Gründonnerstag: Fleisch und Blut aus Brot und Wein

Christinnen und Christen erinnern sich am Gründonnerstag der letzten Zusammenkunft des Jesus aus Nazareth (Jeshua di´Nsárät) mit seinen Freundinnen und Freunden. Sie fand bereits im Untergrund statt. Nach einer doppelten Provokation der religiösen Autoritäten und der römischen Besatzungsmacht kurz zuvor, konnten sie sich nicht mehr offen bewegen: Jeshua und seine Gruppe war bei seiner Ankunft zum Pessachfest in Jerusalem von Menschen, die ihn kannten, als messianischer Friedenskönig gefeiert worden, ohne dem zu widersprechen. Kurz darauf hatte er die Zustände im Tempel von Jerusalem, der wie jeder Tempel des östlichen Mittelmeerraums zugleich religiöses Zentrum, zentraler Schlachthof und Bankhaus war, angeprangert. In einer Aktion, die an Zeichenhandlungen der alten Propheten erinnerte, hatte Jesus die Geldhändler angegriffen und aus dem Tempel getrieben – handgreiflicher Teil seiner Botschaft, die für die Armen und jede Form beschädigten Lebens Gerechtigkeit forderte, hier und jetzt.

Bei ihrem letzten gemeinsamen Treffen im Untergrund feierte Jeshua mit seinen Freundinnen und Freunden das Pessachfest: die jüdische Feier, mit der an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten erinnert wird. Er sagte voraus, daß er binnen kurzen verhaftet und hingerichtet würde. Dann ließ er ein ungesäuertes Fladenbrot kreisen, nachdem er den traditionellen jüdischen Segensspruch darüber gesprochen hatte. So, wie in jedem von uns, die wir davon essen, ein Teil dieses Brotes ist und wir durch das geteilte Brot verbunden sind, so bleibe ich für immer bei euch, auch wenn ich jetzt bald nicht mehr da sein werde. Ebenso kreiste ein Becher Wein, mit dem Segensspruch des Befreiungsfestes und von Jeshua mit der gleichen Bedeutung versehen.

Daß Brot und Wein Fleisch und Blut werden, ist alltägliche Wirklichkeit. Dafür ist kein Wunder, keine Verwandlung, kein Zauberspruch nötig. Wir erleben das alle jedesmal, wenn wir essen und trinken. Nichts anderes wollte Jeshua mit seinen Freundinnen und Freunden. Essen und trinken, um satt zu werden. Das Pessachfest machte aus der kreisenden Bewegung von Brot und Wein zugleich eine Gruppe teilender Menschen aus ihnen, die ihre Befreiung aus der Sklaverei feiern. Eine horizontale Bewegung, die alle umfasst. Das gleiche Brot, der gleiche Wein, der geteilt von allen genossen, aufgezehrt wird, macht sie zu einer Einheit, die auch dann bestehen bleibt, wenn einer von ihnen verschwindet, von den Herrschern, Feinden der Freiheit, ermordet wird, wie sie das immer wieder tun.

In der antiken Welt Jeshuas galten die Götter als unsterblich. Ihr Blut, heisst es in der Ilias des Homer, ist darum kein menschliches Blut, weil es nicht von Brot und Wein stammt.
Es sei vielmehr ein Saft
wie er lauter fließt in den Adern der seligen Götter /
denn sie essen kein Brot, noch trinken sie funkelnden Wein /
blutlos sind sie daher und heißen unsterbliche Götter

(Homer, Ilias V, 339 – 342, übs. Hans Rupé).

Gründonnerstag ist das Fest der geerdeten Menschlichkeit Gottes, der in Jesuha als politischer Störer gegen die Herrschaft von Traditionalismus und Besatzung auftrat, in den Untergrund gehen musste, dort verraten und verhaftet, in zwei Instanzen verurteilt und schließlich als abschreckendes Beispiel öffentlich zu Tode gefoltert wurde.

Jeshua, in dem, wie wir Christinnen und Christen behaupten, Gott als Mensch gelebt hat, dessen Körper aus Fleisch und Blut bestand, hat uns nicht Götternahrung, nicht Nektar und Ambrosia verheissen, sondern Brot und Wein mit uns geteilt. Das Blut Jeshuas war wirklich Blut, er hatte wie alle Menschen wirkliche Angst vor seiner Verhaftung und seine Schmerzen unter der Folter waren real. Gott hat, so bekannten es Christinnen und Christen später in diesem Weg Jeshuas unseren Weg geteilt. Niemand hat Gott je gesehen, aber Jeshua hat ihn uns gezeigt, heißt es Jahrzehnte später im Johannesevangelium (1,18).

Damit ist eine umfassende Umwälzung des Gottesbilds in Gang gesetzt, und das bedeutet im Sinn des antiken Denkens: des konzentriertesten Ausdrucks gesellschaftlichen Selbstverständnis. Die Umwälzung im Gottesbild ist für das Verständnis gesellschaftlichen Denkens der Antike intensivste und skandalöse Ausdrucksform der Idee einer Umwälzung der Gesellschaft, etwa in dem Sinn, wie der Überlieferung nach schon seine Mutter Maria vor seiner Geburt sang: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gutem und lässt die Reichen leer ausgehen!“ (Lukas 1, 52f)

Jede Form von „Oben“ und „Unten“, von menschlicher Herrschaft über Menschen ist damit unvereinbar. Christinnen und Christen, die sich an das letzte gemeinsame Essen Jeshuas mit seinen Freundinnen und Freunden erinnern, nennen sich seither „Leib Christi“, was einfach heißt: wir sind nach seiner Ermordung durch die Konterrevolution an seiner Stelle, sind sein Körper, sein Fleisch, sein Blut, so, wie lateinamerikanische Guerillas die Tradition haben sollen, beim Aufrufen der Namen getöteter Genossinnen und Genossen „presente!“ zu rufen.

Maria singt von der Revolution, die in Jeshua Fleisch und Blut wurde und in unserem Fleisch und Blut weitergeht. Wir feiern das, wenn wir in der Erinnerung an Jeshua Brot und Wein teilen.

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