Tanzen am Karfreitag, Kater zu Ostern

Zur Zeit geht eine Kampagne für das Recht, auch am Karfreitag öffentlich tanzen und feiern zu dürfen, durch das Land.
Das ist vermutlich mehrheitsfähig, jedenfalls in den Metropolen. Dabei scheinen mir jedoch einige Überlegungen aus Sicht der Linken noch nicht hinreichend berücksichtigt zu sein.

Der galiläische Bauarbeiter Jeshua di’ Nsáräth  (Jesus von Nazareth)  wurde auf Befehl  der römischen Besatzungsmacht Judäas um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung gekreuzigt. Die Kreuzigungsstrafe  war nach römischem Recht der Besatzungsmacht vorbehalten. Sie wurde, wie nicht zuletzt das Ende der Geschichte des Sklavenaufstands unter Spartacus zeigt, ausschließlich gegen Feinde des Imperiums und rebellische Sklaven angewandt: langsame, öffentliche, demonstrative Folter bis zum Tod. Die Abschreckungsfunktion ist offensichtlich (Näheres über eine befreiungstheologische Sicht auf Jesus und die radikal herrschaftskritische Bedeutung seines Auftretens und seines Todes sowie der Behauptung, damit sei es noch nicht vorbei mit der Herrschaftskritik – das ist die Pointe des Osterfestes – kann man aktuell etwa im jüngsten Buch von Ton Veerkamp „Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung“, Berlin 2012, oder kürzer auch hier nachlesen).

Das aber bedeutet: wer unbedingt demonstrativ am Tag der Hinrichtung eines vom Imperium zu Tode gefolterten Aufrührers  tanzen will, kann das natürlich tun, sollte aber darauf achten, dabei genügend Abstand zu Pilatus und Herodes zu wahren. Die tanzen da nämlich auch.

Und zwar aus sehr konkretem Grund. Denn natürlich ist das dem Kommerz ein Dorn im Auge: ein arbeitsfreier Tag, an dem es nix zu verdienen gibt?
Gibt’s das, entspricht das etwa der verfassungsmäßigen Ordnung? Wie unfrei, illiberal und antiemanzipatorisch!
Das muß geändert werden. Her mit dem geschäftsoffenen Palmsonntag in Südhessen und Partymeilen am Karfreitag!
Auf zum antireligiösen Befreiungskampf (wenn sonst schon nichts geht)!
Vorwärts zum „Hasenfest“ mit der Industrie- und Handelskammer, die sich sicher freut.
Freie Bürger fordern freies Feiern!

Denn: Umsatz, Umsatz ! – das ist die frohe Botschaft des Kapitals und sein Ziel die Einebnung aller Zeiten überhaupt in eine einheitliche Konsumfläche, auf der jederzeit und allenthalben konsumiert werden darf, kann und muß, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Was sich dem in den Weg stellt, und sei es als Relikt aus früheren Zeiten, wird zackig beiseitegeboxt. Oder charmant-emanzipatorisch  beiseitegefeiert.

Und das mit Hilfe der Linken. Da reibt sich Herodes die Hände und Pilatus kichert. Sie fühlen sich zutiefst verstanden: anstatt an Karfreitag und Ostern, wie es aus der Sicht des Todes Jesu sachgerecht wäre, nach Kräften und nach Herzenslust zu revoltieren, ist es doch besser, daß die Leute lieber verreisen, im Stau stehen, feiern – egal was, Hauptsache: sie konsumieren.
Und dabei auch noch den Eindruck haben, sie befreiten sich dabei von lästigen Bevormundungen und wären erst jetzt so richtig frei. Na, wenn DAS kein Opium des Volkes ist…

Praise!

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