Dietmar Dath zu Lenins „Staat und Revolution“

Gerade gelesen: das anregende und aufschließende Vorwort von Dietmar Dath zu Lenins „Staat und Revolution„.
Dath hat die große Gabe, Tiefgang und Leichtigkeit der Darstellung miteinander verbinden zu können. Liest man seine Anmerkungen und Hinweise zu Lenins Text, wird plötzlich erneut deutlich, wir unglaublich aktuell er ist: in der Frage der Staatstheorie, in der Abgrenzung des Marxismus gegen den Anarchismus, in der Theorie der Revolution, der sozialistischen Übergangsgesellschaft und der klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus:

„Unter allen klassischen Schriften, die Marx auslegen, ergänzen oder operativ politisch nutzen wollen ist Lenins „Staat und Revolution“ die illiberalste. Marx selbst hat bekanntlich als Liberaler begonnen. Liberale heute … können mit einigen seiner Diagnosen betreffend den Wurm im bürgerlichen System durchaus leben… Mit „Staat und Revolution“ können sie nicht leben.
Das gilt freilich auch für stockreaktionäre Köpfe zwischen nationalkonservativ und religiös, für libertäre Linke, freestyle-Kommunistinnen und überhaupt die Mehrheit derer, die sich zu politischen Fragen heute äußern.

 

Lenins Schrift ist philologisch und programmatisch zugleich gearbeitet; sie fasst Beobachtungen, Überlegungen und sonstige Ansichten von Marx und Engels zu den Fragen zusammen, die der Titel der Schrift anspricht und leitet daraus Forderungen ab, die von denen, die mit der Schrift nicht eben können, als Zumutungen aufgefasst werden müssen. Ich teile diese Forderungen; über den Ort, von dem aus diese Einleitung spricht, soll kein Zweifel sein…

Ein Buch, das rund hundert Jahre alt ist, erinnert uns anVoraussetzungen, Umstände, absehbare Folgen, historische und logische Bedingungen auch und gerade der aktuellsten Kämpfe gegen Unterdrückung, Ausschluss, Unrecht und Lüge.
Die Einzelheiten unsere Kämpfe konnte der Verfasser unseres Buches nicht kennen.
Was er sagt, spricht dennoch an vielen Stellen verblüffend unmittelbar von ihnen, nämlich von den Konturen des Wünschenswerten im Schlamm des Vorhandenen, die man wird herausarbeiten müssen. …
Lenin gibt in „Staat und Revolution“ keine taktischen Ratschläge, sondern er stellt eine begriffliche, also sowohl analytische wie programmatische Maschine zur Verfügung. Ratgebertexte sind Schriften, die sagen, was getan werden sollte. Solche gibt es von Lenin auch, die bekannteste heißt deutlicherweise sogar „Was tun?“.
„Staat und Revolution“ aber sagt zunächst nur, welche Fragen man stellen soll, wie man die politischen Daten sortieren kann, wenn man bestimmte Ziele hat und verbessert die Sicht wie eine Brille, die Ultraviolett- oder Infrarotlicht wahrzunehmen erlaubt.

Man kann ja sagen: ‚Das geht nicht‘. Man soll das aber nicht sagen, wenn man etwas anderes meint., nämlich: Wir sind zu schwach dazu. Wenn etwas nicht geht, muß man es nämlich bleiben lassen. Wenn man aber zu etwas zu schwach ist, könnte man ja stärker werden.
Ich will, dass Leute, die glauben, dass man die genannten Aufgaben besser erledigen kann, als das die bewussten und unbewussten Sklavinen und Sklaven des Kapitalverhältnis tun, „Staat und Revolution“ lesen.


Staat und Revolution wurde geschrieben, als Lenin seiner revolutionären Sache, ihrer wirklichen geschichtlichen Chance alles andere als sicher sein konnte. Er hat es nicht überarbeitet, als diese Chance kam und die Bolschewiki sie ergriffen.
Wie Marx nicht versuchte, der Pariser Kommune die Theorie beizubringen sondern sich lieber – und erfolgreich – damit abquälte, seine Theorie auf das von der Kommune erkämpfte geschichtliche Niveau zu heben, machte Lenin sehr aufmerksam alle Erfahrungen mit, nach denen sich „Staat und Revolution“ in sehr diszipinierten, ganz und gar unromantischen, vom Sog des Möglichen allerdings bereits in stürmische Dynamik versetzten Worten sehnte.

Lenins Erfahrungen, seine begrifflichen und praktischen Leistungen, seine Niederlagen, seine Errungenschaften und Fehler, dürfen gerade denen, die in Revolutionen keine neuen Herren, keine neuen Meister am Werk wissen wollen, nicht als etwas gelten, was nur ihm gehört.
Sie sind nicht abgegolten.
Sie sind aktuell.
Ihre Lehren gehören allen, die sich etwas Besseres vorstellen können als das Vorhandene und keine Lust haben, es sich nur vorzustellen.

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