Thomas Metscher zum 80. Geburtstag

Am 30. Juli feiert der marxistische Philosoph und Kommunist, Literaturwissenschaftler, Theoretiker der Ästhetik und Kultur Thomas Metscher seinen 80. Geburtstag.
Die Umstände in unserem Land sind derzeit nicht so, daß dieses Ereignis diejenige öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, die ihm von der Sache her eigentlich zusteht. Der folgende Text von Metscher, aus Anlaß seines Ehrentages von der marxistischen Tageszeitung „junge Welt“ veröffentlicht muß und kann sehr gut deshalb neben den sicher dennoch stattfindenden Feiern für Thomas Metscher an dieser Stelle genügen. Er weist den Jubilar als Theoretiker des Gesamtzusammenhangs in revolutionärer Absicht aus, der sich übrigens immer wieder und in großer Offenheit auch mit Fragen der Religion und ihrer gesellschaftlichen Funktion beschäftigt hat, wie der unten folgende Text deutlich zeigt.
Unvergessen ist in Frankfurt sein 2004 in der hiesigen Katharinenkirche gehaltener Vortrag über Peter Weiss und Bertolt Brecht – angeregt davon fand Jahre später in den Räumen der Frankfurter IG Metall ein zweijähriger Lektürekurs von Weiss‘ „Ästhetik des Widerstands“ statt, in dem von Metscher regelmässig die Rede war.
Wie zu hören ist, schreibt er unermüdlich weiter – das kann alle, die sich wie er um die Frage eines zukunftsfähigen Marxismus mühen nur von großer Hilfe sein.

Danke für alles, Thomas Metscher – laß Dich gebührend feiern und auf ein gesundes, glückliches, produktives und streitbares neues Lebensjahr!

junge Welt,  30.07.2014 / Thema / Seite 10

Wanderer am Weltenrand
Mit dem Begriff des Gesamtzusammenhangs wird wie von der alten Metaphysik nach dem Grund allen Seins gefragt. Allerdings unter materialistischen Vorzeichen

Der marxistische Literaturwissenschaftler Thomas Metscher wird heute 80 Jahre alt. jW gratuliert herzlich und veröffentlicht zu diesem Anlaß einen bisher nicht publizierten Beitrag, der auf verschlungenen Pfaden in die Redaktion gelangt ist. Hier werden das 4. und 5. Kapitel eines langen Aufsatzes mit dem Titel »Gesamtzusammenhang. Versuch einer kategorialen Konkretion« dokumentiert. (jW)

Mit großem Nachdruck hat (der Philosoph und Kommunist Hans Heinz; jW) Holz die ontologische Bedeutung des Begriffs des Gesamtzusammenhangs herausgearbeitet. Ja, er hat diesen explizit als ontologische Kategorie exponiert. Der Marxismus als Philosophie hat Holz zufolge den Anspruch, eine Auffassung der Welt als ganzer in ihrer Entwicklung zu geben. Soll der Marxismus als Weltanschauung verteidigt oder begründet werden, so läßt sich hinter diesen Anspruch nicht zurückfallen. Der Marxismus, als Denken des Gesamtzusammenhangs, schließt sowohl Natur wie auch das Verhältnis von menschlicher Welt und Natur in sich ein – der Begriff des Gesamtzusammenhangs umfaßt die Einheit von Natur und menschlicher Gesellschaft; die menschliche Gesellschaft verstanden als Teil des umfassenden Naturganzen. In diesem Sinn ist der Begriff des Gesamtzusammenhangs ein ontologischer. Er betrifft das naturhaft und menschlich-gesellschaftlich Seiende in seiner Totalität, er betrifft es in seiner inhärenten prozessual-dialektischen Verfaßtheit als Dialektik des Geschichtsprozesses und als Dialektik der Natur.

Erst ein solcher Begriff des Gesamtzusammenhangs begründet die fundamentale Diesseitigkeit des Marxismus – und zwar in einem ontologischen Sinn. Er legt damit das Fundament des Marxismus, er begründet den Materialismus als dialektisch-historischen; setzt ihn in Kontrast zu jedem Idealismus wie zu jedem Denken jenseitiger Welt, ganz gleich welcher Spielart, und er bestimmt seine Differenz zu allen Formen religiösen Bewußtseins. Seine ontologische Basisprämisse lautet: Das Sein, von dem wir philosophisch-wissenschaftlich reden und allein reden können, ist der uns in Praxis und Theorie zugängliche natürliche Kosmos und die menschlich-gesellschaftliche Welt als ein Teil von ihm. Es ist dieses »Sein«, in dem wir erkennend und handelnd tätig sind: die Welt als Gesamtheit werdend-gewordener Tatsachen.

So kann auch jede Sinnsetzung nur unter Bezugnahme auf die Diesseitigkeit menschlichen Seins und als Handeln des Menschen – als menschliche Sinnstiftung – erfolgen. Menschliche Welt und Geschichte sind Teil der Naturgeschichte – eine Stufe der Evolution, die freilich, im Unterschied zur Geschichte allen anderen uns bekannten Seins, durch »bewußte Lebenstätigkeit« (Marx), durch zwecksetzendes menschliches Handeln bestimmt, zumindest mitbestimmt ist. Menschliche Geschichte ist so gesehen eine Naturgeschichte »zweiten Grades«. Das Bewußtsein, als Ergebnis evolutionärer Prozesse, wird im menschlichen Sein zum Moment der Weiterentwicklung der Naturgeschichte – bis hin zur hochtechnologischen Zivilisation der Gegenwart, die alle Formen der Naturähnlichkeit abgestreift hat und sich den Schein gibt, das »ganz Andere« gegenüber der Natur zu sein. Demgegenüber hält materialistisch-dialektisches Denken an der – im ontologischen Sinn – Naturhaftigkeit menschlichen Seins in allen seinen Stufen fest. Das Verhältnis von menschlicher Welt und natürlicher Welt ist ein solches der Einheit in der Differenz.

Natur und Gesellschaft

Erinnert sei in diesem Zusammenhang, daß die Grundlage allen Materialismus seit der frühgriechischen Naturphilosophie die Auffassung einer vom menschlichen Denken und Handeln unabhängigen, gesetzmäßig verfaßten Wirklichkeit ist, der der Mensch als ihr Teil untrennbar angehört. Dem naturhaften, in diesem Sinn materiellen Sein kommt dabei im Verhältnis zum geistigen Sein ein genetisches und logisches Primat zu. So zwar, daß das materielle Sein das Übergreifende ist, das das geistige Sein (Bewußtsein) in sich einschließt. Bewußtsein ist Produkt und damit Modus des Materiellen und daher gegenüber diesem sekundär. Wobei hier freilich, um mit Friedrich Engels zu sprechen, das »Gesetz« des »Umschlags von Quantität in Qualität« (MEW, Band 20, Seite 307) zur Geltung kommt: Die Qualität von Bewußtsein ist von jeder anderen uns bekannten Seinsqualität verschieden. Materialismus ist also die Position, die in Materie oder Natur das im ontologischen Sinn Erste und Ursprüngliche erfaßt. Menschliche Welt – Geschichte, Gesellschaft, Individualität – partizipiert an der umfassenden Naturwirklichkeit.

Menschliche Geschichte, und in ihr der Prozeß der Kultur, ist so verstanden ein Vorgang in der Natur und verläuft, wie immer vermittelt, im Rahmen ihrer Gesetze. Dem entspricht Aristoteles’ Gedanke, daß sich alles menschliche Herstellen, mithin der gesamte Prozeß der Zivilisation, innerhalb der Natur vollzieht. Alles menschliche Herstellen, sagt er, bilde entweder »die Gebilde der Natur nach« oder bringt sie »zu einem Abschluß«, »wo sie die Natur nicht selbst zu einem Abschluß zu bringen vermag« (Aristoteles, Physik, Buch II, Kapitel 8, 199a). In einem solchen Geist ist auch Engels’ weitreichende Feststellung zu verstehen, daß »wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht, sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können« (MEW 20, S. 453). Die »wirkliche menschliche Freiheit« ist die »Existenz in Harmonie mit den erkannten Naturgesetzen« (ebenda, 107).

Frage nach dem Sinn von Sein

Der Begriff des Gesamtzusammenhangs im Sinne traditioneller Philosophie bezieht sich auf die Gesamtheit des Seienden, also auf das Sein des Seienden, auf dessen Grund und Sinn. Die Disziplin, die sich mit solchen Fragen befaßt, trägt seit Aristoteles den Namen »Metaphysik«. Aristoteles nennt sie »die Wissenschaft von den ersten Prinzipien und Ursachen (Metaphysik I 2. 982 b 9). Entsprechend wird sie im »Wörterbuch der philosophischen Begriffe« von Johannes Hoffmann als »Lehre von den letzten Gründen des Seins, seinem Wesen und Sinn« definiert. »Daß ich erkenne, was die Welt / Im Innersten zusammenhält« – Goethes Faust hat der metaphysischen Frage eine sehr prägnante Form gegeben. Warum überhaupt Seiendes ist »und nicht vielmehr nichts«, das ist auch in der »Einführung in die Metaphysik« von Martin Heidegger die »Grundfrage« der Metaphysik und die »erste aller Fragen«.

Der Grund und Sinn von Sein in der traditionellen Philosophie heißt in der Regel »Gott«, wobei das Wort »Gott« sehr Unterschiedliches bedeuten kann: den »ersten selbst unbewegten Beweger« des Aristoteles, den persönlichen Gott christlichen Denkens, Gott als Logos des Thomas von Aquin, den rein logischen Gott des ontologischen Gottesbeweises, Gott als Natura naturans (Spinoza), schöpferische Kraft in der Natur, die Goethe als »göttlich-schön« begriff, Gott als Postulat der praktischen Vernunft bei Kant, Gott als Weltgeist und Weltkonstrukteur bei Hegel, als Transzendenz in bestimmten Linien existentialistischen Denkens, als »Gott über Gott« beim Religionsphilosophen Paul Tillich – und vieles mehr. In jedem Fall, so oder so, der Gott der Philosophen ist der metaphysische Gott.

Kritik des Idealismus

Marxistisches Denken versteht sich als Denken »nach der Metaphysik« – wie es sich als »Denken nach der Theologie« versteht. Der »neue Materialismus«, als den Marx sein Denken in den »Thesen über Feuerbach« konzipiert, ist ein Denktypus ohne metaphysisch-theologischen Restbestand. Und sofern er noch Philosophie ist, so ist er eine Form derselben, die sich von den traditionellen Formen der Philosophie fundamental unterscheidet. Der wesentliche Unterschied liegt nicht allein in der Differenz zu den überkommenen Gestalten metaphysisch-theologischen Denkens, sondern in Differenz zum Idealismus jeglicher, auch der neueren und neuesten Spielarten der Philosophie: der kantianischen, nietzscheanischen, existentialphilosophischen, analytischen, konstruktivistischen, neurowissenschaftlichen, postmodernen – wie auch immer. Der »neue Materialismus« unterscheidet sich von jedem Denken, das Bewußtsein, Geist, Vernunft, Sprache, neuronale Tätigkeit oder Wille als Erstes setzt und Materie/Natur als zweites. War die Metaphysik in der Geschichte der Philosophie eine Domäne des Idealismus – »the playground of idealism«, hat sie der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell einmal spöttisch genannt –, so tritt dieser heute dominant in nichtmetaphysischen, oft programmatisch antimetaphysischen Formen auf, nicht zuletzt auch im Mantel positiver Wissenschaft. Marxistisches Denken nun hat sich mit der Verabschiedung von Metaphysik und Theologie auch vom Idealismus jeglicher Spielart verabschiedet, ja seine theoretische Integrität besteht nicht zuletzt in seiner prinzipiellen Differenz zum Idealismus in jeder seiner Gestalten.

Dies bedeutet zum einen, daß der Marxismus nur als kritische Wissenschaft existieren kann: als Kritik von Metaphysik, Theologie, Idealismus. Er ist so auch nicht allein als Kritik der politischen Ökonomie, sondern zugleich als Kritik der Ideologie begründet worden. Und er wird die Arbeit der Kritik auf beiden Gebieten immer zu leisten haben – immer neu mit den Veränderungen der historischen Lage. Ideologie aber im Verständnis der marxistischen Klassiker ist mehr als nur »falsches Bewußtsein« oder Form entfremdeter Vergesellschaftung. Sie ist – in ihren komplexen Gestalten zumindest – deformiertes, also ver-kehrtes (auf dem Kopf stehendes) Bewußtsein, das durchaus Wahrheit enthalten kann, dessen Wahrheitsgehalte aber erst durch seine »Um-Kehrung« (ein »Vom-Kopf-auf-die-Füße-Stellen«) zu gewinnen sind. Mit anderen Worten: Wahrheit ist dem ideologischen Bewußtsein erst abzuringen (klassische Beispiele dafür sind die Marxschen Kritiken der Hegelschen Philosophie und der Religion).1

Kritik ist, im Marxschen Sinn, immer als dialektische zu betreiben. Für die Kritik von Metaphysik und Religion bedeutet dies: Diese sind sowohl im Verkehrten und Verkehrenden ihrer Inhalte aufzudecken als auch im Unterwerfenden ihrer institutionalisierten Formen. Dies gilt insbesondere für die der Religion: in ihrer Herrschaftskonformität und Funktionsweise im Sinne einer entfremdenden Vergesellschaftung. Die Kritik hat aber auch – und dies erst qualifiziert sie als dialektische – die gegenläufigen Momente in Metaphysik und Religion freizulegen: die in ihnen artikulierten lebenspraktischen Erfahrungen und die Fragen, die aus ihnen erwachsen. Mit anderen Worten: Metaphysik und Religion sind nicht nur als Erscheinungen der Ideologie, sie sind auch als solche der Kultur zu behandeln, als Ausdruck und Form selbstbestimmter Lebensgestaltung (wie rudimentär auch immer das Moment der Selbstbestimmung sein mag), als Ausdruck eines sinnhaften Sich-Einrichtens in der Welt, als Lösungen nicht zuletzt für Probleme, die sich im Zusammenhang der Lebenspraxis ergeben.

So wurde und wird in der marxistischen Kritik der Metaphysik fast immer außer acht gelassen, daß die Fragen der Metaphysik trotz deren theologischer oder idealistischer Form als Fragen nicht aus der Welt sind. Die Frage nach dem Sinn von Sein, dem »Sinn des Lebens« zumal, stellt sich, individuell wie kollektiv und geschichtlich, unausweichlich in bestimmten Lebenslagen, die mit existentiellen Grunderfahrungen (Geburt, Tod, Leid, Liebe, Freude) zu tun haben.2 Metaphysische Fragen sind in einem bestimmten Sinn unabweisbar. Mit der Reife, dem wachsenden Selbstbewußtsein und der Selbstbestimmtheit einer Gesellschaft werden sie – so ist zumindest zu vermuten – zunehmen, da die Sensibilität der Menschen für solche Fragen wachsen wird. Will der Marxismus diese Fragen nicht der Religion überlassen – und damit die Theologie theoretisch sanktionieren –, will er sich im vollen Umfang als diesseitige Weltanschauung konstituieren, wird er sich mit ihnen auseinandersetzen müssen. Er wird sie in seiner Sprache, eben materialistisch, formulieren müssen, und er wird sie ebenso zu beantworten haben. Angemerkt sei, daß diese Fragen, anders als in der Philosophie, in der sozialistischen Kunst seit langem zu Hause sind. Auch in den Künsten der osteuropäischen sozialistischen Länder – in Literatur, bildender Kunst, Musik – wurden sie artikuliert –, auch wenn sie von der offiziellen Ideologie nicht aufgenommen wurden. Sie verlangen dann nach dringender Beantwortung, wann immer der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft neu auf der historischen Tagesordnung steht.

Aufhebung der Metaphysik

Die metaphysische Frage bildet die höchste, zugleich auch abstrakteste Stufe im kategorialen Aufbau des Gesamtzusammenhangs. Von allen marxistischen Philosophinnen und Philosophen der Gegenwart hat Holz – nicht zuletzt dies zeigt die Kühnheit seines Denkens – dem Problem der Metaphysik wie auch ihrer Geschichte die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Was ihn dabei von anderen marxistischen Philosophinnen und Philosophen unterscheidet, ist, daß er die Metaphysik nicht einfach als durch den Marxschen Materialismus erledigt betrachtet, sondern sich der metaphysischen Frage stellt. Er behandelt sie unter dem Gesichtspunkt ihrer Aufhebung – der »Aufhebung der Metaphysik in Dialektik«.3 Es ist ein Versuch der Rehabilitation metaphysischer Probleme auf materialistischer Grundlage, im Rahmen eines Philosophietypus, der erst mit und nach Marx möglich wurde. Die Diskussion darüber, die Darstellung und Bewertung dieses Versuchs haben kaum begonnen. Die vorliegenden kritischen Äußerungen dazu, die ich kenne, haben auch nicht im Ansatz den Umfang des Problems erfaßt.4 Die Auseinandersetzung mit Holz’ Versuch hätte die Schlüsselbegriffe seines Denkens – Gesamtzusammenhang, Dialektik, Widerspiegelung – im vollen Umfang einzubeziehen. Es sind dies die Begriffe, mit denen Holz die Frage nach der Verfaßtheit des Wirklichen, seinen Bauformen, Bauprinzipien und Gesetzen, schließlich die nach dem Grund und Sinn von Sein, also die metaphysische Frage, auf eine bestimmte Weise beantwortet.

Eine kritische Untersuchung dieser Antwort ist im Rahmen dieses Textes nicht möglich; lediglich erste Gedanken dazu seien notiert. Es sind Folgerungen, die sich aus dem Prinzip der Aufhebung der Metaphysik in der Dialektik in meiner Sicht ergeben, Folgerungen von nicht nur theoretischer Relevanz gerade auch in einigen aktuellen Fragen, mit denen der Marxismus heute befaßt ist.

1. Die Aufhebung der Metaphysik in der Dialektik hat zur Folge, daß keine unveränderlichen Substanzen mehr als Grund des Seins angenommen werden können, mithin auch keine geschichtslosen Wesenheiten oder »erste Prinzipien«, geschweige denn ein »Gott«, der den Sinn von Sein und den Gesamtzusammenhang des Seienden garantiert – ganz gleich, wie solche Gründe, Wesenheiten oder Prinzipien gedacht werden. Sofern es Substanzen im Aufbau des Wirklichen gibt, sind diese als prozeßhaft, als werdend-gewordene, also als der Bewegung unterworfen und veränderlich zu denken. Dialektik, wie auch immer im einzelnen gedacht, ist Bewegung, Entwicklung, Prozeß. Bereits die »Hauptgesetze der Dialektik«, die Engels in der Planskizze zur »Dialektik der Natur« umreißt, weisen darauf hin: »Umschlag von Quantität in Qualität – Gegenseitiges Durchdringen der polaren Gegensätze und Ineinander-Umschlagen, wenn auf die Spitze getrieben – Entwicklung durch den Widerspruch oder Negation der Negation – Spirale Form der Entwicklung« (MEW 20, S. 307). Jede Substantialität eines Ursprungs wie jede Gegenständlichkeit im einzelnen wird dialektisch in Prozeß und Bewegung aufgelöst oder in prozessuale Zusammenhänge eingegliedert.

2. Mit der Aufhebung der Metaphysik in der Dialektik ist jedem Reden über »Gott« – philosophisch irreversibel – der Grund entzogen. Die Philosophie verabschiedet jeden theologischen Restbestand, wie er noch in den idealistischen Systemen der klassischen deutschen Philosophie und bei deren Nachfolgern vorliegt. Das Denken des Ganzen als dialektisches übt Verzicht auf jeden substantiellen ersten Grund. An dessen Stelle tritt der Gesamtzusammenhang als unendlicher Prozeß, der allein in Form einer Konstruktion philosophisch faßbar ist. Das bedeutet aber auch: Ein solches Denken ist Konstruktion innerhalb bestimmter Grenzen des Erkennens, die sowohl von der historischen Perspektive des Erkennenden wie auch von der Verfaßheit unseres Denkapparats abhängig sind.

Hier kommt ins Spiel, was ich das »Relativitätsprinzip des Erkennens« nenne. Diesem zufolge ist jede Wahrheit geschichtlich bedingt, deshalb relativ: perspektivisch bezogen auf den Standort, von dem aus ihre Formulierung erfolgt. Zwar gibt es einen Prozeß fortschreitender Erkenntnis, doch ist dieser unendlich und unabschließbar, weil er selbst an die stets fortschreitende Bewegung des Gesamtzusammenhangs gebunden ist. Ein »absolutes Wissen« gibt es in diesem Denkzusammenhang so wenig wie einen ersten Grund. Wird innerhalb eines solchen Denkens die Frage nach »ersten Gründen« gestellt, so nur im Rahmen der empirisch erforschbaren elementaren Bauprinzipien des Universums, die nie im metaphysischen Sinn als »erste Prinzipien« gelten können. Das Fragen nach ihnen hat den Charakter eines infiniten Regresses. Die Ontologie tritt an die Stelle der Metaphysik. Solche Problemstellung geht, das sei angemerkt, auf die atomistische Linie antiken Denkens (Demokrit, Epikur, Lukrez) zurück.

3. Die Fragen der Metaphysik, pointiert formuliert, finden ihre Antwort letztlich im Konzept gegenständlicher Tätigkeit als dem ersten, vom dem das Denken des Marxschen Materialismus und damit auch die materialistische Dialektik ausgeht. So wird auch die Frage nach dem »Sinn« materialistisch nur so zu beantworten sein, daß es einen »Sinn von Sein« an sich, d.h. menschenunabhängig, nicht gibt und geben kann. Das Universum hat eine bestimmte Verfaßtheit mit bestimmten Bewegungsgesetzen, es besitzt Struktur und Zusammenhang, doch besitzt es keinen »Sinn«, der etwa die Sinnhaftigkeit des Ganzen garantieren könnte. Ein solcher »Sinn« wäre nur als göttliche Setzung denkbar, er setzt ein substantiell Gegebenes voraus, das dem Gesamtzusammenhang des Seienden im metaphysischen Sinn zugrundeliegt. »Sinn«, materialistisch gesehen, existiert allein als menschliche Setzung – wie auch der »Sinn des Lebens« allein als menschliche Setzung existiert. Sinn ist (des in der Natur integrierten) Menschen Werk. Wir selbst, kein Gott, geben dem Sein einen Sinn – wie auch nur wir selbst dem Sein oder einem Teil von ihm Sinn absprechen können (es ist dies die Kerndimension des modernen Nihilismus). Sinn also ist menschliche Konstruktion, Sinngebung ein komplizierter kultureller Akt.

4. Ist mit der Aufhebung der Metaphysik in Dialektik jede Rede über Gott philosophisch obsolet, so gilt dies in dem doppelten Sinn: eine solche Philosophie kann weder »theistisch« noch kann sie »atheistisch« sein. Innerhalb ihres Diskurses hat der Begriff des »wissenschaftlichen Atheismus« logisch keinen Sinn. Er ist so unsinnig, wie es der Begriff des »wissenschaflichen Theismus« wäre. Dies aber hat Konsequenzen für die sehr praktische und heute höchst aktuelle Frage des Verhältnisses des Marxismus zur Religion.

Anmerkungen

1 Zum Begriff der Ideologie siehe Thomas Metscher: Logos und Wirklichkeit. Frankfurt am Main 2010, S. 321 bis 356; derselbe: Der Komplex Ideologie, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Heft 90, Juni 2012, S. 66–79; Jan Rehmann/Thomas Metscher: Betr. Ideologietheorie – ein Briefwechsel, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Heft 92, Dezember 2012, S. 93-109. Eine weitere Ausarbeitung findet sich in einer längeren Arbeit zum Thema »Ideologie und Kultur«, die im Herbst 2014 im Laika Verlag erscheinen wird.

2 Dazu Thomas Metscher: Logos und Wirklichkeit, siehe Anmerkung 1, S. 420–427

3 Hans Heinz Holz: Weltentwurf und Reflexion. Stuttgart 2005, S. 46 ff.

4 So Wolfgang Fritz Haug: In babylonischer Gefangenschaft? Dialektik bei Hans Heinz Holz, in: Das Argument 274, S. 75–82. Zu Renate Wahsners Kritik an Holz’ »Weltentwurf und Reflexion« vgl. die Beiträge von Andreas Hüllinghorst und mir in Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Heft 81/2010.

5 Dazu Thomas Metscher: Logos und Wirklichkeit, siehe Anmerkung 1, S. 65–83

6 Dazu ebenda, S. 420–427

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