Landgericht Köln: Beschneidung ist „Körperverletzung“

Seit etwa 3000 Jahren werden Juden, seit etwa 1300 Jahren Muslime wenige Tage nach der Geburt beschnitten. Trotz Jahrhunderten Antisemitismus und trotz Scho’ah hat nun das Landgericht Köln, ein deutsches Gericht, zu entscheiden gewagt: Beschneidung ist Körperverletzung. „Politically Incorrect“ jubelt. (Auch der „Führer“ wäre begeistert gewesen.)
Ein weiteres Mal, wie schon im Fall des Schächtens, werden vordergründig tier- bzw. menschenrechtliche Bedenken gegen eine identitätsbildende, in religiöser Form überlieferte Praxis einer ethnisch-kulturellen Minderheit in Anschlag gebracht.
Gemeint sind die Muslime, mitabgeurteilt werden die Juden.
Vielleicht führt ja die Erfahrung, wie heftig die „israelsolidarische“ Rechte über dieses Urteil jubelt, zu einem Klärungsprozess über den Wert, den eine solche „Solidarität“ hat.

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3 Antworten zu Landgericht Köln: Beschneidung ist „Körperverletzung“

  1. Verf. schreibt:

    Das Kölner Beschneidungsverbotsurteil hat heftige Reaktionen hervorgerufen.
    Sehr schnell wird deutlich, daß sich hier die liberale Spreu vom linken Weizen trennt.

    Die erste Reaktion auf den obigen Artikel, der zeitgleic auf dem Blog der ANK Frankfurt gepostet wurde, kam vom Kommentator Klyonrad:

    Dass in einem antifaschistischen Blog über diese Lappalie berichtet wird und diese dann *ernsthaft* unter Shoah & Holocaust kategorisiert wird, ist schon ziemlich… bescheuert.

    Antwort der ANK:

    @klyonrad: In einer ersten Veröffentlichung zum Urteil des Landgerichts Köln hat jedenfalls der Zentralrat der Juden deutlich gemacht, daß er es nicht für eine Lappalie hält: http://www.zentralratdjuden.de/de/topic/205.html.

    Im Text oben wird daran erinnert, daß in einer anderen Frage, die Du vielleicht allerdings auch für eine Lappalie hältst, dem Verbot des Schächtens, das ja ebenfalls Juden und Muslime gemeinsam betrifft, ein Zusammenhang mit der rassistischen Judenverfolgung der Nazis durchaus gegeben ist. Diese Verfolgung mit den Mitteln von Gesetzen und Strafrecht fußte historisch auf einer jahrzehntelangen antisemitischen Kampagne gegen das Schächten. Dessen Verbot war eine der ersten Maßnahmen der Naziregierung nach 1933. Hier ist ein Zusammenhang!

    Man könnte allenfals argumentieren, die Beschneidung ebenso wie das Schächten seien vormoderne Hygienemaßnahmen, gegen deren Abschaffung auch aufgeklärte Vertreter ihrer religiösen Gemeinschaften nichts haben könnten.

    Dieses typisch liberale Argument übersieht:

    (a) es handelt sich religionshistorisch in beiden Fällen nicht um Hygienevorschriften, sondern ursprünglich um Rituale der Abgrenzung und der Aufrechterhaltung der jeweils eigenen Gruppen von Juden und Muslimen im Umfeld andersreligiöser Mehrheitsgesellschaften. Im Fall des Schächtens wurde das hier einmal deutlich gemacht: http://duckhome.de/tb/archives/4425-Feindbild-Jude-Feindbild-Muslim-ein-Kettenmail,-ein-Urteil-und-eine-Konferenz,-Teil-2.html.

    Beschneidung und religiöse Speisevoschriften sind in beiden Fällen, Judentum und Islam, weniger der Hygiene geschuldet als vielmehr gesellschaftliche Differenzkennzeichen minoritärer Gruppen.

    Der bürgerliche Rassistenkopf jubiliert, wenn solche Differenzen mithilfe staatlichen Zwangs eingeebnet werden sollen: er besteht auf der Nivellierung von phantasierten “Privilegien” der Minderheiten, einer “Gleichheit” nach unten, anstatt dafür zu kämpfen, daß alle daran Interessierten gemeinsam für eine Gesellschaft kämpfen, in der unterschiedliche individuelle und Gruppenrechte für alle möglich und selbstverständlich sind.

    (b): selbst wenn man (a) nicht folgen möchte, wäre das Strafrecht kein geeignetes Mittel der Aufklärung. Aufklärung und Zwang schließen einander aus. Die Behauptung, Beschneidung sei “Körperverletzung” ist absurd. In den USA wird die Mehrheit männlicher Neugeborener beschnitten, unabhängig von jeder Religion. Körperverletzung?
    Und: überhaupt keinen Zusammenhang gibt es selbstverständlich mit der Genitalverstümmelung an neugeborenen Mädchen. Männliche Beschneidung hat sexuell keine weiteren Folgen, weibliche Genitalverstümmelung die denkbar größten, und zwar irreversibel. Sie zu verbieten ist daher völlig richtig.

    In seiner gesellschaftlichen Wirkung hat das Landgericht Köln, was auch immer es bezweckt haben mag, Wasser auf die Mühlen der Fanatiker ethnischer Homogenität geleitet.
    Das islamophobe PI-Spektrum fordert, genau wie Geert Wilders in den Niederlanden, seit langem das Verbot von Koran und Islam, weil es sich bei beiden um Erscheinungen einer “totalitären Politideologie” handele (die antideutsche Linke meint dasselbe und spricht gerne von “Islamofaschismus”).

    Kein Thema für einen antifaschistischen Blog?

  2. Verf. schreibt:

    Und natürlich taucht es auch sofort wieder auf, Marx‘ Opium-Zitat in seiner beliebt-verfälschten Version: „Religion ist Opium fürs Volk“.
    Zum Beispiel so: „Wer seinem Gott noch mit dem Messer dienen muss, mit dem Messer seine Kinder zeichnen muss, d muss man mit (Straf)Recht aufklären, seinen Gott austreiben! Und d Dealern d „Opium fürs Volk“ ihre Messer aus d Händen schlagen, mit denen sie den Mensch verstümmeln.“ twittert @FreiheitHeute.
    Ohne hier auf die schon lange vor Marx zu suchende Herkunft der Opium-Metapher weiter eingehen zu wollen (vgl. dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Opium_des_Volkes) – der Text bei Marx lautet in Wirklichkeit so:

    „Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben, oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Societät. Dieser Staat, diese Societät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Compendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur (Ehrgefühl), ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.
    Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.
    Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.

    (Karl Marx, Einführung in die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Marx/Engels, Werke, Bd. 1, S. 378f)

    Reflektiert der Ausdruck „Opium für das Volk“ die antifeudalkirchliche, bürgerlich-demokratische und mechanistisch-materialistische Position vor allem der französischen Aufklärung aus der Zeit vor der Großen Revolution von 1789, so geht Marx, wie der Kontext zeigt, 1844 einen riesigen Schritt weiter. Religion als „Opium des Volkes“ wird es geben, solange es gesellschaftliche Verhältnisse gibt, die ohne Drogen dieser oder anderer Art unaushaltbar erscheinen mögen. Diese Verhältnisse real und praktisch aufzuheben ist etwas völlig anderes, als die User des Opiums zu bekämpfen. Ja: die Verhältnisse zu beenden, in denen Opium die Rettung zu sein scheint, das geht sogar gar nicht ohne die Opfer des Opiums. Diese zu bekämpfen statt der Verhältnisse, aus denen sie kommen, ist eine verbalradikale Sackgasse.

  3. Verf. schreibt:

    Ausgezeichnete Stellungnahme der islamischen Ärztin Dr. Dagmar Schatz: „Vorhaut im Kopf“
    https://www.box.com/s/9267406c679fb0329ee2.

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