Thomas Mann 1945 über die berüchtigte „Extremismusklausel“ von heute

Den russischen Kommunismus mit dem Nazifaschismus auf die gleiche moralische Stufe zu stellen, weil beide totalitär seien, ist bestenfalls Oberflächlichkeit, im schlimmeren Falle ist es – Faschismus. Wer auf dieser Gleichstellung beharrt, mag sich als Demokrat vorkommen, in Wahrheit und im Herzensgrund ist er damit bereits Faschist und wird mit Sicherheit den Faschismus nur unaufrichtig und zum Schein, mit vollem Haß aber allein den Kommunismus bekämpfen.

Thomas Mann, in: Essays, hg. von H.Kurzke, Frankfurt 1986, Bd. 2, S. 311

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2 Antworten zu Thomas Mann 1945 über die berüchtigte „Extremismusklausel“ von heute

  1. Marc Forest schreibt:

    So ganz Unrecht hat Thomas Mann sicher nicht. Inzwischen wissen wir aber mehr, als er damals wissen konnte. Ich denke, wir sollten uns bewusst sein, dass Totalitarismus der Todesstoß für den Sozialismus ist. Demokratie und Sozialismus bedingen sich gegenseitig. Ohne Sozialismus kann es keine wirkliche Demokratie geben und ohne Demokratie keinen Sozialismus. Die bisherigen Sozialismusversuche, die gescheitert sind, sind doch gerade durch einen Mangel an Demokratie gescheitert. Das heißt für mich überhaupt nicht, selbstgerecht über diejenigen, die unter historisch schwierigen Bedingungen versucht haben, eine bessere Welt aufzubauen, aber gescheitert sind, den Stab zu brechen. Aber es kann auch nicht heißen, dass wir die Fehler der Vergangenheit auch noch glorifizieren. Und keinerlei Verständnis habe ich für Personen, die den Totengräber des Sozialismus, Stalin, feiern. Bewunderung habe ich für die Menschen, die auch in den finsteren Zeiten unter Stalin an ihren Idealen festhielten. Es hat Kommunist_innen gegeben, die von Stalin in Lager gesteckt wurden und entsetzlich leiden mussten. Aber als sie dem Lager entkommen waren, waren sie immer noch Kommunist_innen. Es hat Menschen gegeben, wie dien naturheilkundlichen Arzt, Schriftsteller und Kommunisten Friedrich Wolf, der Stalin gegenüber durchaus deutliche Worte gefunden hat. Soche Menschen sollten wir nicht vergessen.

    Ich bin nicht absolut blauäugig. Mir ist bewusst, dass Demokratie und Sozialismus Ideale sind, die bisher nirgendwo auf der Welt perfekt verwirklicht wurden. Deshalb finde ich es auch falsch, die Gesellschaften zu verurteilen, die versuchen, Demokratie und Sozialismus aufzubauen, aber bisher noch keinen idealen Zustand erreicht haben. Solange die Richtung stimmt und solange im Namen eines hehren Zieles Menschen nicht brutal unterdrückt und ihrer Würde beraubt werden, verdienen solche Gesellschaften unsere Unterstützung. Ich denke hier ganz besonders an Cuba. In Cuba sind demnächst wieder Wahlen. Wie diese Wahlen funktionieren, ist in Deutschland viel zu wenig bekannt. In Cuba kann man keine Parteien wählen, auch nicht die kommunistische. Es gibt auch keine Einheitslisten, wie es sie in der DDR gab. In Cuba werden die Kandidat_innen von der Bevölkerung und den Massenorganisationen aufgestellt. Wer genügend Unterstützer_innen hat, hat auch die Chance, Kandidat_in zu werden. So könnten selbst Dissident_innen in die Parlamente kommen, wenn sie denn, ja wenn sie denn bl0ß die entsprechende Zustimmung fänden. Dieses System erklärt, dass z. B. Pastor_innen, die Ansehen in der Bevölkerung genießen, seit langer, langer Zeit in den Parlamenten vertreten sind. Außerdem sind bei Wahlen in Cuba zwei Termine angesetzt. Wenn keine_r der Kandidat_innen im ersten Wahldurchgang die erforderliche Mehrheit erhält, kommt es zu einer Stichwahl. Seit kurzem sind auch die Ämter auf zwei Wahlperioden beschränkt. Das gilt auch für das Amt des jetzigen Präsidenten Raúl Castro!
    Aktive Christen können auch aktive Mitglieder in der Kommunistischen Partei Cubas (PCC) sein. Die PCC ist keine atheistische Partei mehr. Präsident Raúl Castro war voriges Jahr beim Kongress der Kirchen Cubas beim Abschlussgottesdienst als Gast zugegen und hat dort sogar gesprochen. Und von seinem Bruder Fidel stammt der Ausspruch, dass es tausend mal mehr Übereinstimmung zwischen dem Kommunismus und dem Christentum gibt als zwischen dem Christentum und dem Kapitalismus.

  2. Verf. schreibt:

    Hallo Marc: wie definierst Du den „Totalitarismus“, von dem Du oben ausgehst?
    Was, vermutest Du, wußte Thomas Mann 1945, als er den „russischen Kommunismus“, also den der Stalin-Zeit, gegen die Totalitarismustheorie verteidigte, warum wohl hat er noch vier Jahre später, 1949, in seiner Weimarer Rede den Antikommunismus als die Grundtorheit der Epoche bezeichnet? Was meinte er damit historisch-konkret? Kuba sicher nicht.
    Wie beurteilst Du Thomas Manns politische Überlegungen, wie er sie gegen Ende seines Romans „Doktor Faustus“ dem Chronisten Serenus Zeitblom in den Mund legt: vielleicht allenfalls im Bündnis mit dem Bolschewismus (!) seien künftig die humanistischen Aspekte der bürgerlichen Tradition zu retten – das wurde im Januar 1947 so veröffentlicht.
    Auf keinen Fall hätte er Kristina Schröder oder ähnliche „Extremismusexperten“ ernst genommen. Als was er sie möglicherweise bezeichnet hätte, steht oben.
    Wie an jeder historischen Persönlichkeit, und das war Stalin zweifelsohne (Alexandre Kojève, selber weder Kommunist noch gar Stalinist, bezeichnete Stalin bekanntlich 1954 (!) als Verköperung des Hegelschen Weltgeistes, der genau in dessen Sinne Weisheit und Tyrannei miteinander kombiniert habe), ist Kritik nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Eine Kritik, die nicht falschen Personalisierungen aufsitzt wie es zur Selbstentlastung gerne in Deutschland im berühmten anderen Fall getan wird, à la „Hitler war’s!“ (Hannes Heer über Guido Knopp) kann nicht auf Dauer von Stalin reden, ohne die politischen Strukturen der SU insgesamt, der für sie kämpfenden und sie mitverantworteden Kommunistinnen und Kommunisten in den Blick zu nehmen, von denen nicht wenige, Du schreibst es selber, von ihrer SACHE unabhängig von der Person Stalins, so überzeugt waren, daß sie selbst nach erlittenenm Unrecht noch dazu standen und dafür kämpften.
    Kritik ist immer und überall selbstverständliche Notwendigkeit, aber sie ist nie unparteiisch. Sie steht immer auf der einen oder der anderen Seite. Sie ist nie uninteressiert, immer Teil einer größeren Auseinandersetzung.
    Die dämonisierende Gleichsetzung Stalins mit Hitler hat ganz andere Ziele als politische Kritik von sozialistischer/kommunistischer Position aus: die Diskreditierung jeder Debatte zur Frage des Sozialismus/Kommunismus heute und in praktischer Absicht. Wer das, und sei es mit der Verwendung des Begriffs „Totalitarismus“, bzw. „totalitär“ mitmacht, sollte sich überlegen, was er damit tut. (Ich weiß, daß auch Trotzki früh bereits diese Begriffe verwandte, um Hitler und Stalin als Zwillinge darzustellen. Das hat nichts mit dem bürgerlichen Totalitarismusbegriff zu tun. Aber er ist seither nicht mehr im Sinn parteiischer Kritik verwendbar, finde ich.)

    Ich persönlich finde Domenico Losurdos Buch „Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Mit einem Essay von Luciano Canfora“, gerade eben bei PapyRossa erschienen, sehr interessant. Vielleicht lohnt sich für Dich die Lektüre ja auch?

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