Schächten zwischen Tierrecht und Rassismus. Bemerkung zu einem aktuellen FR-Artikel

In der Frankfurter Rundschau ist am 21.6.2012 ein Artikel erschienen, in dem über das Töten von unbetäubten Tieren in den dafür zuständigen Schlachtfabriken berichtet wird. Auch wenn das möglicherweise nicht so intendiert sein sollte, ist ein solcher Artikel unter Umständen Wasser auf  die Mühlen „tierrechtlich“ begründeter rassistischer Diskurse. Antisemiten und Islamhasser fordern seit langem das Verbot des halacha- bzw. sharia-konformen Schlachtens, des Schächtens. Nicht ohne Erfolge, wie ein Blick in die jüngere Vergangenheit der Rhein-Main-Region zeigt, woran hier erinnert werden soll. Es schließen sich einige religionswissenschaftliche Anmerkungen zum Schächten an.
Das Verwaltungsgericht Gießen hat im Herbst 2008, rechtzeitig zum kurz darauf beginnenden islamischen Opferfest, eine Ausnahmegenehmigung zum Schächten nach islamischer Religionsvorschrift verweigert , wie der damalige hessische NPD-Landesvorsitzende, Jörg Krebs auf dem faschistischen Internetportal Altermedia frohlockend berichtete (http://de.altermedia.info/general/npd-hessen-ein-kleiner-triumph-fur-alle-tierfreunde-gericht-verbietet-schachtung-061208_19884.html).
Dort, auf „Altermedia“, wurde auch gleich kräftig kommentiert, zB. „statt nach Auschwitz sollte jede Schulklasse ein mal im Jahr dieser Tierquälerei zuschauen müssen. Im Nu wären die Fronten zurechtgerückt.“ Islam und Judentum, hieß es dort in wünschenswerter Deutlichkeit, seien bekanntlich „geistig und rassisch eng verwandte Glaubensgemeinschaften„, das Schächten beider Glaubensgemeinschaften „abscheuliche vorderasiatische Religionsvorschriften„.

Zum Hintergrund: Das Verbot des Schächtens ist in Deutschland nicht neu.  Es richtet sich aktuell hauptsächlich gegen Muslime, hat aber seine Wurzeln, die damals wie heute mit „Tierschutz“  legitimiert werden, in der Nazigesetzgebung des Jahres 1933, mit der jüdischen Metzgern in Deutschland das Schächten verboten wurde.
Religionsgeschichtlich geht das scharia-konforme islamische Schächten von Tieren eindeutig auf jüdisches Religionsrecht (halacha) zurück (Hintergrundinformationen, Literatur). Der Begriff „Schächten“ ist hebräischen Ursprungs (sch’chita, Schlachtung). In beiden Fällen besteht der Unterschied zur zeitgenössisch-westlichen Schlachtmethode in der Vorschrift, daß das Schlachttier durch eine dazu ausgebildete Person (hebräisch: schochet) ohne vorherige Betäubung mit dem raschen Schnitt eines speziellen rassiermesserscharfen Instruments durch die Kehle getötet werden muß und anschließend (im bereits toten Zustand) ausblutet. Denn in beiden Religionen gilt das Blut als Sitz des Lebens, über das von Menschen darum nicht verfügt werden darf, indem es zB. gegessen wird.

Die tierrechtlich begründete Ächtung des Schächtens ist eindeutig antisemtischen Ursprungs und war ein üblicher Topos antisemitischer  Propaganda der Nazifaschisten, die dafür auf ältere Vorbilder zurückgreifen konnten.

Heute richtet sie sich hierzulande praktisch ausschließlich gegen Muslime, da das Schächten nach jüdischem Recht in der Regel durch Sondergenehmigungen gestattet wird.
Die Behinderung des Schächtens direkt vor dem islamischen Opferfest, bei dem traditionell ein Tier zu schlachten und im Familien- und Bekanntenkreis zu verzehren sowie ein bestimmter Anteil des Fleischs an Bedürftige zu verteilen ist, muß darum als kulturalistisch begründete, auf rechtspopulistische sowie traditionelle antisemitische Stimmungen des „gesunden Volksempfindens“ Rücksicht nehmende Form eines  Sonderrechts gegen Muslime verstanden werden. Die NPD, die den anti-islamischen Rassismus 2008 zum Schwerpunktthema ihres damaligen hessischen Landtagswahlkampfes bestimmt hatte, rechnet sich die Entscheidung des VG Gießen als „Erfolg“ an.

Freuen konnte sich auch der seinerzeitige hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der im vorangegangenen Landtagswahlkampf neben einem der Sache nach nur als abwegig zu bezeichnenden Verbot des Burka-Tragens an hessischen Schulen auch noch etwas vom „Schlachten in der Wohnküche“ in die Lande posaunt hatte, womit er aber selbstverständlich nach eigenem Bekinden niemals Stimmung gegen Muslime gemacht haben wollte.
Mitjubeln konnten und können auch „Islamkritiker“ wie Udo Ulfkotte, auf dessen Blog „Akte Islam“  zur gleichen Zeit islamische Schächter als „Halsabschneider“ verunglimpft wurden. Große Freude also von  den Antisemiten der NPD über die Islamhasser  à la Ulfkotte, Schröter und PI bis hin zur CDU.

Nachbemerkung:  eine Massentierhaltung oder -schlachtung im „zivilisiert-westlichen“ Sinne wäre nach halacha oder scharia undenkbar, da zB. Schlachttieren die Angst vor dem Tod dadurch zu ersparen ist, daß der Schlachtort sorgfältig von allen Spuren einer eventuellen vorherigen Schlachtung zu reinigen ist.
Im aufgeklärten-rationalen Westen erspart man sich dies aus Kostengründen und verabreicht zB. Schweinen nach stundenlangem Antransport im Tiertransporter Beruhigungsmittel, da sie sonst in der Nähe des Schlachthofs aufgrund der Witterung vom Tod ihrer Artgenossen dort erführen und vor Angst zB. an einem Herzinarkt sterben könnten, woraufhin dann ihr Fleisch als ungenießbares Aas gälte und zu entsorgen anstatt zum Verzehr freizugeben wäre. Aber davon handelt der eingangs erwähnte FR-Artikel nicht.

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