Frohe Weihnachten: der Thron des Weltherrschers ist ab heute leer. Die große Umwälzung von Oben und Unten hat begonnen.

Zu den seit vielen Jahrhunderten in christlichen Weihnachtsgottesdiensten aller Konfessionen gelesenen Prophetentexten der Hebräischen Bibel („Altes Testament“) gehört der schon von den ersten Christ*innen auf Jesus von Nazareth bezogene Text aus Jesaja 9, der in der traditionellen Lutherübersetzung so lautet:
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Ja, jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“

Jeshua di’Nsárät, Jesus aus Nazareth, war der offenbar uneheliche Sohn eines Bauarbeiters aus Galiläa, dem Bereich Palästinas, in dem anscheinend auch Schweine gehalten und gegessen wurden, also aus dem Landstrich derer,  die es mit den religiösen Regeln nicht so ernst nahmen. Man kann davon ausgehen, daß auch er selber den Beruf seines Vaters ausübte.
Zuerst fiel er auf, als er in synagogalen Gottesdiensten das Wort ergriff und althergebrachte Texte in einer Weise interpretierte, die von den meisten als skandalös verstanden wurden, weil Jeshua sie auf das JETZT bezog, nicht auf einen St. Nimmerleinstag.

Offenbar gehörte er später der apokalyptischen Bewegung des Jochanan (Johannes) an, der eine egalitäre Verteilung aller Güter forderte. Er sagte der Hierarchie in Tempel und Politik den baldigen Untergang in einem kosmischen Weltbrand  vorher und sicherte  nur den durch das Untertauchen im Jordan gleichsam feuerfest versiegelten Anhängern seiner radikalen Forderungen das Überleben zu.

Auch Jeshua wurde auf diese Weise von Jochanan „getauft“, wie das Spätere nannten und  bis heute als Zeichen der Zugehörigkeit der Jesusbewegung weiter vollziehen (wenn auch ohne den damit ursprünglich verbundenen Inhalt).

Vielleicht unter diesem Einfluß, aber auch in die Richtung einer noch radikaleren Bewegung ging Jeshua einen entscheidenden Schritt weiter: er verließ seine Arbeit, seine Familie und seinen Ort. Die ostentative Ablehnung von Seßhaftigkeit, Arbeit und Familie löste bei allen, auch bei denen, die sich ihm bald anschlossen („Jünger“, gemeint waren seiner Schüler*innen) Konflikte aus. „Ich bin nicht gekommen den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ – dieser im Namen Jeshuas überlieferte Satz bezieht sich nicht nur auf die Härte seiner prophetischen Religions- und Sozialkritik, sondern meint wohl auch Auseinandersetzungen, die sich in Familien- und Freundeskreisen abspielten, wenn jemand beschloß, alles zurückzulassen und sich mit Jeshua auf den Weg zu machen.

Seine zeichenhaften Interventionen waren meistens auf konkrete Alltagssituationen und Personen bezogen. Sie ließen im hier und jetzt Falschen den Anbruch des Wahren und Anderen aufleuchten und propagierten den Aufbruch dorthin.

Später erzählte man sich deshalb von ihm: wo er war, gab es genug zu essen, selbst wenn zuwenig da war, das Fest ging weiter, selbst wenn statt Wein nur noch Wasser da war und denen, die schon die Steine in der Hand hielten, um eine Frau zu steinigen, die über ihre Sexualität selbst bestimmen wollte, fielen sie aus der Hand.  Besessene Menschen kamen wieder zu Verstand, Verkrümmte lernten den aufrechten Gang, ja man hatte den Eindruck, vor dem Auftreten Jeshuas sei man blind und taub für die Wahrheit gewesen, aber jetzt könne man wieder sehen und hören.

Wenn Jeshua redete, erzählten man sich später, wußten wir plötzlich wieder, wie das Gesetz des Mose ursprünglich gemeint war: nämlich radikal herrschaftskritisch – Ausdruck der freiheitssichernden Bestimmungen des namen- und bildlosen Gottes, den wir nur NAMEN nennen, und der vor allem eins ist: Befreier der Sklav*innen.

Jeshua wurde von den Herrschenden seiner Zeit völlig richtig verstanden. Darum wurde er verfolgt, von einem seiner Freunde verraten, von den Bütteln der Herrschenden verhört, angeschrien, ausgelacht, angespuckt und geschlagen, von den Söldnern der Besatzungsmacht halb zu Tode gefoltert und dann am Kreuz hingerichtet: der vom Imperium für aufrührerische Sklaven als warnendes Beispiel öffentlich vollzogenen Todesstrafe.

Die von ihm Jeshus Leben gerufene Gruppe wuchs bald und spaltete sich wie jede lebendige Gruppe natürlich ständig. Sie konnten ihre eigene Existenz nur so verstehen, daß die Exekution Jeshuas durch die Herrschenden ein letztlich hilfloser Versuch geblieben war, den Tod über das Leben, über das anbrechende richtige Leben im Falschen siegen zu lassen.

Sie selber, sagten sie, seien an dessen Stelle jetzt Jeshua. Gemeinsam seien sie so etwas wie sein Körper, „Leib Christi“. Allerdings, so sagte es Paulus in einem Brief an die Jesusgruppe in Korinth, ein Leib, der das Gegenteil des organismischen Gesellschaftsmodells der römischen politischen Imperiums-Theologie darstelle. In der gebe es mit dem Kaiser und dem senatorischen Adel einen „Kopf“, der über Bauch und Füßen throne. So hatte es schon in der Fabel des Agrippa Menenius geheißen, mit der dieser die revoltierende römische Plebs zum Ende ihres Streiks habe bewegen und mit der Einführung des Amts eines Volkstribunen zur Rückkehr in die Unterordnung schwätzen können. Der Leib Christi, sagte Paulus, also die Form der Gemeinschaft der ersten ChristInnen, ist horizontal organisiert. Er hat keinen Kopf. Und je weniger angesehen die Arbeiten sein, die in ihm zu verteilen seien, desto angesehener sollten die sein, die sie wahrnähmen.  Und so, wie der „Leib Christi“, also die ersten Jesusgruppen in ihrer Gesamtheit, gemeinsam lebten, also ohne Herrschaft, ohne Oben und Unten, so werde es sehr bald überall sein. Das hofften sie, gegen alle Wahrscheinlichkeit.

Mit dem Bekenntnis  „Jeshua ist Christós“ („Jesus Christus“ ist kein Eigenname, wie es heute in der Regel mißverstanden wird, sondern ein Satz aus zwei Worten)  interpretierten die Gruppen von Jesus-Schüler*innen die alte hebräische Proklamation  eines endzeitlichen „Königs“, eines „Gesalbten“ (hebräisch „mashiach“, griechisch ausgesprochen „messias“, übersetzt „christós“) so, daß im Auftreten Jeshuas der Beginn einer kosmischen Umwälzung angebrochen sei, die sämtliche Machtstrukturen  der Herrschaft von Menschen über Menschen beiseite fegen, den allmächtigen Staat der Römer seiner religiösen, im Kaiserkult auf den Begriff gebrachten Überhöhung berauben und auf eine bis zum endgültigen Sieg der Befreiung vorläufige Instanz allenfalls zur Verhinderung des Faustrechts reduzierte Institution zurechtstutzten.

Hierher gehören auch die Berichte von der Geburt Jeshuas, die nun so erzählt und aufgezeichnet wurden, daß sie intertextuell möglichst viele der alten Sehnsuchts- und Forderungskataloge der hebräischen Bibel mitenthielten, sich auf sie bezogen wie „Vorhersage“ und „Erfüllung“.

Jeshua sei von einer unverheirateten „jungen Frau“ geboren worden (die „Jungfrau“, kam erst durch die Übersetzung des nicht biologisch gemeinten hebräischen „almah“ ins Griechische „parthenos“ in die story).
Er stamme aus Gründen alter Prophezeiungen sowohl aus Nazareth als auch aus der alten davidischen Königsstadt Bethlehem als auch – nach anderen Berichten – aus Ägypten. Er sei deshalb irgendwie ein Sproß der Königsfamilie Davids, schließlich sei sein Vater Josef aus dessen Ort und Sippe.
Aber nicht Herrschende, sondern die land- und eigentumslosen Hirten hätten als erste von seiner Geburt erfahren – und das sei der Anbruch der neuen Zeit.
Wer, wie die Weisen aus dem Osten (von den später daraus fabulierten „Heiligen drei Königen“ steht kein Wort in der Bibel)  aus Gewohnheit an die Strukturen der Macht ausgerechnet im Jerusalemer Palast beim amtlich zuständigen König Herodes nach Jeshuas Geburtsort als dem „neugeborenen König“  gefragt habe, ergänzten andere Gruppen, hätte mit dem Kindermord von Bethlehem ein Massaker ausgelöst, das schon gleich von Anfang an deutlich sollte, wie solchen Versuche aus Sicht der Herrschenden enden sollten.
Der endzeitliche „Friedefürst“, Negation aller immer auch gewaltförmigen Herrschaft von Menschen über Menschen, sei ein neugeborenes Kind – erkennbar gerade an seiner Angreifbarkeit, irdischen Durchschnittlichkeit: „in Windeln gewickelt„.

Mit jeder Macht der Herrschenden sei es ab damals in naher Zukunft vorbei, auch wenn diese jetzt das ganze Arsenal von Herrschaft, Gewalt, Justiz und Tod auf Jeshua und seine Schüler*innen losließen. Das sei offensichtlich. Sie seien jetzt überall, fast weltweit, erzählten sich die ersten Generationen der Schüler*innen Jeshuas.

Der Gedanke vom Anbruch der Erfüllung aller Sehnsucht dieser Gruppen in Jeshua und seinem Auftreten wurde später noch erweitert und radikalisiert in einer Weise, die wenige Generationen nach Jeshua aus einer radikal herrschaftskritischen innerjüdischen Reformbewegung eine neue Religionsgemenschaft entstehen ließ. Sie berief sich gemeinsam mit Israel auf die alten Texte der heiligen Schriften von Gesetz und Propheten, dann aber bald auch auf zusätzliche eigene Texte.

In Jeshua, seiner Geburt, seinem Leben, seiner Verfolgung und seinem Tod sowie seiner Auferstehung (das griechische Wort „anastasis“ für Auferstehung  kann in der Sprache der Antike auch „Aufstand“ bedeuten) sei nicht nur einfach der Anfang aller Erfüllung verwirklicht worden, „Fleisch geworden„, wie manche das ausdrückten.
Das habe vielmehr gar nicht geschehen können, ohne daß dabei auf Schritt und Tritt Gott selber, der namenlose Sklavenbefreier, anwesend gewesen sei – so sehr, daß man sagen müsse: in Jeshua habe Gott selbst gelebt. Man könne seither nicht mehr von Gott sprechen, ohne von Jeshua zu reden.  „Niemand hat Gott je gesehen, aber sein Sohn hat ihn uns gezeigt„, so wurde das zum Beispiel im Evangelium des Johannes auf den Punkt gebracht . Und wenn sie Jeshua als „Sohn“ des sklavenbefreienden Gottes bezeichneten, wollten sie einfach nur die tiefstmögliche Verbindung zwischen beiden ausdrücken und gleichzeitig das schon in den hebräischen Schriften, so zum Beispiel im zweiten Psalm, angekündigte Vater-Sohn-Verhältnis Gottes zum endzeitlichen Friedenskönig anspielen, es für Jeshua in Anspruch nehmen.

Der entscheidende Punkt dieser Entwicklung ist, daß damit eine radikale Umwandlung des Gottesbildes stattfindet, ein Akt der herrschaftsaufhebenden Selbstkritik Gottes. Schon in der hebräischen Bibel taucht erstaunlicherweise immer wieder die Reue Gottes über angedrohtes oder vollzogenes Unheil auf. Mit der Annahme, Gott sei in dem unehelichen Bauarbeiter Jeshua aus Galiläa Mensch geworden, vermenschlicht, wurde sie auf die Spitze getrieben.

Die Behauptung der Nähe, ja Identität Gottes mit Jeshua war noch jahrhundertelang Gegenstand heftiger Debatten, aber klar ist: man kann bis heute als Nachfolger*in Jeshuas nicht von Gott sprechen, ohne von Jeshua zu sprechen, das heißt: vom Rebellen gegen jede Form menschlicher Herrschaft über Menschen, gegen Ausbeutung und Krieg – also von deren bevorstehendem Ende, auf jeden Fall aber vom Ende jeder Rechtfertigung dieser Zustände.
Der sklavenbefreiende Gott hat durch seine ausschließliche Sichtbarkeit im Lebensvorgang  des Jeshua den Weg von Oben nach Unten konsequent selbst zu Ende gebracht damit die Unterscheidung  von „Oben“ und „Unten“ ein für alle Mal delegitimiert. Sie existiert allenfalls noch vorläufig, aber ihr universales Ende ist eingeläutet. Nach der Menschwerdung Gottes im Stall von Bethlehem ist Gott unwiderruflich nicht mehr derselbe wie vorher, das Wort „Gott“ eine Chiffre für radikale Herrschaftskritik, Umwälzung, Aufhebung von Oben und Unten, Revolution.

Der Thron eines „Höchsten“ ist deshalb seit Weihnachten unwiderruflich leer. Der Oberste ist jetzt unten, hat die Seite gewechselt: „O Heiland, aus der Erde spring!“, heißt es in einem Adventslied über den Anbruch dieser Umwälzung.
Wer auch immer sich als Herrschende*r auf einen „Höchsten“ oder irgendein Oben zu berufen versucht, steht seither mit Herodes und Pilatus auf derselben Seite.
Weihnachten heißt: die Verheißung von der großen Umwälzung beginnt, sich zu realisieren. Die Sehnsucht bleibt nicht kraftloses Wünschen. Sie wird handfeste Wirklichkeit, „Fleisch“, wie das in der Sprache der Bibel heißt.

Jeder Satz, den wir seither über Gott lesen oder sprechen, meint den Gott, der in Jeshua sichtbar geworden ist. Er ist also daraufhin abzuhören, wo in ihm der alles von Oben nach Unten umwälzende, im Wortsinn revolutionäre, Oben und Unten aufhebende Inhalt zu finden ist.

Daß das alles kein frommes Märchen ist, von dem man allenfalls sagen könnte: Schön wär‘s, sondern Wirklichkeit von der gleichen Art wie ein neugeborenes Kind, das mit seinem ersten Schrei in aller  Zartheit und Angreifbarkeit seine unüberhörbare Realität setzt, gehört zu dieser Umwälzung: „Das Wort ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit“ – „Herrlichkeit“, in diesem, jeden Begriff von Herrschaft aufhebenden Sinn verstanden.

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7 Antworten zu Frohe Weihnachten: der Thron des Weltherrschers ist ab heute leer. Die große Umwälzung von Oben und Unten hat begonnen.

  1. Gerhard Mentzel schreibt:

    „Gott sei Dank“ ist uns das Wissen gegeben, dass es am Anfang des chr. Glaubens, nicht nur bei den Synoptikern und sonstigen unzähligen Evangelienverfassern bzw. verschiedenartigen Bewegungen, nicht um einen Handwerkersohn ging, sondern das lebendige Wort: Die von Schöpfung ausgehende Vernünftigkeit allen nat. Werdens, die erst in menschlicher Gestalt/Ausdrucksweise entsprechend kultureller Vorbilder eine messiansiche Wirkung erzielen konnte..

    Jetzt können wir auch die radikale Umwälzung begreifen, die in Jesus bzw. der Definition der damals heiß diskutierten Vernunft im Sinne des bildlosen jüd. Monotheismus bzw. der Neubegründung des alten Bundes ging. Jetzt braucht die sog. Menschwerdung nicht mehr leeres dogmatisches Geschwätz bleiben, das moderne Menschen vom Glauben abhält und der Thron ist nicht leer. Denn da sitzt jetzt der König der Juden: Das als nat. Werden der Welt verstandene Wort, das weder der Beweis für ein menschliches Gottesbild ist, noch den Gott der Väter ablöst, sondern als dessen einzige Selbstaussage verstanden wird und mündige gemeinsam Menschen in Verantwortung nimmt.

    Aber das ist erst Morgen, nach Weihnachten: Wenn die kath. Lehre aufgehört hat, leere Dogmen in die Welt zu setzen, sondern durch sie die glaubens-unvoreingenommene, von Schöpfung ausgehende Vernunft/das ewige Wort, wie es das Kirchenoberhaupt vor dem Bundestag in ökologischer/wissenschaflticher Welterklärung zu bedenken gab, erneut als die Gestalt Jesus, somit schöpferische Gegenwart präsent geworden ist.

    • Verf. schreibt:

      Das lebendige Wort wurde nicht aufgrund eines Betriebsunfalls der Heilsgeschichte von einer Frau geboren (Paulus) und damit Fleisch (Johannes), sondern es nahm, so schon die ersten Christinnen, auch noch „die Gestalt eines Sklaven an“ (Paulus). Es wurde von den Herrschenden in dieser Gestalt als Rebell hingerichtet. Der Bericht darüber ist seither für die vernuftverliebten Weisen eine Torheit und für die ach so allmächtigen Macher ein lächerlicher Skandal.

      Die Inkarnation Gottes im Bauarbeiter aus Galilä ist der zentrale Beleg einer „speziellen Option Gottes für die Armen“ im Sinn einer Befreiungstheologie, die zugleich sich selbst befreit.
      Gott ist, weil er das so wollte, seither nicht mehr über allen Konflikten körperlos und unparteiisch schwebendes Vernunftprinzip, sondern leidende und leidenschaftliche Anteilnahme am Kampf der Verdammten dieser Erde, ihr Geist, ihre Begeisterung, ihr Blut, ihre Schmerzen, ihre Fähigkeit und Notwendigkeit, ihr Gedächtnis und ihre Zukunft.

      Mag dieser Kampf auch – bisher – immer wieder scheitern: die Enkel fechtens besser aus.
      Erfüllt vom Geist des Joel und Pfingstens werden sie den Turm der Herrschaft stürzen und Gott wird sein alles in allem und allen. Gleichheit. Liebe. Geschwisterlichkeit.

  2. Gerhard Mentzel schreibt:

    Und erneut zeigt sich, wie dringend notwendig der aufgeklärte Verstand dessen ist, was Grundlage chr. Glaubens war und in Bezug auf den jüd. Glaube Jesus geannt wurde. Maria muss wieder her, um das schöpferische Wort nicht nur vor dem Bundestag in ökologischer Welterkärung zu bedenken zu geben, sondern als das auszudrücken, was Jesus war und bleibt.

    Denn ein Bauarbeiter aus Galilä kommt weder bei den Evangelien vor bzw. wird deren theologischer Bilder und Bedeutungsinhalte gerecht. Noch hat der etwas mit dem Geschichtsverlauf, den vielfältigen Anfängen christologischer Diskussionen, die sich auf Jesus beriefen etwas zu tun.

    Aber es mag zutreffen, dass das Wort (der Neuverstand schöpferischer Vernunft) damals an die Armen gerichtet war. Doch ob damit materielle Notleidende gemeint waren, da hab ich meine Zweifel. Die theologisch beschriebene Befreiung bezog sich wie nachzulesn auf die taub gewordene Schriftlehre der Juden, ebenso wie die menschlichen Göttervorstellungen der Heiden.

    Dass diese Befreiung bzw. der neue Verstand des ewigen Wortes im logisch erklärten Lebensfluss zu einer schöpferisch vernünftigen Lebensweise führte, die auch heute Gerechtigkeit im Miteinander bringen wird, wie es die Befreiungstheologie anstrebt, ist die Folge.

    • Verf. schreibt:

      Jeshua bar Mirjam wurde nicht nur so genannt. Er war es wirklich.
      Seine Berufsbezeichnung als „tekton“, dem griechischen Wort für „Zimmermann“, erscheint zwei Mal (Mt 13,55 / Mk 6,3). Seinerzeit war allerdings die Differezierung der Bauberufe nich nicht so weit fortgeschritten, wie wir das heute selbstverständlich finden. Jeshua war Bauarbeiter, wie sein Vater.

      Sein Lebensvorgang, außerhalb von Familie, Seßhaftigkeit, Arbeit, endete – scheinbar – als Katastrophe, mit dem Tod als Aufrührer. Seine Schriftinterpretation radikalisierte die Tradition und verlangte ihre Realisierung im Hier und Jetzt. Für kollaboratives, reformistisches Verbessern der Welt und ihrer Strukturen hatte er kein Verständnis: er wartete den Anbruch des Reichs Gottes unmittelbar, ja, proklamierte ihn als mit seinem Auftreten als gekommen.

      Die Vernunft, von der Sie sprechen, heißt im hebräischen ruach (Wind, Geist) und ist ebenso feminin wie die Weisheit („chochma“), griechisch „sophia“. Das ist von essentieller Bedeutung für die Weisheitsbewegung, der auch Jeshua als jüdischer Lehrer angehörte.

      Als ruach wird die schöpferische Kraft Gottes schon vor dem ersten Schöpfungstag bezeichnet 1. Mose 1). Als „chochma“ bezeichnet sie sich selbst in Sprüche 8 und Weisheit Salomos 8 – 10: hypostasierte weibliche Gefährtin, ja „Gespielin“ Gottes und seine Schöpferkraft, die „auf dem Markt ihren Mund auftut und auf der Gasse redet„, also nicht im Palast oder dem Tempel, mithin herrschaftskritisch, egalitär. Erst später, Akt patriarchaler Relektüre am Ende des 1. Jhdts., wird sophia im Johannesprolog zum maskulinen „logos“ umgedichtet.

      Eine heutige Relektüre der Texte des AT und NT muss aus meiner Sicht die Vernunft als parteilich erkennen: weiblich, nicht weiß, augebeutet, um ihre Befreiung kämpfend. Die Vernunft, wenn sie denn, wie es die ersten Christ*innen sahen, mit Jeshua als Inkarnation Gottes gemeint sein soll, schwebt nicht über allem. Sie ist nicht unangreifbar. Im Gegenteil. Sie ist, was sie ist, NUR und WEIL sie durch die Erfahrung äußerster Erniedrigung „in Gestalt eines Sklaven und gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz“ (Philipper 2,5ff) gegangen ist, real und nicht etwa nur zum Schein von den Herrschenden (und niemandem sonst und auch nicht zufällig!) ermordet wurde und sich dennoch als stärker als der Tod erwiesen hat.

      Ihre erneute Inthronisierung als wahre Herrin der Welt, nachdem sie als Frau Weisheit im Leben Jeshuas in ihr lebte und ermordet wurde, ist nur nach diesem Weg in die tiefste Tiefe, ja sogar, wie es das Apostolikum bekennt, in die Hölle, das, was sachlich gemeint ist (wodurch übrigens die Hölle aufhört, zu existieren. Daß das später von römisch-kaiserlichen Hotheologen und feudalen Ideologen anders dogmatisiert wurde, steht auf einem anderen Blatt – dem der Anpassung und des Verrats an der Vernunft. In Wahrheit gilt: „Furcht ist nicht in der Liebe“, 1. Johannesbrief 4,18).

      Die Inthronisierung der Vernunft ist in Wahrheit die Forderung nach praktischer Aufhebung jeder Idee der Herrschaft von Menschen über Menschen. Sie konvergiert darum mit der bekannten Forderung, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Karl Marx / Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 385).
      Dieser von Marx polemisch so genannte kategorische Imperativ seines Verständnis‘ ist also eine bis zum Sieg der globalen klassenlosen Gesellschaft ohne Ausbeutung, Privateigentum, Staat und Krieg gültige Realisierungsform der göttlichen ruach / chochma / sophia, ie im Bauarbeiter Jeshua „unter uns gezeltet“ hat, wie es ebenfalls im Johannesprolog gegen jeden Palast heisst. Danach werden wir weitersehen. Vielleicht kommt ja dann erst die eigentliche Zeit der Religion, denn erst dann kann sie nicht mehr im Kampf der Klassen um Macht und Herrschaft deformiert und mißbraucht werden – eigentlich Grund genug für ein Bündnis glaubender und revolutionärer Menschen, wie es schon Thomas Münzer 1525 kurz vor seinem Martyrium voraussah:

      Dran, dran, dieweil das Feuer heiß ist. Lasset euer Schwert nit kalt werden, lasset nit verlähmen! Schmiedet pinke-panke auf den Anbossen Nimrods, werfet ihnen den Turm zu Boden! Es ist nit möglich, weil sie leben, daß ihr der menschlichen Furcht solltet leer werden. Man kann euch von Gotte nit sagen, dieweil sie über euch regieren. Dran, dran, weil ihr Tag habt. Gott gehet euch vor, folget, folget! Die Geschichte stehen beschrieben Matth. 24, Hes. 34, Danielis 74, Esra 16, Offenbarung Joh. 6, welche Schrift alle Röm. 13 erkläret. Drum last euch nit abschrecken. Gott ist mit euch, wie geschrieben 2. Chron. 20, 15-18. Dies sagt Gott: »Ihr sollt euch nit fürchten. Ihr sollt diese große Menge nit scheuen, es ist nit euer, sondern des Herrn Streit. Ihr seid nit, die da streiten, stellet euch vor männlich [und weiblich]. Ihr werdet sehen die Hilfe des Herren über euch.« Da Josaphat diese Worte hörte, da fiel er nieder. Also tuet auch und durch Gott, der euch stärke ohne Furcht der Menschen im rechten Glauben. Amen.

      Georg Büchners Forderung „Friede den Hütten – Krieg den Palästen!“, ein Satz, den bis zum Thermidor schon die französischen Revolutionstruppen, Ausdruck militanter und bewaffneter Vernunft, auf Transparenten vorantrugen, als sie die feudalabsolutistischen deutschen Kleinstaaten zerschlugen, bringt genau das für Vormärz und die Revolution von 1848 auf den Punkt. Ab 1848 hieß sie, radikalisiert, „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“ scheiterte danach in den 72 Tagen der Commune de Paris 1871 und in den 72 Jahren des Großen Versuchs von 1917 bis 1989 – aber, so sicher wie das Amen in der Kirche nicht auf ewig.

      Schon hört man sie erneut rufen, in den Straßen, auf den Plätzen zB. Madrids und Athens, in den Foren und Blogs, in den Kämpfen der Verdammten dieser Erde: „Alle Macht den Räten!“

  3. Gerhard Mentzel schreibt:

    Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben Sie noch heute. Oder ein wegen Volksverhetzung hingerichteter Bauarbeiter, kann nicht das Wort, die Weisheit oder Vernunft oder der wahre lebendige Tempel und König der Juden sein, als der er von den Evangelien beschrieben wurde.

    In wildesten Fieberträumen hätten weder Griechen, noch Reformjuden, was die Verfasser der Texte bzw. später sog. Christen sein wollten, den in den Himmel gehoben, der heute als historischer Bauarbeiter, Sozialreformer… gilt.

    Doch warum von der Vernunft in der Ausdrucksweise Jesus die Wirkung ausgeht, die beschrieben ist, wie dadurch das den Propheten gegebene Wort nun als universal und endgültig gegeben auf(v)erstanden ist, all das lässt sich geschichtlich nachweisen.

    Der Vernunftbegriff der Aufklärung weist zwar in die Richtung dessen, was damals diskutiert, verschieden definierte Weltvernunft war und einen philosophisch in anfänglich-kausaler Erklärung allen Werdens universalen Monoth. begründete, der auch ins NT einfloss. Doch wie heute auch der Vernunftbegriff von Mark oder Hegel zu kurz greift, wenn nicht die Verbindung zur kulturgerechten Ausducksweise einer von Schöpfung ausgehenden Vernunft hergestellt werden kann. So scheint auch damls erst die Definition im Sinne des bildlosen jüd. Monoth. bzw. Josua, gr. Jesus die messianische Wirk-lichkeit gebracht haben, die biblisch bebildert ist und bis zur Aufklärung getragen, zu dieser geführt hat.

    Aber die Vernunft, um die es damals ging, ist alles andere als ein Märchen. Das Oberhaupt der Kirche hat sie vor dem Bundestag in Bezug auf Saolomo bzw. königliche Weisheit und Stoa in ökologischer bzw. wissenschaftlicher Welterkärung zu bedenken gegeben. Wenn die theologische Wissenschaft den Kirchengeschichtswissenschaftler, der die Vernunft sonst als mit Verstand einsehbares Wesen des chr. Glaubens bezeichnet, der ein Weiterdenken gr. Philosophie auf den Wurzeln Bethlehems bzw. jüd. Glaubens gewesen sei, beim Wort genommen hätte, bräuchte Jesus nicht als gestorben und nur im Geist gutgläubiger Anhänger lebendig gelten.

    • Verf. schreibt:

      Ja sicher, da scheiden sich die Geister.

      Das Oberhaupt der römischen-katholischen Kirche ist sicherlich zu unterscheiden vom Leib Christi, der bei Paulus beziehungsreicherweise kein Haupt hat (1Kor 12 – 14 in satirischer Anknüpfung an die Fabel des Agrippa Menenius, wie sie bei Livius überliefert ist. Schon die Deuteropaulinen allerdings konnten und wollten sich keinen Leib Christi ohne Oben und Unten mehr vorstellen und setzten ihm ausgerechnet Christus als Kopf auf, womit der Leib Christi gegen den Willen des Paulus, der sich nicht mehr wehren konne, war er doch um seinen Kopf in Rom wohl schon verkürzt worden, vertikalisiert wurde.).

      Der Deutsche Bundestag ist das in zentralen Fragen völlig machtlose Parlament eines der mächtigsten imperialistischen Staaten der Erde, in seiner globalen Rolle gemeinsam mit den anderen imperialistischen Staaten durchaus vergleichbar mit dem Imperium Romanum, das der Verfasser der Offenbarung Johannis als das „Tier aus dem Abgrund“ gebrandmarkt hat. Lesen Sie dazu die Werke Jean Zieglers, noch besser: Rosa Luxemburg, W.I.Lenin, Harpal Brar u.a. Imperialismustheoretiker. Sie haben Recht. Auch Ziegler wird sie noch zitieren, wenn er geradeaus weiterdenkt und -handelt.

      Die Stoa gehört zum zweifellos schätzenswerten Erbe jener aristokratischen, die Welt aus der Vogelperspektive ruhiger ataraxia und apatheia (!) anschauenden Vernunft, die sich diese Haltung leisten kann.
      Für sie war und ist die leidende und kämpfende ruach/chochma/sophia der Bibel ein skandalon und moria, unfeiner Anstoß und ungebildete Torheit. Zu ihr hat Paulus alles gesagt. Pilatus, wer weiß, war vielleicht Anhänger der stoischen Staatslehre. Wir wissen es nicht, aber es würde passen. Kein Zufall und sehr gut, daß er im Credo vorkommt.

      Es ist also sehr passend, daß Papst Ratzinger im Deutschen Bundestag im Geist des Naturrechts sein Verständnis der Vernunft propagierte: eine Vernunft von Oben.

      Sie ist allerdings der Hagia Sophia, der heiligen Frau Weisheit, wie sie in Bibel und messianischer Bewegung „Fleisch wird“, „stracks entgegen„, wie Luther vielleicht gesagt hätte. (Immerhin verballhornte er bekanntlich Aristoteles zu „Narristoteles“ und sprach bei anderer Gelegenheit von der „Hure Vernunft“. Jeder Schutz vor Mißbrauch der Vernunft, wie zum Beispiel ihre Nutzung zum Zweck der Nuklearwaffenherstellung, setzt eine begründete Parteinahme, also die Nennung und Offenlegung der eigenen partikularen Interessen voraus. „Neutrale Vernunft“, falls es so etwas überhaupt geben kann, hat sich hinreichend als mörderische Gewalt erwiesen. Gemessen daran ist Luthers Rede von der „Hure Vernunft“ ungerecht gegenüber Sexarbeiterinnen.)

      Mit der kämpfenden Vernunft, wie sie in der Thora, diesem Dokument von Autonomie und Egalität, in der Weisheitsbewegung, in der messianischen Bewegung jüdischer Theologen und im Auftreten Jeshuas bis hin zum revolutionären Ausgang aus der Philosophie Hegels, greifbar in Marx‘ „Thesen über Feuerbach“ – mit all dem hat die Philosophie Ratzingers nichts zu tun.

      Römer 12:

      12 Παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς, ἀδελφοί, διὰ τῶν οἰκτιρμῶν τοῦ θεοῦ παραστῆσαι τὰ σώματα ὑμῶν θυσίαν ζῶσαν ἁγίαν εὐάρεστον τῷ θεῷ, τὴν λογικὴν λατρείαν ὑμῶν· 2 καὶ μὴ συσχηματίζεσθε τῷ αἰῶνι τούτῳ, ἀλλὰ μεταμορφοῦσθε τῇ ἀνακαινώσει τοῦ νοὸς εἰς τὸ δοκιμάζειν ὑμᾶς τί τὸ θέλημα τοῦ θεοῦ, τὸ ἀγαθὸν καὶ εὐάρεστον καὶ τέλειον.

      Brüder und Schwestern, weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der vernunftgemäße Gottesdienst. 2 Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird. Dann könnt ihr euch ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen Gottes entspricht, und wisst in jedem einzelnen Fall, was gut und gottgefällig und vollkommen ist.

      Friede sei mit Ihnen.

  4. pop up displays schreibt:

    It’s going to be finish of mine day, but before ending I am reading this enormous article to improve my knowledge.

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