Zur Debatte um „Innocence of Muslims“

(erscheint im Dezmber 2012 in Heft 6/2012 der Zeitschrift Marxistische Blätter)

Als Hoax bezeichnet die Internetcommunity eine besondere Form der Alarmmeldung bezüglich zB. eines Computervirus: die Meldung verbreitet sich in rasender Geschwindigkeit und löst besorgte bis panikartige Reaktionen aus. Der Clou: das, was sie berichtet, existiert gar nicht. Im Grunde ist die Nachricht vom fiktiven Virus das Virus selbst.[1]

Nicht unähnlich ist zu beobachten, was sich im Herbst des Jahres als Reaktion auf die mehrsprachige YouTube-Veröffentlichung des Trailers eines islamfeindlichen Films beobachten ließ, der im Juni 2012 unter dem Titel „Innocence of Muslims“ in den USA produziert worden war. Noch vor seiner ersten Aufführung wurde der Film umfassend skandalisiert. Das verwundert zunächst nicht, denn er stellt den Gründer des Islam, Mohammed, in absichtlich beleidigender Form dar. In einer Rahmenhandlung zeigt der Film ein Pogrom bärtiger Muslime gegen christliche Kopten in Ägypten. Zu den Opfern gehört die Familie eines Arztes, der die Fragen seiner Tochter nach dem Sinn dieser Ausschreitungen mit einem Vortrag über „den Islam“ und seinen Gründer beantwortet. „Islam ist Terror“ lautet seine Antwort. Dies begründet er mit historischen Erläuterungen, die den eigentlichen Inhalt des Films ausmachen. Sie stellen ein Konglomerat antiislamisch-rassistischer Behauptungen über Mohammed und den Islam dar.  Die staatlichen Behörden Ägyptens werden als gewalttolerante Helfer mörderischer Islamisten karikiert – sie sind keine Hilfe gegen den „Terror des Islam“. Die Schlußfolgerungen daraus zu ziehen überläßt der Trailer den Zuschauenden.

Die (ursprünglich schon einige Wochen ältere) Internetveröffentlichung löste ab dem 4. September, als sie in arabischer Übersetzung in Ägypten bekannt wurde, wütende Protestdemonstrationen in Staaten mit überwiegend islamischer Bevölkerung aus. Dabei kamen bis Ende September dreißig Menschen ums Leben. Der US-Botschafter in Libyen wurde bei einem Anschlag getötet, der zunächst als Reaktion auf „Innocence of Muslims“ gedeutet, später als Anschlag von Al-Kaida reklamiert wurde. Die Botschaft der BRD in Khartum/Sudan wurde schwer beschädigt.[2] Wohlgemerkt: dies war die Reaktion auf eine 14-minütige Kurzfassung des Machwerks, wie sie im Internet zu sehen ist.[3]  Der gesamte Film scheint bis zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen nur ein einziges Mal, bei seiner Uraufführung  am 23. Juni 2012 in Los Angeles und vor nur wenigen Zuschauer_innen und damals noch unter dem Titel „Innnocence of Bin Laden“, gezeigt worden zu sein.
Derzeit sieht es eher so aus, als sei der Höhepunkt der Aufregung inzwischen abgeklungen.

Trägerkreis

Hinter dem Film steht eine Gruppe extrem konservativer koptischer Christen, die von dem wegen seines Rassismus aus der koptischen Kirche exkommunizierten und in den USA lebenden Prediger Zakarias Boutros inspiriert zu sein scheinen[4]. Der Produzent des Films, „Sam Bacile“, in Wahrheit Nakoula Basseley Nakoula, in Kalifornien lebender Kopte ägyptischer Herkunft, wurde dabei von wohlbekannten Akteuren unterstützt: dem Mediennetzwerk „Media for Christ“ um den Koran-verbrennenden protestantischen Pfarrer Terry Jones. Als Regisseur fungierte ein abgehalfterter Porno- und Actionfilmer. Schauspieler_innen geben an, der Film sei durch eine mit ihnen nicht abgesprochene Nachbearbeitung weitgehend verändert worden und distanzierten sich öffentlich von ihm.
Zu den Produktionsbedingungen des Films wurde am 12. September in den USA berichtet: „The film cost \$5m (£3m) to make, according to its producer Sam Bacile, an Israeli-American based in southern California. He told US news outlets that the money was raised from „100 Jews“ and that it was intended as a „satire“, adding that he believed Islam was a „cancer“.[5] In der Tat soll sich „Sam Bacile“ während der Dreharbeiten als Israeli ausgegeben haben[6]. Seine wahre Identität als gerichtsbekannter US-Bürger koptisch-ägyptischer Herkunft steht seit seiner Festnahme am 27. September außer Frage[7]. Nicht zufällig könnte das Datum der Veröffentlichung der arabischen Version des Trailers am 4. September, also kurz vor 9/11, gewählt sein. Terry Jones äußerte sich in diesem Sinne.[8]
Antiislamischer Rassismus

Zur Erscheinung des antiislamischen Rassismus als einer extrem rechten Ideologieform des imperialistischen Zeitgeistes wurden in den zwei Ausgaben der Marxistischen Blätter (4/2012 und 5/2102)[9], bereits grundsätzliche Thesen dargelegt und an einer bekannten Ideologin dieser Position exemplifiziert. Daran kann hier angeknüpft werden. Wie im Spot eines Suchscheinwerfers wurden nach dem Ausbruch von Protesten gegen „Innocence of Muslims“ in der islamischen Welt die ideologisch-politischen Verarbeitungs- und Nutzungsformen dieser Ereignisse global und auch in der BRD erneut sichtbar.

Dabei sind natürlich auf den ersten Blick die rechten Netzwerke zu sehen, deren Politik der bewußten und absichtlichen Provokation von Muslimen zB. durch wiederholtes öffentliches Zeigen der Mohammed-Karikaturen Kurt Westergaards sich nun bestätigt fühlen konnte. Sie reichen bis hin zur NPD.

Das eigentliche Problem aber ist die sich daran nun erneut anschließende gesellschaftliche Verarbeitung solcher Themen.
Sie läuft nach folgender Logik: irgendwie umstrittene Fragen (Beschneidung, Schächten, Kleidungsfragen, Mohammedkarikaturen, oder eben der hier diskutierte Film) werden in einer Muslime absichtlich provozierenden Form in die öffentlich Diskussion gebracht. Einige wenige Muslime lassen sich dadurch zu gewalttätigen Reaktionen hinreißen. Darauf erhebt sich eine öffentliche Debatte um die Frage, ob solche Provokationen nicht verboten werden sollten, oder auch, ob die Verletzung religiöser Gefühle nicht zB. eine strafwürdige Blasphemie sei. Das wird im Namen der Meinungsfreiheit nach längerer öffentlicher Diskussion mehrheitlich verneint, im Falle der Mohammed-Karikaturen wird der Auslöser der Provokation als Ikone der Meinungsfreiheit wegen erwiesener Standhaftigkeit bei der Verteidigung von Werten der freien Welt öffentlich und staatlich geehrt. Über Tage und Wochen wird auch diesmal über die entsprechende Debatte berichtet.

Was ist das Ergebnis? Antiislamische Rassisten wie zB. das Internetportal „Politically Incorrect“, die „Pro“-Parteien, die „Bürgerbewegung Pax Europa“, Figuren wie Herre, Stadtkewitz, Rouhs, Beisicht, Broder oder die NPD können sich als verfolgte Opfer, als Verteidiger der Meinungs-, Presse-, ja sogar der Religionsfreiheit stilisieren. Sie werden zum Teil durch hohe Anerkennungen legitimiert: Ayaan Hirsli Ali[10] und Kurt Westergaard[11] sind, bei aller Unterschiedlichkeit im Einzelnen, Beispiele dafür. Jenseits der öffentlichen Debatte aber bleibt beim breiten Publikum etwas anderes, und, so ist zu befürchten, in einer viel tiefer liegenden Bewußtseinsschicht hängen: die Bilder brennender Gebäude, wütender Demonstrant_innen fremdartigen Aussehens und mit Transparenten in fremden Schriftzeichen, schreiende Männer mit Bärten, Tote und Verletzte.
Das ist es, jenseits aller anderen Themen, was das Massenbewußtsein einstimmen soll: „der Islam“ ist unser Problem. Er ist fremd, dunkel, gewaltfixiert. „Wir“ müssen „uns“ gegen „ihn“ verteidigen.
Es sind, auch diesmal wieder, christliche Fundamentalisten und lange bekannte Rechte, die diese Lawine ins Rollen bringen. Aber es sind die Medien der westlichen Staaten, die diesen Eindruck gewaltig verstärken und noch in den letzten Weltwinkel transportieren. Unter dem Label der Kritik an Rassisten wird so objektiv Rassismus verbreitet – ein Vorgang, der in dieser Logik an Guido Knopps „Antifaschismus“ erinnert, zu dessen Hauptwerkzeugen das permanente Verbreiten von nazifaschistischen Propagandabildern und -filmen in jedes deutsche Wohnzimmer gehört, die, wie Hannes Heer zeigt, dort bis heute ihre Wirkung tun, völlig unabhängig davon, was irgendwelche Kommentatoren dazu erzählen.[12] Folgt, in ähnlicher Weise, aus dem NSU-Skandal eine öffentlich Debatte über die Optimierung staatlicher Überwachungsorgane, ohne die es den NSU nie gegeben hätte, so folgt unter dem Strich aus einem rassistischen Film gegen Muslime  eine Verstärkung des öffentlichen Feindbilds Islam.

Zwei Details dieser Vorgänge seien hier noch eigens benannt, weil auch sie sich immer erneut wiederholen.
Zum einen die Frage eines Blasphemieverbots, das zum Teil aufgrund nachvollziehbarer Empörung über „Innocence of Muslims“ gefordert wurde. Aber hier wird sofort sichtbar, welche ideologische und politische Falle sich auftut. Die Forderung nach einem Verbot von Blasphemie gehört ins Arsenal der ideologischen Rechten. Zuletzt wurde es von einem ausgewiesenen traditionalistischen Katholiken , Martin Mosebach, gefordert[13]. Wer dem heute folgt, wechselt die Seite. Das Recht auf Blasphemie ist Teil der Kunst-, in gewissem Sinne sogar Teil der Religionsfreiheit (nämlich in ihrer Form negativer Religionsfreiheit) und gehört damit zu den nicht unterschreitbaren Standards bürgerlich-demokratischer Grundrechte (und wer ein gesetzliches Blasphemieverbot fordert, argumentiert, nebenbei und von einem Theologen bemerkt, selbst blasphemisch[14]). Auf diesem Hintergrund die Forderung nach einem Blasphemieverbot zurückweisen heißt aber nicht, die Verbreitung rassistischer Hetze zu befürworten. Notwendig ist das Beziehen eine dritte, eine politische, und nicht juristisch auszutragende Position: im gesellschaftlichen Diskurs und falls nötig auch handgreiflich  gegen die Verbreitung von Rassismus und gleichzeitig gegen die Einschränkung von Kunst und Religionskritik (und nicht etwa: „Islamkritik“) aufzutreten.

Zum andern: „Sam Bacile“ stilisierte sich nicht zufällig als „israelischer“ US-Bürger mit „jüdischen Geldgebern“. Damit verfolgte er erkennbar zwei Absichten zugleich. Den Kritikern seines aggressiven ideologischen Sondermülls kann so der Vorwurf, Antisemit zu sein, umso leichter entgegengeschleudert werden um sich so vermeintlich wirksam gegen Kritik zu immunisieren. Dieses Verfahren ist nicht neu und wird von der politischen Rechten gerne eingesetzt: wer erinnert sich hier nicht an die „Vermächtnisse verstorbener Juden“, die die hessische CDU erfand, um die aus dunklen Quellen stammenden Gelder ihrer Kassen über jede Kritik erhaben scheinen zu lassen; ähnlich etikettieren sich die Internetrassisten von „Politically Incorrect“ ausdrücklich als „proamerikanisch und proisraelisch“.
Auf der anderen Seite: das Bekanntmachen des angeblich jüdischen Hintergrunds des Filmtrailers befeuerte zugleich den real vorhandenen Antisemitismus bei nicht wenigen protestierenden Muslimen, koproduzierte und verstärkte also absichtsvoll, was bewiesen werden sollte, nämlich, daß „die Muslime“, ja „der Islam“ antisemitisch seien.[15] In beiden Fällen gilt analog das oben im Anschluß an Hannes Heer Gesagte: das ist Antisemitismus im Gewand der „Anständigen“ – und hämisch nutzbar gemacht gegen die heute besonders auf das rassistische Visier Genommenen.
Deutlich wird hierbei übrigens auch, wie zentral der essentialistische Topos vom antisemitischen, antiwestlichen, antidemokratischen, letztlich: barbarischen „Islam“ ist, was ja die Behauptung, es gebe solche Muslime, noch bei weitem übertrifft, und bei Figuren wie Geert Wilders und Hiltrud Schröter, Hassblogger wie dem rechtsfundamentalistischen Merkle alias Mannheimer[16]und anderen zur immer wiederholten Forderung nach dem Verbot von Islam und Koran insgesamt führt.  Die Entwicklung des Filmtitels zeigt das. Hieß er bei seiner einzigen öffentlichen Aufführung im Juni noch „Innocence of Bin Laden“, so wurde das bis zum 4. September zu „Innocence of Muslims“ verallgemeinert.  Die Botschaft ist klar: alle Muslime sind potentielle Bin Ladens.

Es legt sich also die Interpretation  des Vorgang von Produktion, Verbreitung und Debatte um „Innocence of Muslims“ vor allem als keineswegs erfolgloser Hoax (s.o.) der antiislamischen, rassistischen Rechten nah, weil er unter dem in diesem Zusammenhang besonders hämischen Titel zu einer wochenlangen öffentliche Zurschaustellung „der Muslime“ als vormoderne, bürgerlichen Rechten und Freiheiten feindliche, gewaltfixierte, irrationale Gewalttäter führte. Die reale Anzahl von Demonstrierenden gegen den Filmtrailer steht dabei in einem ähnlichen und selten debattierten  absurden Verhältnis zur Zahl der Muslime weltweit, wie die Zahl der zB. in der BRD aktiven Salafisten zur Zahl der hiesigen Bevölkerung – in beiden Fällen im Promillebereich. Für ein richtig gut funktionierendes Feindbild ist das aber egal. Daß das als Teil der nach innen und außen gerichteten ideologischen Kriegsvorbereitung und -begleitung betrachtet werden muß, ist wohl deutlich.

Entgegenzusetzen ist dem eine den Standards des Marxismus standhaltende  Form von Religionsverständnis und -kritik[17], die sich im Bereich des hier verhandelten politischen Felds zuerst  gegen die reaktionäre „Islamkritik“ der rassistischen Rechten und deren in der Regel selber fundamentalistisch-christliche Ideologie richten muß.[18]  Es ist zu wünschen, daß sie außerdem praktisch wird: in jeder entsprechenden Diskussion mit Kolleg_innen, in öffentlichen Debatten und wo erforderlich auch auf der Straße, wenn es darum geht, allen Formen von antiislamischem Rassismus entschieden und massenhaft entgegenzutreten.


[2] Ständig aktualisierte Zusammenfassung der Ereignisse rund um den Film: http://de.wikipedia.org/wiki/Innocence_of_Muslims.

[9] zusätzlich im Internet veröffentlicht unter: https://wurfbude.wordpress.com/2012/09/24/die-religion-der-islamkritik/

[12] Hannes Heer, „Hitler war’s“. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit. Berlin 2005, Kapitel 4: Guido Knopp – Hitlers Helfer. Die Rückkehr der Geschichte als Nazi-Clip, S. 160 – 195.

[13] Zitat des Tages: “Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird.” Der (katholische) Schriftsteller und Büchnerpreisträger Martin Mosebach in der Berliner Zeitung zu seinem Vorschlag, Gotteslästerung in Deutschland zu verbieten und unter Strafe zu stellen. (junge Welt, 20.6.2012, S. 3).

[15] Wobei anzumerken ist, daß der dabei zutage tretende Judenhaß zB. islamischer Demonstranten in Pakistan eben nicht, wie bei den Nazis, rassistisch, sondern politisch, nämlich auf dem Hintergrund des Nahostkonflikts „begründet“ wird – was ihn nicht entschuldigt, aber hilft, ihn einzuordnen: wer diese Form sekundären Antisemitismus mit der Vernichtungsideologie und -praxis Rosenbergs, Goebbels‘, Himmlers und Heydrichs auf eine Stufe stellt, verharmlost die Shoah.

[17] Vgl. dazu den Beitrag Thomas Metschers „Marxismus – Metaphysik – Religion. Überlegungen zu einem prekären Verhältnis. Thesen, in: Marxistische Blätter 6/2012 (erscheint im Dezember).

[18] Kriterien dafür wurden in notwendiger Kürze in MB 4/2012, 41f. zur Diskussion gestellt

Dieser Beitrag wurde unter Antiimperialismus, Antirassismus, Kultur, Religion veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.