Radhika Desai: zur Kritik des „neuen Kommunismus“

Radhika Desai, Manitoba/Kanada

In einer Zeit, in der es erfreulicherweise wieder normal zu werden scheint, in öffentlichen Diskussionen Begriffe wie „Kapitalismuskritik“, „Antikapitalismus“,  „Revolution“ oder „Kommunismus“ in den Mund zu nehmen, ist es umso klärungsbdürftiger, was damit gemeint sein soll. In einem bereits im Juni 2011 erschienenen Aufsatz, der nun in deutscher Übersetzung und leicht gekürzt von KAZ und jW veröffentlicht wird, setzt sich die in Kanada lehrende Politikwissenschaftlerin Radhika Desai mit dem Kommunismusbegriff von vier derzeit populären Theoretikern des „linksradikalen“ Lagers auseinander: Alain Badiou, Antonio Negri, Michael Hardt und Slavoj Zizek. Gemeinsam ist allen vieren der Rückgriff auf den Kommunismus, gekennzeichnet durch einen, wie Desai kritisiert,  „Marxismus ohne Marx„. Das wird deutlich zB. an der Interpretation der Pariser Commune, dem Staatsbegriff sowohl für den kapitalistischen Staat wie dem der Übergangsgesellschaft zum Kommunismus  (Marx 1875: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats„, MEW 19,28), sowie natürlich dann auch der Frage nach der Form einer Organisation der Arbeit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene jenseits des Kapitalismus (in letzterem Zusammenhang trifft Desais Kritik übrigens ebenso auf den ansonsten anders argumentierenden, von Manfred Sohn vorgelegten Text „Der dritte Anlauf. Alle Macht den Räten“ zu: Manfred Sohn, Der dritte Anlauf) .
Desais  Kritik des „neuen Kommunismus“ aus der Persepktive von Marx und Engels bezeichnet die derzeit gern gelesenen Theoretiker des „neuen Kommunismus“ als aktuelle Variante  des Proudhonismus, Vertreter einer im Kern liberalen Staatskonzeption mit bloß antietatistischem Anstrich:
„Wenn Badiou behauptet, daß Marx’ Darstellung der Pariser Kommune zweideutig sei, und er Engels’ Ausarbeitung darüber so interpretiert, daß sie diese behauptete Zweideutigkeit zusätzlich bezeuge; wenn er sein Argument gegen den Etatismus des real existierenden Kommunismus des Ostens und des »Kapitalo-Parlamentarismus« des Westens auf die Schriften von Marx und Engels über die Pariser Kommune stützt, dann jubelt er ihnen eine Staatskonzeption unter, die sie nie hatten: schlicht die liberale und neoliberale Konzeption des Staates als dem Reich des Zwangs und des Marktes als des Reichs der Freiheit.
Diese Konzeption übersieht nicht nur die gegenseitige Abhängigkeit dieser zwei in der kapitalistischen Gesellschaft, sondern läßt zu, was viel schwerwiegender ist, daß das Konzept der Diktatur des Proletariats zu dem des »Absterbens des Staates« in Gegensatz gebracht wird. Aber in dem, was Marx und Engels über den Staat sagten, war das erstere das notwendige Instrument des letzteren. Denn der Staat war nicht der von den Liberalen und Neoliberalen gefürchtete Verwaltungsapparat, sondern ein Instrument der Klassenherrschaft. In diesem Sinn war Marx’ und Engels’ Beurteilung der Pariser Kommune als eine beispielhafte Diktatur des Proletariats alles andere als zweideutig: »Wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats.« (F. Engels, Einleitung von 1891 zu »K. Marx: Bürgerkrieg in Frankreich«, MEW 17, S. 625)

Es ist diese »allgemeine Organisation der Arbeit in der Gesellschaft«, die Badiou und die neuen Kommunisten ablehnen. Es steht ihnen frei, das zu tun. Es steht ihnen aber nicht frei, zu behaupten, daß irgendeine »Zweideutigkeit« in den Darstellungen von Marx oder Engels sie dazu berechtigt.

Es war nicht aus irgendeiner Sympathie für Zentralisierung oder Autorität heraus, sondern weil es historisch notwendig war in einer Gesellschaft, deren Leistungsfähigkeit auf Produktion im großen Maßstab beruht, daß Marx und Engels sich so entschieden gegen anarchistische Tendenzen stellten und kleinbürgerliche Phantasien über die Abschaffung aller Gesamtkoordination der Wirtschaft so vernichtend kritisierten, Phantasien, die faktisch nämlich die Koordination durch den Markt akzeptierten. (…)
Die Beschwörung von Marx und Kommunismus durch die »neuen Kommunisten« mag ein aufrichtiges Anliegen zum Ausdruck bringen, ihr Verständnis von Kapitalismus mit Marx’ machtvoller Kritik kompatibel zu machen, aber in allen wichtigen Punkten, bei denen sie sich um Marx’ Autorität bemühen, beweisen sie letztlich nur, daß Beschwörung noch nie Verstehen erfordert hat.

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