So emanzipatorisch wie ein cremiger Joghurt. Zur Debatte um die LL-Demonstration 2013

Susann Witt-Stahl wurde in der aktuellen jW zur bevorstehenden LL-Demo interviewt. Sie hat dabei die vor allem von sozialdemokratischen und DGB-Kräften inspirierte Gegendemonstration und deren politisches Programm analysiert. Im Mittelpunkt dieser Analyse steht der Begriff des „Emanzipatorischen“, Kernbegriff des Aufrufs zur Gegendemo, der von Teilen der JuSos, ’solid, Falken und DGB-Jugend vor allem aus Berlin gepusht wird. Was die Aufrufenden unter „emanzipatorisch“ verstehen charakterisiert Witt-Stahl so: „Der Emanzipationsbegriff ist inzwischen völlig ausgehöhlt und entleert. Er hat kaum mehr Aussagekraft und Integrität als die Aufschrift ‚jetzt noch cremiger‘ auf einem Joghurtbecher.“ Daß das nicht einfach so vom Himmel gefallen ist, hängt für die Autorin auch mit der sukzessiven Entsorgung des revolutionären Inhalts von Antifaschismus zusammen, der inzwischen weithin auf jede Klassenorientierung, aber auch auf Antiimperialismus und Antimilitarismus verzichtet: „So hat die Antifa weitgehend aufgehört, die Theoriearbeit zu machen, die sie nach 1945 ohnehin nur halbherzig wieder aufgenommen hatte: Ideologiekritik als ‚unterirdische Sprengmine gegen die Lügengebäude der offiziellen Wissenschaft‘ und den Massenbetrug der Kulturindustrie anzuwenden, wie Max Horkheimer es noch Ende der 1920er Jahre gefordert hatte, als er noch glühender Marxist war.“ Das Ergebnis dessen sind Erscheinungen bis hin zur „Hipster-Antifa Neukölln“ – und was das ist, sollte man im Interview nachlesen: Bizarre Auswüchse (PDF). Eine „emanzipatorisch-alternative“ LL-Demo, die sich am „Stalinismus“ der traditionellen LL-Demo abarbeitet, aber keinen einzigen Ton zu den promilitaristischen und -imperialistischen Anteilen in der Geschichte der eigenen Partei, der SPD, zu sagen hat und sich zugleich auf Liebknecht und Luxemburg beruft, ist da nichts Besonderes mehr. Das ist Zeitgeist.
Er wird mitunterstützt durch das zentristische Verhalten in der Führung der LINKEN, die sich jetzt mit allen Demos des Tages, also auch der Joghurtfraktion, solidarisiert.
Er wird unterschätzt aber auch durch die OrganisatorInnen der LL-Demo, die sich offenbar weigern wollen, mit der „emanzipatorischen“ Provokation offensiv umzugehen. Diese Strategie könnte sich langfristig rächen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Antifaschismus, Antiimperialismus, Antimilitarismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.