„Die derzeitige Marx-Renaissance hat den Zweck, eine Lenin-Renaissance zu verhindern“ (Dietmar Dath)

Vor 50 Jahren erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Marxistische Blätter“. Dazu fand in Essen eine Konferenz statt, üer die die „junge Welt“ berichtet:

Auf eins legte sich Dietmar Dath am Sonnabend bei einer kleinen Feierkonferenz (mit einem abendlichen Konzert der Gruppe Quijote aus Chemnitz für Chile) zu 50 Jahren Marxistische Blätter fest: »Die Piratenpartei wird es in 50 Jahren nicht mehr geben.« Die Zukunft der Jubilarszeitschrift sieht er offensichtlich nicht gefährdet. Der Schriftsteller war einer von vier Rednern vor den etwa 100 Gästen, die der Einladung von MB-Redaktion und dem die Zeitschrift herausgebenden Neue Impulse Verlag ins »Unperfekthaus« in Essen gefolgt waren.

Dath lobte das Unfertige, das der Titel Blätter andeute: Keine heiligen Texte im Angebot, sondern »vorläufige Ergebnisse, die aber Geltung haben«. Gegen die wiederkehrende Behauptung, mit der »alten Politik« sei es vorbei, weil nur noch Ökologie, Internet oder anderes auf der Tagesordnung stünden, hätten die Marxistischen Blätter gewußt: Der Kapitalismus ist ein Gewaltverhältnis, das auf Verschleierung angewiesen ist.

Das traf den Kern. Als die August-Bebel-Gesellschaft in Frankfurt am Main im November 1963 das erste Heft der Blätter herausgab, standen dahinter Sozialdemokraten und in der Illegalität arbeitende Kommunisten, die an die Bildungsarbeit der Arbeiterbewegung vor 1933 anknüpfen wollten. In Westdeutschland hielt die 1933 mit allen staatlichen Mitteln durchgesetzte Erkenntnisverhinderung über Kapitalismus und Krieg erst recht seit dem KPD-Verbot 1956 an, de facto bestand sie seit 30 Jahren. Robert Steigerwald, vor 50 Jahren Mitbegründer der Zeitschrift, langjähriger Leiter und bis heute aktives Redaktionsmitglied (siehe Interview mit ihm in der jW-Wochenendbeilage vom 23./24. November), deutete in seinen einleitenden Bemerkungen an, um was es nach 1945 ging: Mindestens 8,5 Millionen Deutsche waren Mitglieder der Nazipartei, in deren Massenorganisationen noch viel mehr.

2013 steht es nicht viel besser, machten die Redner anschaulich. Die Niederlage des europäischen Sozialismus trug dazu bei, vor allem aber die daraus resultierende neue Macht des Kapitals gegenüber der Arbeiterklasse. Der DKP-Vorsitzende Patrik Köbele merkte in der Diskussion an: »Die Arbeiterklasse kämpft nicht mit den Marxisten.« Standortideologie und Niedriglöhne sind in der Bundesrepublik durchgesetzt, Extraprofite kommen aus der EU-Peripherie, die Gewerkschaften sind entwaffnet.

Da erscheint die um sich greifende Marx-Mode paradox. Dath äußerte den Verdacht, die sogenannte Renaissance finde statt, »um eine Lenin-Renaissance zu verhindern«. Der Politikwissenschaftler Georg Fülberth sprach in seinem Beitrag von einem »doppelten Boden«. Auf der ersten Ebene heiße es: »Marx ist ungefährlich.« Weil im 19. Jahrhundert eingesperrt und im 20. Jahrhundert an die Wand gefahren. Auf einer zweiten Ebene werde verkündet: Er hatte mit »Globalisierung« und Krisen recht. Was aber offenbar an der vermeintlichen Harmlosigkeit nichts ändere.

Unbewältigt ist aber das Problem China. Mit dem Streit um Sozialismus oder Kapitalismus dort setzten sich der italienische Historiker und Philosoph Domenico Losurdo und zahlreiche Debattenredner auseinander. Losurdos Ausgangsthese: Im Westen war der Erste Weltkrieg historische Zäsur, begriffen als Resultat imperialistischer Konkurrenz. Für Länder wie China und Vietnam war der Bruch lange davor: die Kolonialisierung und der Kampf um die nationale Befreiung. Aus daraus resultierenden strategischen Entscheidungen nach der Eroberung der Macht hätten sich gravierende Unterschiede zwischen »westlichem und östlichem Marxismus« ergeben. Losurdo nannte die West-Ost-Trennung »unglückselig« und »unbegründet«.

Ein scharf konturiertes Bild heutiger Klassenkämpfe im westlichen Europa zeichnete Anne Rieger, in Österreich lebende Gewerkschafterin. Sie analysierte in ihrem Referat die EU-weiten Angriffe auf Tarifverträge: Kündigten bis vor 20 Jahren in der Regel Gewerkschaften solche Vereinbarungen, um Verbesserungen zu erkämpfen, geschehe dies heute durch die Kapitalseite, unterstützt durch EU-Verordnungen, um Lohnsenkungen durchzusetzen. Die Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen der EU-Kommission forderte in diesem Sinn 2012 »weniger zentralisierte Lohnverhandlungssysteme« und eine »Verringerung der gewerkschaftlichen Verhandlungsmacht«. Das Ideal: Der Lohnabhängige als Tagelöhner.

Die Analysen erschienen angemessen rücksichtslos, ein X wurde nicht für ein U vorgemacht. Das entsprach dem Zweck, zu dem die Marxistischen Blätter erscheinen: Das Wissen tragen, wie Dath in Anlehnung an eine Keuner-Geschichte Brechts formulierte. Seine Prognose für die nächsten Jahrzehnte der Zeitschrift schienen die Anwesenden zu teilen.

Die Referate der Konferenz veröffentlichen die Marxistischen Blätter im Heft 1/2014.

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