-Haltung nicht nur der deutschen Bundesregierung und der Großen Koalition plus der GRÜNEN, der Medien dieses Landes und auch eines großen Teil der Linken zur Ukraine-Frage. So sah man fast durchweg die für die Unterwerfung unter die Troika und den EU-Beitritt kämpfenden Faschisten auf dem „Maidan“ wochenlang als bloß unangenehme Randerscheinung eines ansonsten durchweg positiv beurteilten „zivilgesellschaftlichen Aufstands“ in Kiew und sieht das in der BRD mehrheitlich bis heute so, egal ob es sich um die CDU Angela Merkels, DIE GRÜNEN Marie-Luise Becks und Rebecca Harms‘ oder die Piraten Marina Weisbands handelt, die allesamt im „Euro-Maidan“ ein flammendes Symbol der europäischen Wertegemeinschaft sehen. 
„kritik&praxis [f]“ sowie die berichtende Presse scheinen es in diesem gesellschaftlichen Klima analog für unwichtig zu halten, daß hinreichend deutlich antisemtische FaschistInnen zumindest mit einem Teilerfolg versucht haben, an ihrer Demonstration teilzunehmen. 

Die ehemalige antifaschistische Gruppe antifa [f] hat den Antifaschismus genau zu dem Zeitpunkt aus ihrem Namen gestrichen, zu dem eine vom BRD-Imperialismus gestützte faschistische und antisemitische Regierung in Kiew an die Macht gebracht wurde. Eine der sie tragenden Parteien, Swoboda, nannte zum Zeitpunkt dieser Umbenennung ihren think-tank noch nach Joseph Goebbels (inzwischen nach Ernst Jünger).
Nachdem antifa [f] / kritik&praxis [f] aus welchen Gründen auch immer monatelang nichts ideologiekritisches oder praktisches zum ukrainischen Faschismus eingefallen ist, fühlte sie sich genau in dem Moment zum demonstrativen Handeln „gegen jeden Antisemitismus“ und für das kriegsverbrecherische Staatshandeln der Regierung Israels aufgerufen, als der Nahostkonflikt wieder eskalierte. 

Dem deutschen mainstream, der EU, der NATO sind Swoboda und Rechter Sektor anscheinend ebenso egal wie der Gruppe „kritik@praxis [f]“ TeilnehmerInnen des monatelang ignorierten und beschwiegenen ukrainischen Faschismus auf ihrer Demo.

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10 Antworten zu Antifaschismus gestrichen

  1. Flocko schreibt:

    Wenn man vom ukrainischen Faschismus redet sollte man zum russischem Faschismus nicht schweigen. Selbstverständlich ist der „Rechte Sektor“ eine widerliche faschistische und antisemitische Organisation.
    Fast noch überboten wird er jedoch von der „pro-russischen“ und russischen Seite. Da tummelt sich eine skurrile Mischung aus: russischen Faschisten und Antisemiten, Neo-Monarchisten, autoritäre Imperialisten die das ganze für einen emanzipativen Volksaufstand halten und dem russischen Staat. Das Ganze hat die Tendenz nicht nur zu einer Querfront sondern einer Volksfront.
    Dagegen ist die „ukrainische Volksfront“ aus Oligarchen, demokratischen Aktivisten vom Maidan und dem Rechten Sektor, von dem sich der Maidan nur von Zeit zu Zeit und halbherzig abgrenze ein Hort der Menschenwürde und Demokratie.

    • Verf. schreibt:

      Die hier nur kurz skizzierte Position zur ukrainischen Junta kommt ohne jede Sympathie für den russischen Imperialismus aus.
      Nur: der war hier nicht Gegenstand. Gegenstand ist vielmehr die stromlinienförmige Einpassung „antideutscher“ Positionen in die aussenpolitischen Ambitionen der EU, der NATO, des deutschen Imperialismus. Da nützt der Verweis, daß andere auch Imperialisten seien, wenig.

      Deinen Faschismusvorwurf an die russische Adresse halte ich für verfehlt: denn auch wenn es stimmt, daß sich in Russland alle möglichen Rechten tummeln: von Deutschland unterstützte Regierungspolitik ist das dort nicht.
      In der Ukraine aber ist mit tatkräftiger deutscher Hilfe ein neoliberal-faschistisches Regime an die Macht gebracht worden, dessen Regierungparteien Swoboda und Rechter Sektor sich nicht nur, wie Svitlana Golub auf der Demo am 4. August, auf Stepan Bandera, sondern ausdrücklich auch auf Goebbels und Hitler als Vorbilder und „Befreier“ beziehen.
      Hierzu hat praktisch die gesamte deutsche Antifa burgfriedenhaft monatelang geschwiegen; die Ex-antifa [f] hat sich sogar mehr oder weniger zeitgleich umbenannt und den Antifaschismus aus ihrem Namen gestrichen.

      Eine Einschätzung des ganzen Vorgangs und Belege findest Du in dem ausführlichen Text von Wolf Wetzel und mir: https://wurfbude.wordpress.com/2014/04/12/euro-maidan-das-laute-schweigen-des-antifaschismus/.

    • Verf. schreibt:

      Zur Frage des „Horts von Menschenrechten und Demokratie“: bist Du der Ansicht, das Massakar von Odessa mit mindestens 42 Toten, das Massaker von Mariupol, ebenfalls am 9. Mai… das gehört alles auch zu den Taten der „demokratischen Aktivisten vom Maidan“:

      Merkst Du selber noch, daß Du gerade Faschisten rechtfertigst?

      • Flocko schreibt:

        Der Maidan war kein monolithischer Block. Die aktuelle ukrainische „Junta“ auch nicht. Einfach und kurz gesagt: Wer vom ukrainischen Faschismus redet, darf vom russischen Faschismus nicht schweigen. Eine linke kritische Begleitung des Konflikts muss differenzierter ausfallen.

      • Verf. schreibt:

        Stop. Es waren keine russsischen FaschistInnen auf der Demo, sondern mindestens drei ukrainische, von denen eine der Demo verwiesen wurde. In Kiew sitzen drei faschistische Organisationen in der Regierung. Was soll da der relativierende Verweis auf russsische FaschistInnen?

        Die aktuelle ukrainische Junta ist sowenig „monolithisch“ wie es der deutsche Nazifaschismus, der spanische, italienische, griechische, portugiesische, chilenische Faschismus usw. war.

        Was willst Du damit sagen? Daß er nicht so schlimm ist?
        Daß der in der Ukraine herrschende regierungsamtliche Kult um Stepan Bandera, diesen Mittäter der Shoah, kein Grund zur Ablehnung dieses antisemtischen Faschistenvereins sein sollte?

        Und aktuell: mit wievielen Nazis zusammen würdest Du denn künftig demonstrieren wollen?
        5% der Demo? 10%? Das wäre dann auch kein „monolithischer Block“.

        Offenbar ist es in Frankfurt kein Konsens mehr, mit Nazis nie und unter keinen Umständen etwas gemeinsam zu machen. Jedenfalls läuft Deine Argumentation genau darauf hinaus.

        Und genau gegen diese miese Praxis, die Du jetzt sogar noch offen bestätigst, wurde der obige Beitrag geschrieben.

  2. Hank schreibt:

    „Tendenz nicht nur zu einer Querfront sondern einer Volksfront.“

    Wer Begrifflichkeiten wie Volksfront benutzt und augenscheinlich NICHTS über ihre historische Verwendung weiß, sollte lieber schweigen. Aber mit historischen Kenntnissen hat man es auf Antideutscher und Antideutschenversteher[f] Seite ja noch nie so gehabt.

    • Flocko schreibt:

      Bei der [f] hat man sich mehr um historische Kenntnisse und um konkrete historische Aufarbeitung bemüht, als bei Personen und Gruppen, die sich 2014 affirmativ auf den Volksfrontbegriff beziehen.

      • Verf. schreibt:

        Das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Das Buch von Keller/Kögler/Krawinkel/Schlemmermeyer meinst Du ja vermutlich. Das finde ich etliche historische Fehler und zudem fatale Auslassungen wichtiger Sachverhalte. Und wer bezieht sich heute, aktuell, affirmativ auf den Volksfrontbegriff?

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