Fußball, Rechtfertigungslehre, Leistungsprinzip und Würde

Irland: die Fields of Athenry

Ich mag meine Schüler_innen. Heute morgen im Ethikunterricht: nachdem wir in den vergangenen Wochen Ken Loach’s Film „Bread and Roses“ gesehen haben, ging es in den Stunden danach um den Begriff der Würde.
Was heißt „Würde des Menschen“, dieser zentrale und oberste Begriff des Grundgesetzes?
Sehr bald wird aus den Erfahrungsberichten der Auszubildenden deutlich, wie stark sie das Spannungsverhältnis von Leistungsprinzip und Würde in ihrem Lebensalltag auf der Haut spüren.
Als wir darüber reden, wo es gelungene Beispiele der Rebellion von Würde gegen das allmächtige, faktisch zur einzigen Religion der Gesellschaft gewordene Leistungsprinzip gibt, erwähnt eine Schülerin (!) das Verhalten der irischen Fußballfans bei der EM, die am 14.6. beim Stand von 0:4 gegen Spanien und damit dem sicheren Ausscheiden ihres Teams aus dem Wettbewerb 10 Minuten lang „Low lie the Fields of Athenry“ gesungen haben.
Daraufhin schmeiße ich die gesamte Unterrichtsplanung um

und wir beschäftigen uns bis zum Ende der Stunde mit der Geschichte dieses Lieds: eine junge Frau, Mary, singt vor der Gefängnismauer ein Abschiedslied für ihren lover Michael, der wegen Getreidediebstahls bei einem englischen Großgrundbesitzer in den Feldern der Umgebung von Athenry zur lebenslänglichen Verbannung nach Australien verurteilt wurde: ein Abschied für immer.
Er antwortet ihr aus dem Gefängnis, daß er seine Tat nicht bereut: ohne sie hätte ihr gemeinsames Kind keine Zukunft gehabt, sondern wäre (wie so viele während des Großen Hungers in den 1840er Jahren) gestorben. Es sind die Felder von Athenry, in denen ihre Liebe begann, und wo Michael sich an vorhandenem, aber fremdem Korn nahm, was er brauchte – im Sprachgebruch der Herrschaft: gestohlen hat. Es geht um Hunger, Liebe und Würde gegen Eigentum, Krone und Gefängnis in diesem Lied (Text), das so etwas wie eine zweite irische Hymne wurde, eine von unten, wie der Titel der „Low fields of Athenry“ schon deutlich macht.
In der Gänsehautszene, daß irische Fans ausgerechnet dieses Lied aus der Tradition der „rebel songs“ in einer wahrhaft hoffnungslosen Situation für ihre Mannschaft anstimmen, steckt unglaublich viel an Hoffnung und Widerständigkeit: Aufbegehren gegen die Herrschaft des alles beherrschenden Geldes, genauer: des Kapitalverhältnis und der von ihm ausgehenden Herrschaft von Menschen über Menschen, bis hin zum aktuellen Hass auf die von niemandem gewählte „Troika“, es geht um Liebe, Loyalität und selbstbehauptete Würde, Aneignung und Aktualisierung der Erinnerung daran, daß sich Würde und Liebe in dieser Welt, so lange sie ist, wie sie noch ist, nur auf dem Weg der Rebellion behaupten können.
Und, daß jede Niederlage in dieser Auseinandersetzung nichts gegen ihre tiefe Berechtigung, gegen ihre Wahrheit sagt.
In der Tradition evangelischer Theologie wird die Spannung von Leistung und dem jeder Diskussion entzogenen Recht auf Dasein in der Rechtfertigungslehre thematisiert. Die in ihr aufgehobene Unterscheidung von Gesetz und Evangelium hat die kriteriologische Funktion für die Frage, ob eine Position evangelisch ist oder nicht.
In den Debatten der radikalen Linken, den alternativlos notwendigen Kämpfen um soziale Befreiung ist die Perspektive einer Gesellschaft realer Gleichheit und Würde für alle der Kompass, der uns davor schützt, zum Reparaturbetrieb der Elendsverwaltung zu werden.
Die objektiv heute schon mögliche klassenlose Gesellschaft ohne Herrschaft, Hunger und Unterdrückung, mit vollständiger Partizipation und Würde für global alle wird die offene Frage nach der Wahrheit des Evangeliums ganz anders als heute in der gesellschaftlichen Praxis stellen können. Bis dahin bleibt sie prophetische, kontrafaktische Verheißung und Kraftquelle. Für die kommunistische Gesellschaft der Zukunft und darum für die sozialistische Umwälzung der Gesellschaft heute einzutreten heißt, für den Ort und die Zeit zu kämpfen, in der das Evangelium von der ohne jede Gegenleistung geschenkten Rechtfertigung des Gottlosen und Sünders seine Wahrheit umso ungehinderter beweisen wird, als es dann nicht mehr, wie heute weithin, im ideologischen Klassenkampf als Sedativ oder Opium mißbraucht werden kann.
Ein Sozialist kann Christ, ein Christ muß Sozialist sein“ (Helmut Gollwitzer).

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Eine Antwort zu Fußball, Rechtfertigungslehre, Leistungsprinzip und Würde

  1. meddlmichl schreibt:

    Reblogged this on Gulaschkantine und kommentierte:
    I’ll raise a pint of Stout to you!

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