Ukraine, EU, Antifaschismus: Offener Brief an Freundinnen und Freunde

Hallo liebe Leute,

ich versuche, aus meinem Blickwinkel die Ereignisse in der Ukraine weiter zu verfolgen und zu dokumentieren wie ich das subjektiv erlebe. Das ist sicher nicht unbedingt Euer Blickwinkel, aber falls es Euch interessieren sollte:

https://wurfbude.wordpress.com/2014/02/23/ukrainische-lektionen/
(sorry für alle typographischen Unzulänglichkeiten).

Falls Ihr das, vermutlich, ganz anders seht und die Zeit dafür habt: an Kritik bin ich sehr interessiert. Wo ist mein Fehler?

Zur Zeit komme ich mir mit meiner Sicht der Dinge ziemlich einsam vor.

Alle, aber wirklich fast alle, die ich kenne, sind begeistert von einem Vorgang oder schweigen irgendwie unschlüssig zu ihm, der nichts anderes bringen wird als die Unterordnung von zig Millionen Menschen unter NATO, Troika, EU.

Selbst von mir sehr geschätzte Freunde in der Blockupy-Bewegung diskutieren, ob sich Blockupy, das Anti-Troika-Bündnis schlechthin, nicht mit diesem Coup solidarisieren solle und bezeichnet einen Vorgang, in dessen Entwicklung in der Ukraine jetzt mit deutscher Hilfe und öffentlichem Schweigen Jagd „auf Juden, Kommunisten, Russen“ gemacht wird (http://german-foreign-policy.com/de/fulltext/58806) als „Aufstand“.

In meiner politischen Sprache ist „Aufstand“ ein qualitativ bestimmter, nämlich progressiver, ungeheuer positiv besetzter Begriff. Marx hat bekanntlich mal geschrieben, ein Aufstand sei eine Kunstform.

Tja, das sehen wahrlich nicht alle so. Oder ist Julia Timoschenko in Euren Augen eine Künsterin? In meinen Augen ist sie eine blutige und korrupte Oligarchin, kein Deut besser als Janukowitch. Nur daß der halt für die rivalisierende, eben die Pro-EU- anstelle der Pro-Russland-Oligarchie-Fraktion stand, und was sich in der Ukraine abpspielte in den letzten Tagen erinnert mich mehr an Raserei und Demagogie als an einen Aufstand im Sinn der Sprache, die ich kenne. Aber es gibt ja viele Sprachen.

Bei der Gelegenheit zeigt sich natürlich auch wieder die Uneinigkeit in der Einschätzung der EU, wie sich zB. auch für das Blockupy-Bündnis typisch ist oder in der LINKEN nicht ausdiskutiert wird. Klar: wer die EU im Vergleich zu Russland als irgendwie zivilisierter, oder wenigstens für reform- und strukturell für friedensfähig hält, der kann den Vorgängen in der Ukraine irgendwie etwas abgewinnen, auch wenn dabei gerade mehr Hobelspäne flögen, als es vielleicht angenehm sei. Ich bin nicht der Ansicht, daß die EU irgendwie zu verteidigen ist. In keiner Hinsicht und mit nichts. Die „Wahl“ zwischen Russland oder EU erinnert mich bloß an die zwischen Pest oder Cholera.

Verblüfffend für mich auch die Nonchalance, mit der die aus meiner Sicht klar erwiesene Dominaz faschistischer Kräfte in der letzten Phase des „Aufstands“ kleingeredet wird. Selbst wenn es sich dabei anders verhielte, als ich es lese und sehe, war für mich bisher klar, daß sich alle irgendwie Linken mit ihrer Solidarität von Ereignissen fernhalten, bei der unübersehbar Nazis wie Swoboda, Rechter Sektor usw. entweder das Heft in der Hand halten oder doch von der Masse der Aktivisten freundlich geduldet werden. (Oder sogar noch toller: es wird zur Begründung des nazitoleranten Verhaltens des „Euromaidan“ argumentiert, die Faschisten dort, ja, die gäbe es schon, aber sie seien den AktivistInnen eben willkommen, weil sie die effektivste Kraft bei der Verteidigung des Maidan seien. Irre.) In der Ukraine ist das plötzlich für nicht wenige etwas anderes. Ich werde ermahnt, das doch nicht so ernst zu nehmen und nicht so zu übertreiben, jemand schreibt mir, ich solle an solche Ereignisse doch bitte „keine westlichen Maßstäbe anlegen“.

Jemand anderes schreibt, es sei ja gar nicht der oberste Rabbi von Kiew gewesen, der als Reaktion auf die „Ergreifung der Macht“ (O-Ton hr info) von Nazis in Kiew die Juden des Landes zur Ausreise aufgefordert habe (Ha’aretz hatte das berichtet: http://www.haaretz.com/jewish-world/jewish-world-news/1.575732), sondern nur einer seiner Stellvertreter. Das war als Beruhigung gemeint.

Stellt Euch einen solchen Vorgang mal für Eure unmittelbare Umgebung vor – könnt Ihr Euch irgendeinen Konflikt vorstelle, für dessen Lösung ihr gemeinsam mit Nazis auf derselben Seite der Barrikade steht, egal wieviele es gerade sind? Und wieso sollen für die Ukraine plötzlich andere Maßstäbe gelten?

Daß es sich bei Swoboda, rechter Sektor usw. ganz offensichtlich um Faschisten, ja Nazis mit bewußter positiver Anknüpfung an den den Nazifaschismus handelt (und nicht nur um „Ethnonationalisten“, wie die Heinrich-Böll-Stiftung beschönigend meint [http://www.boell.de/de/2014/02/20/euromaidan-freiheitliche-massenbewegung-zivilen-ungehorsams]), daran habe ich nach den Bildern von Männern mit Schwarzer Sonne, SS-Runen, Keltenkreuz, 14/88 Codes usw usf keinen Zweifel. (Wie soll man nach einem anscheinend unwidersprochenen bleibenden Text wie dem der HBS, in dem der Begriff des Zivilen Ungehorsams in dieser ungeheuerlichen Weise umgedreht wird, noch irgendwie mit Grünen zusammenarbeiten? Ich frage mich das wirklich).

Was ich neulich zu alledem gelesen habe, passt für meinen Geschmack nicht schlecht: wenn in Deutschland alle Hurra schreien und in dieselbe Richtung marschieren ist es Zeit, daß ein anständiger Mensch stehenbleibt und nachdenkt.

Keine Ahnung, ob ich ein anständiger Mensch bin, aber Eure Mithilfe ist mir sehr willkommen – egal, ob Ihr es seht wie ich oder ganz anders.

Beste Grüße,
Hans Christoph

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3 Antworten zu Ukraine, EU, Antifaschismus: Offener Brief an Freundinnen und Freunde

  1. dieter stork schreibt:

    Ich studiere seit 50 Jahren osteuropäische Geschichte und war über die Jahrzehnte öfter in Russland und der Ukraine. Bis zum Lesen Ihres Artikels fühlte ich mich sehr einsam in Deutschland. Vielen Dank
    Gruß Stork

  2. billstein schreibt:

    Ich teile etwa 70% deiner Befürchtungen, finde es aber manchmal doch etwas arrogant die Geschehnisse dort auf Nazis zu reduzieren. Deine Tweets hinterlassen bei mir manchmal genau diesen Eindruck. Ich bin KEIN Kenner der Ukraine und habe die Ereignisse nur von hier beobachtet und das anhand mehrerer Quellen. Ich weiss das es auch anarchistische und linke Gruppen gibt die den starken Protest aus der Euromaidan Bewegung zumindest in Teilen für richtig halten. Deshalb beobachte ich weiter mit kritischer Distanz aber ohne pauschal alle Aktivisten dort zu verurteilen. Mehr bleibt mir eh nicht übrig. Nochmal, auch wenn ich nicht all deine Ausführungen und Tweets so teile, du hilfst sicherlich dabei ein klareres Bild zu bekommen. Danke dafür.

  3. Manfred Eulenbruch schreibt:

    Du hast ziemlich genau meinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck verliehen. Deshalb habe ich mir erlaubt, diesen Beitrag auf meinem FB-Profil zu teilen, dein Einverständnis voraussetzend. Vielen Dank

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