Faschismus als „Herrschaft der Subalternen“? Zur Kritik an Theorie und Praxis der Antifa 2.0

M.Sommer und S.Witt-Stahl haben in zwei aufeinanderfolgenden Ausgaben der „jungen Welt“ eine Kritik von Theorie und Praxis eines bedeutenden Teils der gegenwärtigen antifaschistischen Bewegung, die sie „Antifa 2.0“ nennen, vorgelegt. Ausgehend von den vorwiegend ideologiekritisch arbeitenden Faschismusanalysen des „New Consenus“, aber auch den Positionen Moishe Postones hat sich hier eine extrem elitär argumentierende und praktisch arbeitende Position etabliert, die in der politischen Praxis mit den entscheidenden Zielen imperialistischer Politik nach innen und außen kompatibel ist. Ihre Positionen treten mit linkem Anspruch auf, fallen aber in allen entscheidenden Fragen hinter antikapitalistische Forderungen zurück, ja, sie verteidigen mit der impliziten Alternative „Kapitalismus oder Barbarei“ die aktuellen Herrschaftsverhältnisse. Sie veröffentlichen ihre Positionen in „jungleworld“, „Phase2“, der Rosa-Luxemburg-Stiftung oder dem BAK Shalom der LINKEN. Sie halten den politischen Islam für „faschistisch“und erklärenden NSU zum „Erbe der DDR“.

Auszüge (Link zu einem PDF des gesamten Textes am Ende des Auszugs):
»Während in der Bundesrepublik die Präsenz der Westalliierten die Westbindung Konrad Adenauers forcierte, wurde in der nestwarmen Nischengesellschaft der DDR jener unheimliche Gemeinschaftsgeist konserviert und weiter kultiviert, der auch schon den Nationalsozialismus zur Massenbewegung werden ließ«, hieß es unlängst in der »linken« Wochenzeitung Jungle World.
Es sei daher »alles andere als Zufall, daß der Zerfall des autoritären Antifaschismus solche Zombies wie den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) hervorbrachte. Vielmehr ist dieser ein originäres Erbe der DDR.« So fallen die letzten Bastionen einer Faschismusanalyse, die sich einer antikapitalistischen Perspektive verschrieben hatte. Gemäß dem Diktum des Philosophen Max Horkheimer, die kapitalistische Welt erzeuge den Faschismus aus sich, galt ihr der Faschismus als im Zentrum der »Zivilisation« entstanden. Diese Erkenntnis wird nun auf den Kopf gestellt: Das Grauen des Faschismus wird als barbarischer »Einbruch in die existierende Gesellschaft« interpretiert, statt es »aus ihren Widersprüchen zu begreifen«, so der Historiker Kurt Pätzold.
»Der Nazifaschismus war gerade selbst das Andere, das Jenseits des Westens, der Aufklärung, der  Zivilisation«, behauptet etwa Martin Dornis, Autor und Referent bei der Rosa Luxemburg Stiftung. Und er folgert: »Nie wieder kann sich die Kritik, wenn sie es denn je konnte, per se auf die Seite irgendwelcher Marginalisierter stellen.
Sie begreifen sich als Opfer der Zivilisation und schließen sich zusammen, um die Herrschaft des barbarischen Kollektivs gegen die abstrakte Vermittlung durchzusetzen«, meint Dornis und macht aus seinem Haß auf die unteren Klassen kein Geheimnis: »Der Nazifaschismus, das war die Subalterne an der Macht.« Auf Weltmaßstab gebracht wirken diese Ideen wie ein Kaleidoskop. Mögen die Farben auch wechseln, die Anordnung folgt immer demselben Muster: Antimoderne Massen bedrohen die Zivilisation, die es mit allen Mitteln – praktischer Antifaschismus – zu verteidigen gilt, vor allem im Nahen Osten.
Moderne »Antifaschisten« (von dem Historiker Gazi Caglar treffend als »Huntington-Linke« charakterisiert) behaupten die Existenz eines »Islamfaschismus« mit derselben Vehemenz, wie US-Neocons und Christian Rights. So schrieb der Autor Gerhard Scheit 2008 in der Antifa-Zeitschrift Phase 2, Nationalsozialismus und Djihadismus seien gleichermaßen grenzenloser Faschismus. Was bei den Deutschen »die Vorsehung des Führers und der Glaube an die Dominanz der arischen Rasse« war, sei bei »den Muslimen« die »Vorstellung der umma«. Wer, wie der Historiker und Phase-2-Autor Volker Weiß, das bei Geert Wilders, Pro Deutschland und deren Dunstkreis aus guten Gründen populäre Wort »Islamfaschismus« lieber vermeiden will, der maskiert die Hetze mit akademischem Duktus, behauptet, daß sich der politische Islam sehr wohl unter die Faschismusdefinitionen des »New Consensus« subsumieren lasse und spricht von »religiösem Faschismus«.

PDF des gesamten Artikels: jW Oktober 2012 – Zu Kritik an Theorie und Praxis der Antifa 2.0

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